Corona-Pandemie "Der Ausbruch ist beherrschbar geworden"

Nach einem Monat Ausnahmezustand ziehen Gesundheitsminister Spahn und RKI-Chef Wieler erstmals eine positive Bilanz. Aber die Deutschen müssen lernen, mit der Dauerkrise zu leben.
Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, und Gesundheitsminister Jens Spahn im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin

Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, und Gesundheitsminister Jens Spahn im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Nach einem Monat Lockdown häufen sich die guten Nachrichten: "Wir waren erfolgreich", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Robert Koch-Institut. Aus dem dynamischen sei ein lineares Wachstum bei den Covid-19-Neuinfizierten geworden. Es genesen mittlerweile mehr Leute, als sich neu infizieren. Damit sei der Ausbruch in Deutschland beherrschbar geworden.

Spahn stützt sich dabei auf die neuen Zahlen der Wissenschaft. Diese bestätigen die positive Entwicklung: "Wir haben einen wirklich guten Zwischenstand", sagte auch Lothar H. Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts. Der tägliche Anstieg der Fallzahlen habe sich deutlich abgeschwächt, auch wenn es noch starke regionale Unterschiede gebe.

Schon am Donnerstagabend veröffentlichte das Institut eine Statistik, der zufolge jeder Infizierte nun weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. "Die Reproduktionsrate liegt derzeit bei nur noch 0,7 - das heißt, dass nicht mehr jede Person immer eine andere ansteckt", sagte der RKI-Chef. Allerdings meldeten die Gesundheitsämter bundesweit immer noch mehr als 3000 Fälle pro Tag. Mehr als 81.000 Menschen seien wieder genesen. Derzeit infiziere sich immer mehr medizinisches Personal, das mit Covid-19-Patienten arbeite.

Der Wermutstropfen sind steigende Todesfälle, sagte Wieler. Mittlerweile gehen 2,9 Prozent der offiziell gemeldeten Infektionen tödlich aus. Erfreulich sei hingegen, dass es weiterhin keine Engpässe in den Krankenhäusern gebe.

DER SPIEGEL

"Unser Gesundheitssystem war nie überfordert", sagt auch Minister Spahn. Die Horrorszenarien aus anderen Ländern mit überfüllten Krankenhäusern konnten verhindert werden. Deutschland habe 40.000 Intensivbetten, davon seien 10.000 derzeit nicht belegt.

Weil die Ansteckungsrate in Deutschland weiter sinkt, sollen laut dem Gesundheitsminister nun die Beschränkungen im Klinikbetrieb schrittweise gelockert werden. Er empfiehlt weiterhin 25 bis 30 Prozent der Intensiv- und Beatmungsbetten für Covid-19-Patienten zu reservieren. Gleichzeitig solle aber auch der Regelbetrieb wieder angefahren werden. "Es gibt eine neue Normalität in den Krankenhäusern", so Spahn.

Flächendeckende Tests und Maskenpflicht soll es weiterhin nicht geben

Eine Absage erteilte der Gesundheitsminister der Forderung nach flächendeckenden Tests. Diese seien ja immer nur eine Momentaufnahme. Derzeit seien rund neun Prozent aller Tests positiv und mehr als 1,7 Millionen Menschen seien in Deutschland getestet worden. Man sei laut RKI mittlerweile bei 350.000 Tests pro Woche - könnte aber sogar bis zu 730.000 testen. "Wir könnten die Tests noch strategisch besser einsetzen, beispielsweise vermehrt in Altenheimen und Pflegeheimen", so RKI-Chef Wieler.

Auch eine Maskenpflicht hält Minister Spahn weiterhin nicht für notwendig. Was die Versorgung mit Masken angehe, sei man aber in einer besseren Lage: Allein diese Woche seien 80 Millionen Masken nach Deutschland geliefert worden, davon zwei Millionen besonders sichere FFP-2 Masken. Schon bald sollen laut Spahn in Deutschland 10 Millionen FFP-2-Masken und 40 Millionen OP-Masken pro Woche produziert werden.

"Wir müssen lernen, mit der Krise zu leben - auch längerfristig", dämpfte der Minister die Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Pandemie.

Impfstoffe in der Entwicklung

"Der echte Gamechanger wäre nur ein Impfstoff", sagte Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) auf der Pressekonferenz in Berlin. Das PEI ist als Bundesinstitut unter anderem für Impfstoffe und Arzneimittel für neuartige Therapien zuständig.

"Wir brauchen verträgliche Impfstoffe und müssen dafür mehrere Phasen der klinischen Prüfungen durchlaufen", so Cichutek. Nicht die Zulassung des Impfstoffs dauere lange, sondern seine Entwicklung. Es müssten alle Risiken abgeklärt werden.

Bisher gebe es weltweit 50 bis 60 Impfstoffprojekte. Auch in Deutschland soll es laut PEI bald eine erste klinische Studie zu einem Impfstoff geben.

sug
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