Lieferengpässe Wie lange lässt sich die zweite Impfdosis hinauszögern?

Weil es Lieferengpässe beim Impfstoff gibt, drohen Termine für die Verabreichung der zweiten Dosis zu platzen. Wie wirkt sich die Verzögerung auf den Schutz aus?
Impfzentrum in Wiesbaden

Impfzentrum in Wiesbaden

Foto: Jörg Halisch / imago images

Die kommende Woche bringt für Tausende Menschen in Deutschland eine Enttäuschung: Bereits festgesetzte Termine für eine Immunisierung mit dem Covid-19-Impfstoff von Biontech und Pfizer – teils aufwendig über Hotlines ergattert – müssen abgesagt werden. Der Grund sind Umbauarbeiten im belgischen Pfizer-Werk Puurs, die zwar langfristig die Produktionskapazitäten erhöhen sollen, aber kurzfristig zu Lieferengpässen führen.

Konkret heißt das: Bekamen die Bundesländer in dieser Woche noch 842.400 Impfdosen, liefert Pfizer in der Woche ab dem 25. Januar nur 485.550 Dosen. Auch in den zwei Wochen danach stehen Hunderttausende Dosen weniger zur Verfügung. Dafür sollen die Kapazitäten in der Woche ab dem 22. Februar wieder steigen, auf mehr als 900.000.

Erst die zweite Dosis sorgt für den hohen Schutz von 95 Prozent

Wegen des kurzfristigen Lieferengpasses müssen nun Termine verschoben werden. Besonders Menschen, die schon eine erste Impfung erhalten haben, sind nun besorgt, sie könnten die erforderliche zweite Dosis deutlich später erhalten als vorgesehen. Wären die Betroffenen dann weniger geschützt?

Sicher ist: Erst die zweite Dosis sorgt für den hohen Schutz von 95 Prozent. Im Optimalfall liegen zwischen der ersten und zweiten Impfung mit dem Biontech-Mittel 21 Tage. Denn genau diese Zeitspanne war in der groß angelegten Studie mit mehr als 40.000 Probanden getestet worden. Experten rechnen jedoch nicht damit, dass die Wirksamkeit rapide abfällt, wenn der zweite Impftermin etwas später stattfindet.

Das Mittel von Moderna wurde beispielsweise in einem Abstand von 28 Tagen zwischen erster und zweiter Dose getestet. Das ist auch der Grund, warum die zwei Dosen des Impfstoffs in diesem Zeitfenster gegeben werden sollen. Die Vakzine basiert auf demselben Prinzip wie das Mittel von Biontech und Pfizer und schützt laut Studienergebnissen ebenso zuverlässig.

Warum ist mal vom Biontech-Impfstoff und mal von Biontech/Pfizer die Rede?

Das Mainzer Unternehmen Biontech hat den Impfstoff namens Comirnaty hauptsächlich entwickelt. Die Produktion und Verteilung übernimmt maßgeblich Pharmakonzern Pfizer, der über die nötige Erfahrung und Produktionsanlagen verfügt.

Selbst wenn die zweite Impfdosis erst zwölf Wochen nach der ersten Impfung gegeben wird, halten viele Experten einen hohen Schutz für gewährleistet. »Wie bei anderen Impfungen kann man die zweite Dosis wahrscheinlich gut auch nach zwei bis drei Monaten geben, da schon die erste Dosis anscheinend eine hohe Wirksamkeit erzielt«, sagte Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Uni Tübingen. Tatsächlich konnte der Impfstoff von Biontech im Zeitraum zwischen der ersten und zweiten Impfung etwa 50 Prozent der Covid-19-Erkrankungen verhindern.

Grundsätzlich sollte die zweite Impfung aber nur so lange wie nötig hinausgezögert werden, mahnt Virusexperte Florian Krammer von der Icahn School of Medicine des Mount-Sinai-Krankenhauses in New York. Entscheidend sei auch, wie stark das Virus grassiert. Sind die Infektionszahlen niedrig, sei ein Zeitfenster von zwölf Wochen wahrscheinlich kein großes Problem, schreibt Krammer bei Twitter. »Aber wenn die Viruszirkulation sehr hoch ist, ist das keine gute Idee.«

Großbritannien hat den für die zweite Impfung angepeilten Zeitraum bereits auf bis zu zwölf Wochen verlängert, damit schneller mehr Menschen eine erste Dosis bekommen können. Deutschland hat sich dagegen entschieden und bleibt bei der Empfehlung von 21 beziehungsweise 28 Tagen.

»Ich glaube nicht, dass eine Produktion in Amerika ausfallen würde«

Markus Söder

Für Bund und Länder ist der aktuelle Lieferengpass beim Biontech-Impfstoff ärgerlich, besonders weil die Umbauarbeiten so kurzfristig verkündet wurden. »Ich glaube nicht, dass eine Produktion in Amerika ausfallen würde«, stichelte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. »Deshalb sind die Bemühungen, Impfstoffe in Deutschland zu produzieren so besonders wichtig«. Eine Produktionsanlage in Marburg wurde bereits genehmigt.

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So ist die Situation in den Bundesländern

  • Niedersachsen plant mit Verzögerungen bei Erstimpfungen. In Bayern wurden teils Termine zur Erstimpfung abgesagt, in Rheinland-Pfalz und dem Saarland wurden manche verschoben. Weniger neue Impftermine soll es vorerst auch in Baden-Württemberg geben.

  • In Bayern, Brandenburg, Sachsen, Saarland, Schleswig-Holstein und Hamburg sind zunächst keine neuen Termine zur Impfung geplant, so die jeweiligen Behörden. Bremen rechnet dagegen kaum mit Verzögerungen.

  • Zweite Dosis: In Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen müssten derzeit keine Termine für nötige Zweitimpfungen nach der ersten Dosis abgesagt werden, teilten die jeweiligen Behörden mit. In Berlin könnte die Terminvergabe jedoch gestreckt werden. In Sachsen-Anhalt sind die Landkreise und Städte für Impfungen zuständig, die Stadt Halle hat beispielsweise Zweitimpfungen gesichert.

Weil viele Länder einen Teil der gelieferten Dosen zurückgehalten haben, sind die meisten Termine für eine zweite Impfung gesichert. Auch die ständige Impfkommission Stiko hatte Ende Dezember dafür plädiert, die zweite Dose zurückzuhalten. In der aktuellen Empfehlung steht das jedoch nicht . Zuletzt war der Druck auf die Bundesländer jedoch gestiegen, eingetroffene Dosen zeitnah zu verimpfen und nicht für die zweite Immunisierung aufzubewahren. Dadurch könnten schneller mehr Menschen die erste Impfung Dosis bekommen.

Impfdosen gleich zu verimpfen, funktioniert jedoch nur, wenn tatsächlich Lieferungen wie vorhergesehen eintreffen. Deutschland hat sich bereits größere Mengen gesichert, als nötig wären, um alle Menschen im Land zu impfen. Allerdings ist bei mehreren Impfstoffen noch nicht klar, wie wirksam sie sind und wann sie zugelassen werden können.

Die Bundesregierung ist dennoch weiterhin optimistisch, dass sich bis zum Ende des Sommers jeder impfen lassen kann, der möchte. Schon in der kommenden Woche soll der Impfstoff von AstraZeneca zugelassen werden.

koe
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