Langzeitfolgen Corona könnte Tinnitus auslösen oder verschlimmern

Hörverlust, Schwindel und Ohrensausen: Eine Studie dokumentiert Fälle, in denen sich Covid-19 auf das Gehör auswirkte. Doch das Virus muss nicht die alleinige Ursache sein.
Dauerhaftes Ohrensausen kann für Betroffene sehr belastend sein

Dauerhaftes Ohrensausen kann für Betroffene sehr belastend sein

Foto: Animaflora / iStockphoto / Getty Images

Viele kennen das unangenehme Pfeifen im Ohr aus Zeiten, als es noch keine Coronamaßnahmen gab und Diskotheken noch geöffnet hatten. Nach einer durchtanzten Nacht mit lauter Musik piept es häufig noch den gesamten nächsten Tag im Ohr. Doch das nervige Geräusch verschwindet in den allermeisten Fällen wieder. Anders geht es Menschen, die an einem Tinnitus leiden. Das Ohrensausen kommt immer wieder – oder hält sogar dauerhaft an. Der Leidensdruck für Betroffene ist groß.

Eine Überblicksstudie, die Anfang der Woche im »Journal of International Audiology«  erschienen ist, legt nun nahe, dass ein krankhafter Tinnitus auch mit Covid-19 zusammenhängen könnte. Zu diesem Schluss kamen britische Forscher nach der Untersuchung von knapp 60 Querschnittsstudien und Fallberichten. Rund 15 Prozent der Patientinnen und Patienten berichteten demnach von Ohrensausen, das nach ihrer Covid-19-Infektion aufgetreten oder durch die Krankheit verstärkt worden sei.

28 der in den Studien beobachteten Patientinnen und Patienten berichteten von Schwerhörigkeit oder einem kompletten Hörverlust infolge ihrer Covid-19-Erkrankung. Die Studienautoren merken an, dass in einigen der Untersuchungen nicht klar wird, ob die Symptome bereits vor der Infektion bestanden hatten und durch Covid-19 verstärkt wurden oder ob es sich um komplett neu aufgetretene Symptome handelte.

Bislang sind Tinnitus oder ein eingeschränktes Hörvermögen in Deutschland nicht als Covid-19-Symptome gelistet . Der britische National Health Service (NHS) führt Tinnitus und Ohrenschmerzen jedoch auf seiner Liste der Symptome bei Long Covid , also durch Covid-19 verursachte Beschwerden, die Betroffene teils noch Monate nach ihrer Erkrankung haben.

Nach Veröffentlichung der Studie habe der Co-Autor Kevin Munro von der Universität in Manchester viele Rückmeldungen bekommen: »In den ersten 24 Stunden danach erhielt ich rund hundert E-Mails von Menschen, die gesagt haben ›Ich bin so glücklich, das zu lesen, mein Arzt hat mich für verrückt erklärt, als ich Tinnitus als eines der Symptome nannte. Jetzt weiß ich, dass ich damit nicht allein bin‹«, sagte der Audiologe der »New York Times« .

»Es gibt viele Viruserkrankungen, die sich aufs Gehör auswirken, etwa Masern, Mumps und Röteln«, sagt die Audiologin Eldre Beukes von der Anglia Ruskin University in England laut »New York Times« . Sie hat im vergangenen Jahr eine Studie durchgeführt, in der sie 3100 Menschen mit Tinnitus untersuchte. 237 Studienteilnehmer gaben an, mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen zu sein. Bei 40 Prozent von ihnen habe sich der Tinnitus seitdem »bedeutend verschlechtert«.

Eine Studienteilnehmerin berichtete demnach, dass sie ihr Leben lang auf dem rechten Ohr schwerhörig war. Bei der Geburt ihrer Tochter vor zwei Jahren kam ein Summen in beiden Ohren hinzu, das nicht mehr verschwand. Im September infizierte sie sich mit Sars-CoV-2. »Es hat sich bei mir sofort auf die Ohren ausgewirkt«, sagt die Frau laut NYT. »Auf einer Skala von eins bis zehn war das Summen davor bei drei, jetzt ist es bei sieben.«

Corona = Stress = Tinnitus

Die genauen Ursachen für Tinnitus sind nicht geklärt und können vielfältig sein (lesen Sie hier mehr zu den Ursachen und Risikofaktoren von Tinnitus ). Oft tritt das Ohrensausen infolge eines Hörsturzes auf, der wiederum durch Stress oder starke Lärmbelastung ausgelöst werden kann. Auch in der britischen Überblicksstudie bleibt die Frage nach möglichen physiologischen Ursachen offen.

Die Verschlechterung des Tinnitus, von der einige Studienteilnehmer berichteten, muss also nicht unbedingt durch die Krankheit selbst hervorgerufen worden sein. Sie könne laut Beukes auch mit den Medikamenten zusammenhängen, die Patientinnen und Patienten gegen Covid-19 einnähmen. »Und da wäre der altbekannte Zusammenhang zwischen Tinnitus und Stress«, sagt sie.

Und gestresst sind inzwischen viele in der Coronapandemie. Homeschooling, Angst vor Ansteckung, finanzielle Nöte, Isolation oder sozialer Druck etwa können das Stresslevel eines jeden Einzelnen verschlimmern – und dadurch auch die Gefahr für einen Tinnitus erhöhen. Bei Menschen, die bereits unter Tinnitus leiden, könnte sich das Ohrensausen daher auch unabhängig von einer Infektion mit dem Virus verschlimmern.