Corona-Lockerungen Experten kritisieren Infektionsobergrenze

Solange es in einer Region in sieben Tagen nicht mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gibt, können Coronamaßnahmen gelockert bleiben. Doch Experten zweifeln an der Sinnhaftigkeit der Grenze.
Friseur in Stuttgart: Masken bei engem Kontakt weiter Pflicht

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Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Der Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) hat die in den Lockerungsplänen von Bund und Ländern vereinbarte Infektionsobergrenze als viel zu hoch kritisiert.

"Wie die Gesundheitsämter damit klarkommen sollen, ist mir ein Rätsel. Das ist nicht zu schaffen", sagte die Verbandsvorsitzende Ute Teichert dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Gesundheitsämter werden ohne dauerhafte Personalunterstützung in die Knie gehen."

Die Obergrenze hatten Bund und Länder als "Notbremse" im Lockerungskonzept vereinbart. Die Länder sollen laut Beschluss sicherstellen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sofort wieder ein konsequentes Beschränkungskonzept umgesetzt wird.

Teichert sagte dem RND, ihr sei schleierhaft, woher die Zahl 50 komme. Die Gesundheitsämter hätten in den vergangenen Wochen die Arbeit nur geschafft, weil das Personal unter anderem durch Medizinstudenten und viele Freiwillige verdrei- bis vervierfacht worden sei.

"Und dennoch sind alle Mitarbeiter der Gesundheitsämter in den vergangenen Wochen auf dem Zahnfleisch gekrochen." Die Aushilfskräfte seien nun teilweise schon wieder weg, weil sie ins Studium oder in ihren eigentlichen Job zurückgekehrt seien.

Nachverfolgung von Fällen nicht sichergestellt

Auch andere Experten sind skeptisch, ob der Wert von 50 sinnvoll ist. Er scheine weit über den derzeitigen Kapazitäten der Gesundheitsämter zu liegen, sagte Rafael Mikolajczyk, Epidemiologe und Institutsdirektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bei einer Veranstaltung des Science Media Center Germany am Donnerstag.

Seiner Ansicht nach müsse sichergestellt werden, dass "möglichst alle Fälle und deren Kontakte in einer Region durch die Gesundheitsämter identifiziert und isoliert werden können". Das hänge von den lokalen Kapazitäten ab.

Eva Grill, Professorin für Epidemiologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, sieht die "Notbremse" zwar grundsätzlich positiv. Ob die Zahl von 50 neuen Fällen pro Woche und 100.000 Einwohner tatsächlich niedrig genug sei, müsse man aber erst noch sehen.

"Die Regelung schafft immerhin einen gewissen Anspruch, die lokalen Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, auf lokale Ausbrüche schnell und wirksam reagieren zu können", sagte Gérard Krause, der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das müsse unbedingt gegeben sein. Wie man genau auf die genannte Schwelle gekommen sei, wisse er aber nicht.

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Zahl der Neuinfektionen steigt wieder

Auch unabhängig von der konkreten Zahl der 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen gibt es Kritik an der konkreten Gestaltung der Lockerungen. "Wir wollen zu viel auf einmal, kritisiert der Frankfurter Virologe Martin Stürmer.

"Hessenschau.de"  sagte er: "Das kann gewaltig nach hinten losgehen." Er habe große Zweifel, ob die Sicherheitsmaßnahmen in der Gastronomie bei allen Bemühungen ausreichend eingehalten werden können. "Beim Essen muss man eben den Mundschutz abnehmen."

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Bundesländer hatten am Mittwoch auch die Öffnung der Gastronomie und aller Geschäfte beschlossen, die schrittweise Rückkehr aller Schüler an die Schulen und Lockerungen beim Training im Freizeitsport. Grundlage dafür waren Infektionsdaten mit Stand Dienstag.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

In den vergangenen Tagen sei die Zahl der Neuinfektionen wieder gestiegen, erläuterte Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung am Donnerstag. Der Anstieg der Zahlen von Neuinfizierten korreliere zeitlich mit der vorherigen Öffnung erster Geschäfte. Ob dies auch der Grund sei, sei aber unklar.

Um eventuelle Verzögerungen bei der Datenübermittlung abzuwarten, wäre es aus seiner Sicht besser gewesen, erst Ende dieser Woche oder gar kommende Woche Lockerungen der Anti-Pandemie-Maßnahmen zu besprechen.

Die Politik habe "wahrscheinlich" eine Chance vertan, in relativ kurzer Zeit zu so niedrigen Zahlen zu kommen, dass bei Infizierten eine Kontaktverfolgung und eine Lockerung möglich gewesen wären.

Keine Kontrolle über Einschleppung aus anderen Landkreisen

Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe "Theorie neuronaler Systeme" am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen begrüßte es zwar, den Regionen Verantwortung zu geben. Das könne aber nur funktionieren, wenn die Mobilität zwischen den Regionen gering bleibe.

Die Regionen müssten die Kontrolle darüber haben, ob das Virus eingeschleppt wird, sagte Priesemann. Ansonsten bekomme ein Landkreis, der sich viel Mühe gebe, mitunter die Folgen zu spüren, wenn im Nachbarlandkreis die Infektionen hoch bleiben.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte am Donnerstag im Bundestag gesagt, der öffentliche Gesundheitsdienst sei ein wichtiger Pfeiler in dieser Krise und solle weiter gestärkt werden. Ein ins Parlament eingebrachter Gesetzentwurf der Großen Koalition sieht insgesamt 50 Millionen Euro für die bundesweit 375 Gesundheitsämter vor, um vor allem die Digitalisierung von Prozessen voranzubringen.

Im Gegensatz zu den Experten ist der Großteil der Bevölkerung in Deutschland offenbar zufrieden mit den beschlossenen Maßnahmen. Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland findet die Lockerungen dem ZDF-"Politbarometer" zufolge richtig. Das, worauf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs am Mittwoch geeinigt haben, sei richtig, sagten 47 Prozent der Befragten. 11 Prozent meinen demnach, man hätte das schon früher machen sollen und 38 Prozent halten die Maßnahmen für verfrüht.

jme/dpa
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