Coronakrise in China 50 Tage Ausbruch

Die chinesische Millionenmetropole Wuhan erlebte einen der härtesten Corona-Shutdowns. Nun zeigt eine Studie, wie die Pandemie wohl ohne die Maßnahmen verlaufen wäre.
Krankenhaus in Wuhan: Forscher haben untersucht, was der Shutdown in den ersten 50 Tagen des Ausbruchs gebracht hat

Krankenhaus in Wuhan: Forscher haben untersucht, was der Shutdown in den ersten 50 Tagen des Ausbruchs gebracht hat

Foto: STR/ AFP

"Wir warnen Sie ernsthaft: Wenn Sie nicht lockerlassen, impertinent bleiben und sich weiterhin an illegalen Aktivitäten beteiligen, wird das Gesetz Sie bestrafen": Die Worte der chinesischen Polizei an den Arzt Li Wenliang klingen wie eine Drohung. Sie waren auch so gemeint. Li sollte nicht länger behaupten, dass in der Metropole Wuhan - wo er praktizierte – eine Lungenkrankheit umgeht.

Am 30. Dezember hatte Li ehemalige Kommilitonen in einem Chat vor der Krankheit gewarnt, die er damals für das Atemwegssyndrom Sars hielt, das ähnliche Symptome hervorruft wie Covid-19. Kurze Zeit später wurde Li von der Polizei vorgeladen. Er musste versprechen, keine "Gerüchte mehr zu verbreiten". Auf einer entsprechenden Unterlassungserklärung prangt in roter Tinte sein Fingerabdruck.

Inzwischen ist klar: Li hatte recht, weltweit wird er als Whistleblower gefeiert, der mit als Erster vor dem neuartigen Coronavirus warnte.

Eine Woche nachdem Li bei der Polizei versichern musste, keine vermeintlichen Lügen zu verbreiten, bekam er Husten, dann Fieber, dann musste er ins Krankenhaus. Ein Test auf das Coronavirus fiel positiv aus. Anfang Februar starb Li. Er wurde 33 Jahre alt.

Sein Schicksal zeigt, dass chinesische Behörden anfangs versuchten, die Lungenkrankheit möglichst diskret zu behandeln, um keine Panik zu verursachen. Doch irgendwann muss ihnen klar geworden sein, dass sich die Epidemie nicht mehr vertuschen ließ.

Die chinesische Regierung reagierte mit drastischen Maßnahmen: Ab dem 23. Januar waren ganze Städte abgeriegelt , Millionen Menschen durften ihr Haus nicht verlassen, die Auflagen wurden streng kontrolliert. Wer dagegen verstieß, riskierte Gefängnis oder gar die Todesstrafe.

Abwarten, was die Maßnahmen bringen

Viele Staaten blickten damals mit Staunen nach China. Geschlossene Schulen, Geschäfte, Restaurants oder Ausgangssperren? Viele Nationen, darunter auch Deutschland, schlossen solche Maßnahmen zunächst aus, um sie kurze Zeit später doch zu erlassen.

Selbst Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren zunächst erstaunt ob des chinesischen Eifers, nannten die Beschränkungen "beispiellos", stellte aber klar, dass China nicht auf Empfehlung der WHO gehandelt habe. Man müsse abwarten, was die Maßnahmen bringen, hieß es.

Genau dieser Frage ist ein internationales Forscherteam nun nachgegangen. Ihr Ergebnis ist eindeutig: Die strengen Maßnahmen haben wahrscheinlich Hunderttausende Infektionen verhindert und das Ausbreiten der Epidemie in China um mehrere Tage verzögert - wertvolle Zeit, während der sich andere Städte gegen das Virus wappnen konnten, berichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Science" .

Lockdown könnte allein in China 700.000 Infektionen verhindert haben

Ohne den Lockdown in Wuhan hätte es demnach in den ersten 50 Tagen des Ausbruchs wahrscheinlich 700.000 Corona-Infektionen mehr gegeben, allein in China. "Chinas Kontrollmaßnahmen scheinen gewirkt zu haben, indem sie die Übertragungskette erfolgreich durchbrochen haben", sagte Christopher Dye von der Oxford University, der an der Studie mitgearbeitet hat.

Für ihre Analyse haben die Forscher Fallberichte, Behördenangaben und Handydaten ausgewertet. Daraus rechneten sie hoch, wie viele Infektionen es in China ohne Reisebeschränkungen gegeben haben müsste, und verglichen sie mit den tatsächlichen Zahlen. Ergebnis: Wäre alles normal weitergelaufen, hätten sich allein in China mehr als 700.000 Menschen mit dem Virus angesteckt. Tatsächlich wurden nur 75.000 Fälle gezählt.

