Auswirkungen der Pandemie Die Krise im Kopf

Immer wieder wurde vor den psychischen Folgen der Corona-Maßnahmen gewarnt. Von mehr Depressionen war die Rede und von höheren Suizidzahlen. Ist es dazu gekommen?
Frau mit Mundschutz: "Menschen mit Depressionen denken, sie sind selbst schuld"

Frau mit Mundschutz: "Menschen mit Depressionen denken, sie sind selbst schuld"

Foto: Soeren Stache/ dpa

Wochenlang galten in Deutschland strenge Ausgangsbeschränkungen, soziale Kontakte waren stark reduziert. Während Virologen die Maßnahmen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus als medizinisch notwendig verteidigten, warnten andere vor ihren gesundheitlichen Folgen: Durch die Pandemie und die Kontaktsperren drohe eine erhebliche Zunahme an Depressionen, Angstzuständen und häuslicher Gewalt, schrieben etwa internationale Forscher Anfang April im Fachjournal "Jama" . Und der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) befürchtete sogar eine wachsende Zahl an Suiziden .

Auch wenn die Krise noch anhält und abschließende Daten für Deutschland nicht vorliegen, gibt es aus dem In- und Ausland bereits erste Hinweise darauf, welche psychischen Auswirkungen die Pandemie tatsächlich hat. Und diese geben immerhin in Teilen Anlass zu vorsichtigem Optimismus. So meldete Japan  unlängst, die Selbstmordrate habe dort entgegen der Erwartungen im April ganze 20 Prozent unter dem Vorjahreswert gelegen. Zwar galt in dem asiatischen Land keine strenge Ausgangssperre, die meisten Menschen blieben aber freiwillig zu Hause. Und eine Umfrage der "Augsburger Allgemeinen"  bei allen zuständigen Landesbehörden in Deutschland ergab Anfang Mai, dass auch hierzulande bisher nirgendwo auffällig gestiegene Suizidzahlen erfasst wurden.

Ebenso wenig erkennen Fachleute bislang eine starke Zunahme an Depressionen. Zwar kam eine repräsentative Studie  der Donau-Universität Krems Anfang Mai zu dem Ergebnis, dass "depressive Symptome" in Österreich in der Krise etwa fünfmal häufiger aufgetreten seien als vorher. Allein das Vorhandensein von Symptomen wie Angst oder Schlafstörungen lasse aber nicht den Schluss zu, dass tatsächlich eine Depression vorliege, sagt der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, dem SPIEGEL. "Depression ist eine eigenständige, schwere Erkrankung und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände. Entscheidend ist das Vorliegen einer entsprechenden Veranlagung. Deswegen erwarte ich nicht, dass es jetzt zu einer Epidemie an Depressionen kommt."

Zustand bereits Erkrankter verschlechtert sich

Aber lässt sich daraus folgern, dass die Krise keine schweren psychischen Folgen hat? Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Es sei zwar unwahrscheinlich, dass die Coronakrise in großer Zahl bislang gesunde Menschen in eine Depression führe, so der Psychiater Hegerl. Das eigentliche Problem liege jedoch darin, dass sich die Versorgung und der Zustand von Menschen mit vorhandener Diagnose verschlechtere. Allein in Deutschland leiden laut Deutscher Depressionshilfe rund 5,3 Millionen Patienten unter der Krankheit. Ihre Lebenserwartung ist um etwa zehn Jahre verkürzt.

Wo erhalten Menschen mit einer Depression Hilfe?
  • Hausärzte, Psychiater oder Psychotherapeuten

  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: 0800-33 44 5 33 (kostenfrei)

  • Homepage  der Deutschen Depressionshilfe mit wichtigen Adressen und einem Selbsttest

  • fachlich moderiertes Online-Forum  zum Erfahrungsaustausch

  • kostenfreies Online-Programm  zur Unterstützung beim Umgang mit den Symptomen einer Depression

"Die Betroffenen haben größere Schwierigkeiten, sich mit den veränderten Lebensumständen zurechtzufinden", erklärt Hegerl. "Das Risiko ist groß, dass sie sich verstärkt ins Bett zurückziehen und grübeln. Dies ist problematisch, da langer Schlaf und lange Bettzeit Depressionen verstärken können." Hinzu komme, dass Betroffene in der Coronakrise seltener Ärzte oder Psychologen aufsuchten. Dabei sei nicht nur die Sorge vor einer Ansteckung groß: "Menschen mit Depressionen denken, sie sind selbst schuld und sie dürfen jetzt nicht auch noch die knappen Ressourcen mit ihren Problemen in Anspruch nehmen."

