Ansteckungsgefahr in Klubs und Bars Das Ende der Nacht

Der Fall eines neuen Superspreaders in Südkorea zeigt: Nachtklubs und Bars wieder zu öffnen, birgt ein gewaltiges Risiko. Die Branche muss sich einer bitteren Wahrheit stellen.
Zerborstene Diskokugel bei einer Protestaktion von Gastronomen in Hamburg: "In Nachtklubs halten die Menschen wenig Distanz"

Zerborstene Diskokugel bei einer Protestaktion von Gastronomen in Hamburg: "In Nachtklubs halten die Menschen wenig Distanz"

Foto: Christian Charisius/ DPA

Es ist nicht einmal drei Monate her, da knutschten Pinguin und Eisbär, Pirat und Ballerina im Kölner Nachtleben. Unmengen an Karnevalisten zwängten sich in viel zu kleine Bars, tanzten, schwitzten und flirteten. Aus den Boxen wummerte "Heute fährt die 18 bis nach Istanbul" - und alle sangen mit.

Mittlerweile endet die Straßenbahnlinie 18 wieder in Thielenbruch, an Bord herrscht Maskenpflicht, und vor allem: Party in Klubs und Bars ist in Zeiten der Coronakrise undenkbar. Die Erinnerung an ausgelassene Feiern auf den Tanzflächen der Republik wirkt angesichts von Abstands- und Hygieneregeln wie aus einer fernen Vergangenheit.

Doch jeder Tag mit geschlossenen Lokalen ist für viele Menschen bitter: Kneipenbesitzer und Klubbetreiber fürchten um ihre Existenz, ganze Straßenzüge und Stadtteile wirken wie ausgestorben und vor allem junge Menschen vermissen das soziale Miteinander.

Vergangene Woche beschlossen Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten zwar, dass die Bundesländer ab sofort auch über die schrittweise Öffnung der Gastronomie in Eigenregie entscheiden dürfen. Im Hinblick auf Bars und Klubs zeigt man sich jedoch zurückhaltend: Während einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Hamburg eine Öffnung von bestimmten Kneipen ab dieser Woche unter strengen Auflagen ermöglichen, dürfen sich die meisten Bars und sämtliche Diskotheken vorerst keine Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Betriebs machen.

Gefährliche Superspreader

"In Bars und Nachtklubs halten die Menschen wenig Distanz, die Räume sind voll, schlecht belüftet und es wird viel Alkohol getrunken", sagt der Infektiologe Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Für die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus böten diese Lokale ideale Bedingungen. "Alle Barrieren, die wir normalerweise vorsehen, um Ansteckungen zu verhindern, fehlen dort."

Gähnende Leere auf der Hamburger Großen Freiheit: "Dort geht es ja gerade um Schummrigkeit"

Gähnende Leere auf der Hamburger Großen Freiheit: "Dort geht es ja gerade um Schummrigkeit"

Foto: Andre Lenthe/ imago images

Wie gefährlich das gemeinsame Feiern werden kann, zeigte sich bereits in dem für seine Après-Ski-Party bekannten Wintersportort Ischgl in Österreich. Zahlreiche Gäste aus aller Welt infizierten sich dort Anfang März mit dem neuartigen Coronavirus. Erst sechs Tage nachdem ein Barkeeper positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden war und bereits Berichte über infizierte Ischgl-Urlauber vorgelegen hatten, entschieden die österreichischen Behörden am 13. März, den Skibetrieb zu beenden und den gesamten Ort unter Quarantäne zu stellen.

Die Rolle, die der infizierte Barkeeper in Tirol einnahm, bezeichnen Epidemiologen als Superspreader: Er steckte deutlich mehr Menschen an, als dies im Durchschnitt bei Infizierten in einer bestimmten Region der Fall ist. Zu einem Superspreading-Ereignis kann es immer dann kommen, wenn sich ein Infizierter in der Hochphase seiner Ansteckungsfähigkeit befindet und gleichzeitig vielen Menschen über eine längere Zeit nahe kommt.

Südkoreanische Nachtklubs als Keimzellen

Dass Bars und Klubs genau für eine solche Situation prädestiniert sind, zeigt auch ein Fall, der sich am vergangenen Freitag in Südkorea ereignete. Gerade erst war das asiatische Land international für seine erfolgreiche Strategie zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus gelobt worden, da mussten die Behörden einen Rückschlag bekannt geben: Ein infizierter 29-Jähriger hatte ausgiebig im Seouler Nachtklub-Bezirk Itaewon gefeiert und dabei offenbar zwei Dutzend Menschen angesteckt. Am Sonntag sprach Koreas Zentrum für Seuchenkontrolle (KCDC) von 24 Neuinfektionen, die in Verbindung mit dem jungen Mann stünden. Und mit weiteren Fällen wird gerechnet.

"Er wird die Bars und Klubs sicherlich in der Phase aufgesucht haben, als er hoch ansteckend war – vielleicht ein bis zwei Tage vor den ersten Symptomen, dem sensibelsten Zeitpunkt für die Übertragung", sagt Walger über den jungen Mann. Sollte er tatsächlich asymptomatisch gewesen sein, habe er das Virus vermutlich über Sprechen, Singen oder körperliche Nähe weitergegeben. "Und zwar Face to Face, mindestens 15 Minuten. Die flüchtigen Kontakte sind nicht so riskant."

Die Ereignisse aus Ischgl und Seoul legen den Verdacht nahe, dass es auch schon in Deutschland früher als gedacht zu einer unerkannten Ausbreitung des Virus durch Partys gekommen sein könnte. Der Ende Februar gefeierte Karneval dürfte auch hierzulande wie ein Brandbeschleuniger gewirkt haben. Viele Krankheitsfälle im stark betroffenen Kreis Heinsberg  in Nordrhein-Westfalen werden auf die "tollen Tage" zurückgeführt.

Impfstoff als einzige Lösung?

Für die Zukunft von Bars und Diskotheken sind diese Erkenntnisse verheerend. Viele Betreiber von Lokalen hoffen darauf, dass sie mit entsprechenden Schutzmaßnahmen wieder öffnen dürfen. Aber ist das realistisch? "Man muss sich die konkreten Bedingungen vor Ort anschauen. Vielleicht lassen sich individuelle Schutzkonzepte erarbeiten, die es ausgewählten Lokalen ermöglichen, wieder zu öffnen", sagt Walger. Allerdings gelte dies vor allem dann, wenn der Betrieb unter freiem Himmel, also zum Beispiel auf Terrassen, stattfinden könne.

Für Feiern in geschlossenen Räumen sieht auch Walger schwarz: "Die Atmosphäre einer Bar löst sich eigentlich auf, wenn man strenge Hygieneregeln einhält. Dort geht es ja gerade um Schummrigkeit, um Enge, auch um körperliche Nähe und um Alkoholkonsum." Abstand halten, regelmäßiges Lüften oder auch das Tragen von Schutzmasken seien unrealistisch. Anderes gelte hingegen für Restaurants, in denen sich Sitze und Tische so positionieren ließen, dass ein Ansteckungsrisiko wegfalle oder gering sei.

Doch wenn Schutzmaßnahmen in Bars und Klubs nicht greifen, dann bleibt in letzter Konsequenz nur eine bittere Perspektive: Da nach Berechnungen der vier großen Forschungsgemeinschaften in Deutschland weder das Erreichen einer Herdenimmunität noch eine vollständige Ausrottung des Virus auf absehbare Zeit erreichbare Ziele sind, könnte das Nachtleben so lange ruhen, bis frühestens im Herbst ein Impfstoff entwickelt wurde. Für die Branche dürfte das fatal sein.