Coronavirus Infektionszahlen steigen auch bei Kindern dramatisch

Die Zahl der Corona-Infektionen bei Kindern hat sich in den vergangenen Wochen verzehnfacht. Bund und Länder verhandeln bereits über härtere Maßnahmen. Kommt die Maskenpflicht für alle Schüler?
Steigende Infektionszahlen bei Kindern könnten über Maskenpflicht entscheiden

Steigende Infektionszahlen bei Kindern könnten über Maskenpflicht entscheiden

Foto: Uli Deck / dpa

Kindergärten und Schulen möglichst offen halten: Das ist das erklärte Ziel von Bund und Ländern für den Corona-Winter. Denn geschlossene Einrichtungen ziehen einen ganzen Rattenschwanz negativer Folgen nach sich. Wie gut Kinder lernen, bleibt dann vor allem an den Eltern hängen, die unfreiwillig zu Lehrern werden – zulasten ihrer Berufstätigkeit. Die Lernniveaus der Kinder drohen derweil weit auseinanderzuklaffen, je nachdem, wie viel Zeit Mama und Papa für die Schulstunde zu Hause aufbringen können.

Angesichts der hohen Infektionszahlen bleibt jedoch fraglich, unter welchen Bedingungen Schulen weiter geöffnet bleiben. Zwar zeichnet sich inzwischen ein erster positiver Trend ab – so verharrt die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen weiter auf hohem Niveau – doch das Wachstum hat sich merklich abgeschwächt.

Kann noch etwas den Regelunterricht retten?

Grund zur Erleichterung ist das für die Kanzlerin allerdings offenbar nicht. »Die Zahlen stabilisieren sich etwas. Aber zu langsam«, sagte Angela Merkel während einer Sitzung des CDU-Präsidiums laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Eine Beschlussvorlage bringt bereits mehrere Maßnahmen ins Spiel, die den Regelunterricht retten sollen. Übertriebene Vorsicht?

In den vergangenen Wochen ist die Zahl der nachgewiesenen Infektionen auch bei Kindern deutlich gestiegen. Das geht aus einer Präsentation des Robert Koch-Instituts hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Demnach wurden in der ersten Novemberwoche mehr als 10.400 Corona-Infektionen bei Kindern unter 14 Jahren gemeldet. Wie sich die Situation seitdem entwickelt hat, ist unklar. Neuere Daten werden erst am Dienstag erwartet.

Zum Vergleich: Anfang September wurden pro Woche noch weniger als 1000 Infektionen bei Kindern unter 14 Jahren gemeldet. Pro Woche betrachtet hat sich die Zahl der Infektionen bei Kindern also verzehnfacht. Die Zahlen bereiten Experten beim RKI Sorgen und könnten mitentscheiden, ob sich Bund und Länder für eine Maskenpflicht an Schulen entscheiden werden. (Eine Übersicht der Altersverteilung bei den Corona-Infektionen finden Sie hier .)

Dass Kinder nicht völlig vor einer Infektion mit dem Coronavirus gefeit sind, ist bekannt. »Nach den bisherigen Daten scheinen insbesondere bei jüngeren Kindern Infektionen mit Sars-CoV-2 seltener als bei Erwachsenen zu sein«, sagte Jörg Timm, Virologe am Universitätsklinikum Düsseldorf dem Science Media Center. »Ältere Kinder ab etwa 12 bis 14 Jahren unterscheiden sich nicht mehr von Erwachsenen.« Laut einer aktuellen Untersuchung aus Bayern hatten sich sechsmal mehr Minderjährige mit dem Coronavirus infiziert als bekannt.

In den allermeisten Fällen überstehen Kinder eine Infektion jedoch problemlos, teilweise haben sie überhaupt keine Symptome. Doch auch wenn Komplikationen extrem selten sind, steigt mit den Infektionen auch die Zahl der Kinder mit Covid-19 in den Krankenhäusern.

So mussten in der ersten Novemberwoche laut den Daten des RKI 91 Kinder unter 14 Jahren mit Covid-19 stationär behandelt werden. Ein eigens eingerichtetes Meldesystem der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die meisten Kinder mit Covid-19 im Krankenhaus haben demnach Fieber, Entzündungen der Atemwege und Magen-Darm-Probleme. Nur sieben Prozent der in dem Register erfassten Kindern im Krankenhaus mussten zeitweise auf der Intensivstation behandelt werden.

