Mehr als 11.000 Neuinfektionen in Deutschland Was der neue Höchstwert bedeutet

Das RKI hat erstmals mehr als 11.000 Neuinfektionen an einem Tag gemeldet. Woher kommt der sprunghafte Anstieg? Wird sich das Virus nun unweigerlich ausbreiten wie in Frankreich? Der Überblick.
Einkaufsstraße in Köln

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Foto: Martin Meissner / AP

Jeder Donnerstag ein Rekord: Wer sich die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland anschaut, könnte den Eindruck bekommen, in der Mitte der Woche steckten sich besonders viele Menschen an. Meldete das Robert Koch-Institut (RKI) an diesem Mittwoch noch knapp 7500 Neuinfektionen, waren es am Donnerstag schon mehr als 11.000, so viele wie noch nie. Auch in den vergangenen Wochen schnellten die Fallzahlen ab Donnerstag in die Höhe. Was passiert Ende der Woche in Deutschland? Freuen sich alle auf das Wochenende und halten sich deshalb nicht mehr an die Regeln?

Wer die Statistik richtig lesen will, muss wissen: Das RKI gibt nicht an, wie viele Menschen sich an einem Tag angesteckt haben, sondern wie viele Neuinfektionen die Gesundheitsämter an das RKI übermittelt haben. Die Zahlen enthalten deshalb auch Fälle, die schon in den vergangenen Tagen oder sogar Wochen bekannt wurden. Darauf weist das RKI auch in jeder Veröffentlichung hin. (Mehr zum Thema Corona-Statistiken lesen Sie hier .)

Die Zahl der neu gemeldeten Infektionen pro Tag allein ist also wenig aussagekräftig. Sie ist allerdings ein Warnsignal. Denn auch andere Parameter zeigen in eine Richtung: nach oben.

In den vergangenen sieben Tagen sind dreimal so viele Neuinfektionen an das RKI übermittelt worden wie noch vor zwei Wochen, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler in einer Pressekonferenz am Donnerstag. Die 7-Tage-Inzidenz ist in Deutschland im Mittel auf 56,2 Fälle pro 100.000 Einwohner gestiegen, vor zwei Wochen waren es noch 20,2, Anfang Juni nur drei. Auch die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen hat sich in den vergangenen zwei Wochen verdoppelt.

Das ist das Tückische am exponentiellen Wachstum, es erscheint zunächst harmlos und entfaltet dann seine volle Wucht. Was dann passiert, hat sich bereits in Deutschlands Nachbarländern gezeigt:

  • Frankreich knackte die Marke von 10.000 Neuinfektionen pro Tag erstmals Mitte September, am Sonntag wurden bereits 32.000 neue Fälle registriert. In Frankreichs Corona-Hotspots gelten seit dem Wochenende Ausgangssperren.

  • In den Niederlanden gaben einige Gesundheitsämter wegen der gestiegenen Fallzahlen die Kontaktnachverfolgung auf. Notaufnahmen in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag mussten zeitweilig schließen, weil alle Betten belegt waren und zu wenig Personal zur Verfügung stand.

  • In Belgien ist die Zahl der verstorbenen Covid-19-Patienten in einer Woche um fast 90 Prozent gestiegen. Die belgische Regierung bezeichnete die Corona-Situation in Brüssel und dem südlichen Landesteil Wallonien als die "gefährlichste in ganz Europa".

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Hinkt Deutschland anderen Ländern nur hinterher?

Reinhard Busse von der TU Berlin hatte die Zahlen von Deutschland kürzlich in einem Briefing des Science Media Center  mit den Angaben aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Spanien verglichen. Demnach lag Deutschland Mitte Oktober etwa auf dem Niveau wie die Niederlande und Belgien etwa fünf Wochen zuvor. Seitdem ist die Zahl der neu gemeldeten Infektionen in Belgien fast um das 13-fache gestiegen.

Folgt Deutschland dieser Entwicklung, könnte die 7-Tage-Inzidenz hierzulande bis Mitte November auf 400 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner steigen. Etwa 16.000 Covid-19-Patienten müssten ins Krankenhaus, 2700 bräuchten intensivmedizinische Betreuung.

Überlastet wäre das Gesundheitssystem dann wahrscheinlich noch nicht. In der von Busse beschriebenen Modellrechnung würden Covid-19 Patienten nur drei Prozent der Krankenhausbetten und zehn Prozent der Intensivbetten in Anspruch nehmen. "Aber wenn es sich unbegrenzt nach oben entwickelt, werden die Betten auch immer mehr gefüllt", so Busse.

RKI-Präsident Wieler warnte am Donnerstag davor, die Coronakrise mit Blick auf die noch freien Krankenhausbetten herunterzuspielen. "Wenn wir nur auf diese Zahlen schauen, dann schauen wir drei bis vier Wochen zurück", so Wieler. Der Grund: Zwischen Ansteckung, positivem Test und schwerem Krankenhausverlauf vergeht Zeit. Das heißt, die Menschen, die sich jetzt anstecken, tauchen wahrscheinlich erst in einigen Wochen in der Krankenhausstatistik auf.

"Das Virus lässt sich nicht von heute auf morgen stoppen", sagte Wieler. Das oberste Ziel müsse es sein, dass so wenige Menschen sterben wie möglich. Noch könne Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie in Nachbarländern verhindern.

koe
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