Allerdings, geben die Forscher zu bedenken, ist es wahrscheinlich, dass längst nicht alle Fälle von Covid-19 erfasst wurden. Zudem lässt sich nicht klar differenzieren, welchen Einfluss der Shutdown gegenüber der konsequenten Isolation von nachweislich Erkrankten hatte. Dass die sinkenden Fallzahlen in China überhaupt nichts mit dem Shutdown zu tun haben, halten die Forscher allerdings für sehr unwahrscheinlich.

"In den Untersuchungszeitraum fielen zwei große Feste in China", erklärt Studienautor Ottar Bjornstad von der Pennsylvania State University. "Mit den Handydaten konnten wir rekonstruieren, wie stark die Beschränkungen den Reiseverkehr im Vergleich zu den beiden Vorjahren reduziert haben." Auf Basis dieser Daten konnten die Forscher die wahrscheinliche Abnahme von Infektionen in anderen Städten berechnen, die wahrscheinlich von Wuhan ausgegangen wären. So hätten in den Vorjahren im Schnitt 6,7 Millionen Menschen die Stadt rund um das chinesische Neujahrsfest verlassen. Die Reisebeschränkungen setzten diese Zahl quasi auf null.

Wegen der geltenden Reisebeschränkungen hat sich die Ausbreitung des Virus zudem schätzungsweise um drei Tage verzögert. Städte, die rechtzeitig öffentliche Einrichtungen und den Nahverkehr geschlossen hatten, verzeichneten ein Drittel weniger bestätigte Fälle als Regionen, die die Maßnahme erst erließen, als sich Corona-Fälle erstmals häuften.

Experten zweifeln an Zahlen aus China

Inzwischen gibt es in China seit Wochen so gut wie keine Corona-Infektionen mehr, zumindest offiziell. Die Beschränkungen werden allmählich zurückgefahren. Experten zweifeln jedoch an dem drastischen Rückgang. Auch der US-Geheimdienst soll von geschönten Zahlen ausgehen, berichtete das Nachrichtenportal "Bloomberg"  und beruft sich auf die Angaben von drei nicht namentlich genannten Mitarbeitern. Die offiziellen Corona-Zahlen seien bewusst unvollständig oder gar gefälscht, heißt es demnach in einem Bericht, der auch dem Weißen Haus vorliegen soll.

US-Präsident Donald Trump bestreitet den Bericht zwar, an den Angaben Chinas zweifle er aber auch so. "Die Zahlen erscheinen mir ein wenig geschönt", sagte er bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. "Und ich bin noch nett, wenn ich das so sage."

China hat als Reaktion auf die Kritik angekündigt, mehr Daten zu veröffentlichen und die offizielle Zählstatistik anzupassen. So sollen fortan auch nachweislich Infizierte erfasst werden, die keine Symptome haben. Ob das reichen wird, um die Zweifel auszuräumen, ist fraglich.

Shutdown in China nicht mit Ausgangsbeschränkungen in Deutschland zu vergleichen

In Wuhan werden die Beschränkungen indes zurückgefahren. Aber China sei keineswegs über den Berg, betonen die Autoren der aktuellen "Science-Studie". Sie halten einen erneuten Ausbruch des Coronavirus für wahrscheinlich.

"Bisher hat sich nur ein kleiner Teil der chinesischen Bevölkerung infiziert, ein weitaus größerer Teil läuft noch immer Gefahr, an Covid-19 zu erkranken", sagt Huaiyu Tian von der Pädagogischen Universität Peking. "Wir sind uns sehr bewusst, dass örtliche oder importierte Infektionen zu neuen Übertragungsketten führen könnten." (Warum China überzeugt ist, die Pandemie kontrollieren zu können, lesen Sie hier .)

Könnte Deutschland dem Beispiel Chinas folgen und nach drei Monaten allmählich zum normalen Leben zurückkehren? Welche Maßnahmen sich als besonders effektiv entpuppen und ob die Fallzahlen auch in anderen Ländern sinken, bleibt laut den "Science"-Forschern abzuwarten.

Der Shutdown in China, betonten Experten wie der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler immer wieder, ist mit den aktuellen Maßnahmen in Deutschland überhaupt nicht zu vergleichen. Er wäre auch nicht mit den geltenden Grundrechten vereinbar.