Noch ist die Zahl der Krankenhausfälle bei Kindern mit Covid-19 also überschaubar. Allerdings müssen in den Wintermonaten erfahrungsgemäß auch mehr Kinder mit anderen Atemwegsinfektionen im Krankenhaus behandelt werden. Kinderkliniken rechnen deshalb mit einer zusätzlichen Belastung. Je mehr Infektionen bei Kindern verhindert werden umso besser.

Was auf Schulen zukommen könnte

Um Ausbrüche an Schulen möglichst zu verhindern, haben Bund und Länder in einem bereits kursierenden Beschlusspapier mehrere Maßnahmen skizziert:

  • Maskenpflicht für alle Schüler und Lehrer, sowohl während des Unterrichts als auch auf dem Pausenhof

  • Klassen sollen halbiert und jeweils eine Hälfte der Schüler abwechselnd online und in der Schule unterrichtet werden

  • Zudem sollen auch Kinder aufgefordert werden, sich außerhalb der Schule möglichst nur mit einem Freund zu treffen

Inzwischen sollen die Passagen zu Schulen aus der Beschlussvorlage gestrichen worden sein, berichtet dpa. Doch selbst, wenn die Maßnahmen noch nicht jetzt beschlossen werden: Die Punkte zeigen, was noch kommen könnte, wenn die Zahlen nicht deutlich sinken.

Längst pochen mehrere Ministerpräsidenten darauf, Schulen stärker in den Fokus zu nehmen. Allen voran Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich zuletzt für Wechselunterricht aussprach. »Der eine Teil wird via Internet zu Hause beschult, der andere in der Schule«, sagte Söder im ZDF-»Morgenmagazin«. Zuvor hatte der CSU-Politiker in einer Sendung der »Bild« zudem eine bundesweit einheitliche Maskenpflicht an Schulen gefordert. Bisher entscheidet jedes Bundesland selbst über Hygienemaßnahmen an Schulen.

Wie sinnvoll wäre eine Maskenpflicht für alle Schüler? Studien zeigen: Das Tragen einer Maske ist für Kinder lästig. Eine gesundheitliche Gefahr sind sie jedoch nach allen bisherigen Erhebungen nicht . So führt eine Maske auch bei Kindern nicht zu einer bedenklichen Erhöhung der Kohlendioxid-Konzentration im Blut. Auch die seelische Gesundheit von Kindern wird durch Masken nicht nachteilig beeinflusst, ergab eine bundesweite Studie .

Experten für Kindermedizin halten es deshalb für vertretbar, wenn auch Grundschüler zeitlich begrenzt Maske tragen. Von Schals und Masken mit langen Bändern raten Kinderärzte allerdings ab, weil sich diese unbeabsichtigt um den Hals wickeln und je nach Material das Atmen deutlich erschweren können. Besser geeignet sind OP-Masken in richtiger Größe oder selbst genähte Masken.

Wie ansteckend sind Kinder?

Die Kultusministerkonferenz hatte allerdings kürzlich noch betont, Schulen seien kein Treiber der Pandemie. Auch in einer Erhebung des RKI wurden nur sehr wenige Infektionen an Schulen nachgewiesen. Ähnlich ist es in Kindergärten. Wenn es dort zu Infektionen kam, dann vor allem bei Erzieherinnen und Erziehern.

Allerdings ist bei drei Viertel der Corona-Infizierten nicht bekannt, wo sie sich angesteckt haben. Und die Wissenschaft ringt um eindeutige Antworten, welche Rolle Kinder in der Pandemie spielen. Einige Studien sprechen dafür, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene, andere dagegen .

Schon jetzt ist die Situation an Schulen angespannt. Laut Schätzungen waren zuletzt 300.000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne. Der Wert lässt sich jedoch unmöglich exakt beziffern, weil jedes Bundesland die Daten anders erhebt. Auch wer in Quarantäne muss – nur der Sitznachbar oder vorsorglich die ganze Klasse – regelt jedes Land anders. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

DER SPIEGEL

»Anhand der bisher vorliegenden Informationen ist davon auszugehen, dass die Kinder bei der Übertragung von Sars-CoV-2 generell eine geringere Rolle als bei Influenza spielen«, sagte Rafael Mikolajczyk, Epidemiologe an Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dem Science Media Center. »Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Übertragung innerhalb von Schulen gering ist – und man kann annehmen, dass die Hygienekonzepte deutlich zur Reduktion des Risikos beitragen können.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Viel mehr als Masken, Unterricht mit Winterjacke bei offenem Fenster sowie Luftfilter , die jedoch teilweise nur schwer zu bekommen sind, bleibt den Schulen derzeit auch nicht. Bleibt zu hoffen, dass das ausreichen wird.

Mitarbeit: Gerald Traufetter

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.