Corona-Studie Kinder offenbar doch ansteckender als gedacht

Bislang galten Kinder nicht als Treiber der Pandemie, doch nun zeigt eine umfangreiche Analyse von Infektionsketten in Indien: Sie geben das Virus offenbar doch weiter - vor allem an Gleichaltrige.
Forscher: Die Rolle von Kindern könnte unterschätzt werden

Forscher: Die Rolle von Kindern könnte unterschätzt werden

Foto: Mayur Kakade / Getty Images

Laut einer umfangreichen Analyse von Infektionsketten könnten Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus eine größere Rolle spielen, als frühere Untersuchungen nahelegten. Zudem gibt offenbar nur ein Bruchteil der Infizierten das Virus weiter, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Science" .

Für die Analyse hatten die Wissenschaftler Daten von mehr als 570.000 Menschen aus allen Altersstufen ausgewertet, die dem Coronavirus ausgesetzt waren, weil sich jemand in ihrem direkten Umfeld angesteckt hatte. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • 70 Prozent der Infizierten gaben das Virus offenbar überhaupt nicht weiter. Im Gegensatz dazu ging mehr als die Hälfte der erfassten Neuinfektionen auf nur acht Prozent der ursprünglich Infizierten zurück - sie wirkten als sogenannte Superspreader.

  • Infizierte Kinder gaben das Virus laut den Daten vor allem an Gleichaltrige weiter. So steckte sich knapp jedes vierte Kind zwischen einem und vier Jahren an, wenn es Kontakt zu einem infizierten Kleinkind hatte. In der Altersstufe der 5- bis 17-Jährigen war es immerhin noch jedes Fünfte. "Kinder sind sehr effiziente Überträger, was sich in früheren Studien nicht so gezeigt hat", sagte Studienautor Ramanan Laxminarayan von der Princeton University. Erwachsene wurden von Kindern dagegen offenbar deutlich seltener angesteckt, hier lag der Wert zwischen fünf und acht Prozent.

  • Insgesamt betrug die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken zwischen 2,6 und neun Prozent. Am höchsten war das Risiko, wenn die Betroffenen in einem Haushalt zusammenlebten.

Schon seit Beginn der Pandemie wird untersucht, welche Rolle Kinder in der Pandemie spielen. Klar ist, dass sie deutlich seltener schwer an Covid-19 erkranken als Erwachsene . Umstritten ist jedoch, in welchem Maß sie das Virus weitergeben. Bei anderen Infektionskrankheiten wie der Grippe gelten Kinder als Treiber. Ist das bei Corona auch so? Einige Untersuchungen sprechen dafür, andere dagegen.

So hatte ein Forscherteam um Christian Drosten gezeigt, dass infizierte Kinder ähnlich viele Viren im Rachen tragen wie Erwachsene. Das könnte darauf hindeuten, dass sie ähnlich ansteckend sind. Untersuchungen von Infektionsketten in Haushalten zeigten allerdings nur in Einzelfällen, dass Kinder und Jugendliche andere ähnlich häufig  oder sogar häufiger anstecken  als Erwachsene. Zudem sind inzwischen einzelne Corona-Ausbrüche an Schulen bekannt.

Auch die aktuelle Analyse kann diesen Widerspruch nicht vollends aufklären. Studien zur Kontaktverfolgung sind extrem aufwendig. Und längst nicht immer lässt sich rekonstruieren, wer zuerst infiziert war. Vor allem, weil wahrscheinlich auch Menschen ohne Symptome ansteckend sein können. Kinder dürften deshalb nur selten als Indexpatienten erkannt werden, vermuten die Forscher. So waren nur 64 der mehr als 1300 Indexpatienten, für die Testergebnisse ihrer Kontaktpersonen vorlagen, Kinder. Ihre Rolle in der Pandemie könnte dadurch unterschätzt werden, schreibt das Forschungsteam.

Eindeutiger als die Rolle der Kinder zeigte sich in den Daten die zweite wichtige Erkenntnis der Studie: die Bedeutung von Superspreading-Events. Entscheidend dabei sind wahrscheinlich nicht die Infizierten selbst, sondern die Umstände, unter denen sie mit anderen in Kontakt kommen. "Superspreading-Events sind eher die Regel als die Ausnahme, wenn man sich die Ausbreitung von Covid-19 in Indien anschaut und wahrscheinlich auch in allen anderen betroffenen Gebieten", sagt Laxminarayan.

"Größte empirische Demonstration von Superspreading, die uns für irgendeine Infektionskrankheit bekannt ist"

Um einzuschätzen, welche Rolle einzelne Ausbrüche in einer Pandemie spielen, nutzen Epidemiologen den sogenannten Dispersionsfaktor oder Streuparameter k. Er beschreibt, wie stark die Zahl der Menschen variiert, die jemand ansteckt. Je kleiner k ist, desto mehr Infektionen gehen auf eine oder einige wenige Situationen zurück - die sogenannten Superspreader-Events. In diesem Fall breitet sich eine Pandemie nicht gleichmäßig aus, sondern in einzelnen großen Ausbrüchen.

Von dem mit dem Coronavirus eng verwandten Erreger Sars ist bekannt, dass fast drei Viertel der Infizierten das Virus kaum weitergeben. Experten schätzen den Dispersionsfaktor k bei Sars deshalb auf etwa 0,16 - ein besonders geringer Wert. Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass sich auch Sars-CoV-2 vor allem in Clustern ausbreitet - das kann eine Familienfeier sein oder eine Wohngemeinschaft.

Bleiben diese Cluster unentdeckt, kann es zu einem Punkt kommen, ab dem die Fallzahlen plötzlich wieder schnell steigen, ohne dass es dafür einen offensichtlichen Grund gibt. "Wir wissen gar nicht, was sich geändert hat, aber es wird einfach immer mehr", beschrieb Drosten die Situation Anfang September im NDR-Podcast.  Das könnte auch die rasant steigenden Fallzahlen in Ländern wie Frankreich erklären. "Unsere Studie", sagt nun Studienautor Laxminarayan, "ist die größte empirische Demonstration von Superspreading, die uns für irgendeine Infektionskrankheit bekannt ist."

koe