Corona-Massentest in der Slowakei Der umstrittene "Passierschein für die Freiheit"

In der Slowakei wird fast die ganze Bevölkerung mit Corona-Schnelltests untersucht. Die Regierung sieht die Strategie als Alternative zu einem harten Lockdown. Doch Mediziner haben Zweifel an dem Vorgehen.
Corona-Test im slowakischen Košice

Corona-Test im slowakischen Košice

Foto: Zuzana Gogova / Getty Images

Mehr als 40.000 Mediziner, Soldaten, Polizisten, Verwaltungsmitarbeiter und Freiwillige waren an 5000 Teststationen im ganzen Land im Einsatz – trotzdem kam es teils zu langen Wartezeiten: In der Slowakei ist am Wochenende ein größerer Teil der Bevölkerung mit Antigen-Schnelltests auf das Sars-CoV-2-Virus untersucht worden.

Mit den Schnelltests wird nach Eiweißen gesucht, die charakteristisch für den Corona-Erreger sind. Das Verfahren ist weniger zuverlässig als der PCR-Labortest, bei dem nach dem Erbgut des Virus gesucht wird. Schnelltests liefern allerdings innerhalb von Minuten ein Ergebnis, vergleichbar mit einem Schwangerschaftstest. In Deutschland muss nach einem positiven Antigentest noch zusätzlich ein PCR-Test zur Bestätigung durchgeführt werden. (Lesen Sie hier einen Überblick zu den verschiedenen Testverfahren.)

Ärztekammer spricht von "Erpressung"

Zur kostenlosen Teilnahme an der Untersuchung in der Slowakei hatte die dortige Regierung alle Bewohner des Landes im Alter zwischen 10 und 65 Jahren aufgefordert – in Summe mehr als vier Millionen Menschen. Im Prinzip war das Mitmachen freiwillig. Tatsächlich aber wird von den geltenden Ausgangsbeschränkungen ausgenommen und darf weiter zur Arbeit gehen nur, wer ein negatives Testergebnis vorweisen kann.

Die liberale Präsidentin Zuzana Čaputová kritisierte im Vorfeld, man dürfe die Bürger nicht in solche mit einem "Passierschein für die Freiheit" und solche ohne einteilen. Die Ärztekammer des Landes sprach von "Erpressung" und einer Verschwendung von Ressourcen. Andere Mediziner hatten auf das Infektionsrisiko an den Teststationen  hingewiesen.

Das Projekt wurde von der Regierung des seit März regierenden konservativen Ministerpräsidenten Igor Matovič vorangetrieben. Sie sieht den Massentest als Alternative zu einem harten Lockdown für das Land. "Wir haben die große Chance, Europa und der Welt zu zeigen, dass es auch anders geht, ohne Schließung der Wirtschaft und Millionen Arbeitslose", so Matovič. Allerdings hatte sich ein wissenschaftliches Beratergremium seiner Regierung stattdessen klar für einen Lockdown zur Kontrolle der Infektionszahlen ausgesprochen.

Forscher fordern für Deutschland eine Priorisierung

Massenuntersuchungen mit Antigen-Schnelltests bleiben also umstritten. Die WHO hat erklärt, sie seien nur sinnvoll, wenn sie von einer PCR-Testkampagne zur Bestätigung begleitet würden, wie es in Deutschland vorgeschrieben ist. Nach der neuen Corona-Teststrategie der Bundesregierung sollen Antigen-Schnelltests in Deutschland gezielt vor allem zum Schutz von Angehörigen der Risikogruppen in Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen und Seniorenheimen eingesetzt werden. Nach den Vorstellungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sollen pro Monat rund neun Millionen Schnelltests zur Verfügung stehen. Ein Massentest nach slowakischem Vorbild wäre damit nicht möglich.

Dazu kommt: Einem großflächigen Test der Bevölkerung stehen Forscher hierzulande auch eher skeptisch gegenüber: "Ich halte da nicht so viel von", sagte etwa die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main bei einer Veranstaltung des "Science Media Centers" . Weil die Tests knapp seien, sollte ihr Einsatz priorisiert werden. Höchste Priorität müssten "natürlich Kranke mit Symptomen und die Risikogruppen" haben. Auch Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig forderte, die Antigen-Schnelltests zunächst in Altersheimen und in der mobilen Pflege einzusetzen. So sollten Infektionen dort besser ausgeschlossen werden.

Ein Prozent positive Tests

Die Proben für die Antigen-Schnelltests müssen bisher von medizinisch geschultem Personal abgenommen werden, damit beim Abstrich tatsächlich auch die Regionen des Rachens erreicht werden, in denen Erreger zu finden wären. Eine Selbsttestung mit Antigentests von Laien ohne enge Betreuung durch medizinisches Personal werde "nicht so schnell oder vielleicht auch nie erfolgen", erklärte die Virologin Ciesek.

Ein Team um Andreas Lindner von der Charité in Berlin berichtet allerdings gerade in einem von Fachkollegen noch nicht begutachteten Artikel , dass womöglich in Zukunft auch die Entnahme der Proben durch die Probanden selbst erfolgen könnte – unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal. Darauf deuteten zumindest die Ergebnisse eines Vergleichstests mit knapp 300 Teilnehmern hin. Interessant ist das auch, weil die Probanden die Proben nur aus ihrer Nase und nicht tief aus dem Rachen nehmen mussten. Der Test wäre damit einfacher und mit weniger Personalaufwand durchzuführen.

Einstweilen ist das aber nur ein Versuch. Beim regulären Testablauf wird die Probe weiter von geschultem Personal abgenommen. So auch in der Slowakei: Laut der slowakischen Regierung wurden am ersten Tag des Massentests rund zweieinhalb Millionen Menschen untersucht. Das Ergebnis fiel bei 25.850 Personen positiv aus. Der Anteil von etwa einem Prozent war niedriger als erwartet. Im Vorfeld des landesweiten Tests hatte es einen Probelauf in vier besonders stark betroffenen Bezirken an der Grenze zu Polen gegeben. Dort wurde das Virus bei knapp vier Prozent der Teilnehmer nachgewiesen.

Weitere Testrunde am kommenden Wochenende

Nach aktuellen Zahlen der EU-Gesundheitsagentur ECDC  steckten sich in der Slowakei binnen 14 Tagen statistisch gesehen 528,2 Menschen je 100.000 Einwohner an. Im benachbarten Tschechien lag dieser Wert bei 1535,8 und in Deutschland bei 195,6.

Am kommenden Wochenende soll es eine zweite Testrunde geben. Dann soll von bereits getesteten Personen ein zweiter Abstrich genommen werden. Hintergrund ist die Inkubationszeit des Erregers. Es handelt sich um den ersten derartigen Versuch in einem Land vergleichbarer Größe. In Europa haben bisher nur kleinere Länder wie Luxemburg und Monaco flächendeckende Tests angekündigt. In China wurden bereits die Einwohner ganzer Städte wie Qingdao und Wuhan getestet. Dort wurde allerdings eine andere Strategie angewandt: In sogenannten Pooltests (lesen Sie hier, wie das Verfahren funktioniert) wurden zahlreiche Proben gleichzeitig mit dem PCR-Verfahren getestet.

chs/dpa
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