Angehörige sollten wachsam sein

Wenn es also doch noch zu einem Anstieg der Suizidzahlen kommen sollte, dann dürfte das vor allem daran liegen, dass Menschen mit bereits vorhandenen psychischen Erkrankungen wegen der Krise unbehandelt bleiben. Hegerl ermutigt deshalb alle Betroffenen, die Erkrankung konsequent behandeln zu lassen. Vermehrt werden auch von Ärzten und Psychotherapeuten Videosprechstunden angeboten. "Wenn ich merke, es verändert sich mein ganzes Leben, ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder und ich habe gar finstere Gedanken bis hin, mir etwas anzutun, dann ist es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen." Auch Angehörige seien gefragt, trotz der Kontaktbeschränkungen wachsam zu sein und gegebenenfalls professionelle Unterstützung zu organisieren.

Ob eine richtige Depression vorliegt oder nur eine Befindlichkeitsstörung, können Fachleute anhand von verschiedenen Kriterien unterscheiden. Dazu gehören unter anderem:

  • Affektstarre: Menschen mit Depressionen wirken oft eingefroren, ihre Gefühle und Stimmungen bewegen sich beim Gespräch nicht mit.

  • Gefühl der Gefühllosigkeit: Patienten mit Depressionen berichten, sie fühlten sich innerlich wie versteinert, könnten keine Gefühle wahrnehmen, nicht einmal negative.

  • Schuldgefühle: Betroffene sagen häufig, sie hätten alles falsch gemacht, sie seien selbst schuld und nur eine Belastung für andere.

  • Tagesschwankungen: Bei einer Depression führt Schlaf nicht zur Erholung, sondern verstärkt die Krankheit oft. Deshalb ist die Depression am Morgen meist stärker ausgeprägt als am Abend.

  • Familiäre Vorbelastung: Die Depression ist eine teilweise genetisch bedingte Krankheit. Wenn bereits Angehörige betroffen waren, kann das ein Hinweis sein.

Wie sich die schlechtere Versorgung von psychisch kranken Menschen in der Coronakrise auf lange Sicht auswirken könnte, kann man noch nicht abschätzen. Neben einer Verstärkung bereits vorhandener Depressionen und einer zeitversetzten Zunahme an Suiziden ist auch eine negative Entwicklung bei Zwangserkrankungen  oder Suchtverhalten denkbar. Zahlen der GfK-Konsumforscher  zeigen, dass von Ende Februar bis Ende März in Deutschland 34 Prozent mehr Wein gekauft wurde als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr. Auch klare Spirituosen wie Gin oder Korn waren begehrt, hier betrug die Steigerung 31,2 Prozent. Fachleute warnen, dass die mangelnde soziale Kontrolle in den vergangenen Monaten das Problem der Alkoholsucht verstärkt haben könnte  - belastbare Daten liegen hierzu aber noch nicht vor.

Häusliche Gewalt nimmt in Quarantäne zu

Ähnlich unklar ist noch immer das Bild beim Thema häusliche Gewalt. Weil sich viele Betroffene nicht an die Behörden wenden können oder wollen, werden die meisten Fälle vermutlich nie offiziell erfasst. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die häusliche Gewalt in der Coronakrise ein deutlich größeres Problem darstellt als sonst.

So kam die wöchentliche repräsentative COSMO-Studie , die sich mit der Risikowahrnehmung der Menschen in der Pandemie befasst, am vergangenen Freitag zu dem Ergebnis, dass sich derzeit fünf Prozent der Befragten von ihrem Partner oder ihrer Partnerin bedroht fühlen - und von denen, die sich zum Befragungszeitpunkt in Quarantäne befanden, waren es sogar fast acht Prozent. Knapp sechs Prozent der Teilnehmer in Quarantäne gaben an, dass es in den vergangenen sieben Tagen zu körperlichen Auseinandersetzungen mit dem Partner gekommen sei - verglichen mit nur 0,9 Prozent von denen, die sich nicht in Quarantäne befanden.

"Es gibt ein höheres Konflikt- und Gewaltpotential in Haushalten, in denen Befragte strengen Ausgangsbeschränkungen aufgrund von Heimquarantäne unterlagen, und auch in Haushalten, in denen sich Befragte Sorgen machen, dass sie aufgrund der aktuellen ökonomischen Situation ihren Arbeitsplatz verlieren könnten", sagt Cara Ebert vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung dem SPIEGEL. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Janina Steinert von der Technischen Universität München hat sie die Befragung zur häuslichen Gewalt geleitet. "Wir sehen außerdem, dass Haushalte mit Kindern ein höheres Konfliktpotential aufweisen. Das Stresslevel von Eltern könnte durch den zusätzlichen Betreuungsaufwand aufgrund von Kita- und Schulschließungen zugenommen haben."