Coronavirus Infektionszahlen in Großbritannien steigen wieder

Lange ging die Zahl der Coronafälle zurück, nun breitet sich das Virus in Großbritannien erneut aus – vor allem die aus Indien bekannte Mutante B.1.617.2. Was heißt das für Deutschland?
Strand in Kent: Großbritannien will am 21. Juni alle Corona-Beschränkungen aufheben

Strand in Kent: Großbritannien will am 21. Juni alle Corona-Beschränkungen aufheben

Foto: Gareth Fuller / PA Wire / picture alliance / dpa

Nach einem langen Abwärtstrend verzeichnet Großbritannien wieder mehr neue Coronafälle. Die Zahl der Neuinfektionen war am Mittwoch mit 3542 so hoch wie seit dem 12. April nicht mehr, teilte Gesundheitsminister Matt Hancock mit. Bis zu drei Viertel der neuen Fälle könnten ihm zufolge der Variante B.1.617.2 zugeordnet werden, die zuerst in Indien entdeckt wurde.

Auch die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Großbritannien zuletzt gestiegen. Aktuell liegt sie bei etwa 26 Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Die kommenden Wochen müssen zeigen, ob sich der Trend fortsetzt. Laut Zahlen des nationalen Statistikamts vom Freitag hat sich der Anstieg im Vergleich zur Vorwoche verlangsamt.

Die rasante Ausbreitung der Variante B.1.617.2 bereitet Experten dennoch Sorgen. Sie ist einer von drei eng verwandten Subtypen, der zunächst in Indien entdeckt worden war und sich weltweit ausbreitet. Großbritannien und die WHO stuften die Variante vor einigen Wochen als besorgniserregend ein.

Erste Dosis schützt offenbar weniger effektiv

Was B.1.617 potenziell gefährlich macht, ist ein Mix aus zwei Mutationen, »E484Q« und »L452R«. Sie ist deshalb auch als »Doppelmutante« bekannt, weist aber noch deutlich mehr Genveränderungen auf. Was genau diese Mutationen bewirken, können Forschende noch nicht genau sagen. Allerdings ist die Variante womöglich auf gleich zwei Wegen gefährlicher als der Ursprungstyp des Virus:

  • Die Genveränderungen könnten es dem Virus leichter machen, an menschliche Zellen anzudocken und in diese einzudringen. Der Erreger würde dadurch ansteckender. Dafür spricht auch, dass sich die Mutante in Indien und anderen Ländern sehr schnell ausgebreitet hat.

  • Geimpfte und Genesene sind normalerweise vor einer erneuten Infektion mit dem Coronavirus gewappnet, weil ihr Immunsystem den Erreger bereits kennt und ihn gezielt ausschalten kann. Die nun aufgetretenen Mutationen verändern das Virus jedoch so, dass es der Immunabwehr womöglich entkommen kann. Solche Genveränderungen werden auch Fluchtmutationen genannt. Im schlimmsten Fall könnten durch sie auch Geimpfte und Genesene erneut schwer erkranken. Die Pandemie würde von vorn beginnen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Großbritannien gilt als mögliche Blaupause für die Entwicklung der Pandemie in Deutschland. Dort ist bereits ein Großteil der Bevölkerung geimpft, die Infektionszahlen sind deutlich gesunken. Eine Entwicklung, die sich auch in Deutschland abzeichnet. Wenn in Großbritannien neue Varianten zu einer erneuten Infektionswelle führen sollten, dürfte das auch hierzulande bald der Fall sein.

Diese Varianten gelten in Deutschland momentan als besorgniserregend:

B.1.1.7: Erstmals in Großbritannien bekannt geworden, verbreitete sie sich rasant weltweit. Laut RKI ist sie noch leichter von Mensch zu Mensch übertrag als bisherige Varianten, wodurch sie sich schwerer eindämmen lässt. Sie macht derzeit 91 Prozent der Infektionen in Deutschland aus. Bislang gibt es jedoch keine Hinweise, dass sie auch die Wirksamkeit der Impfstoffe deutlich herabsetzt.

B.1.351: Auch bekannt als »Südafrika-Variante«, weil sie dort zuerst nachgewiesen worden ist. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass die Variante vermehrt zu Reinfektionen bei Genesenen führen und auch die Wirksamkeit von Impfstoffen herabsetzen könnte.

P.1: Sie ähnelt der Variante aus Südafrika, wurde aber erstmals in Brasilien nachgewiesen. Sorge bereitet auch hier vor allem die Mutation E484K, die die Wirksamkeit von Impfungen herabsetzen könnte. P1 hatte sich zudem massiv im brasilianischen Manaus ausgebreitet, obwohl sich dort schon ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit dem Coronavirus angesteckt hatte. In Deutschland kommt sie bislang kaum vor.

In Großbritannien haben etwa 56 Prozent der Bevölkerung zumindest eine erste Impfdosis gegen das Coronavirus erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es bisher etwa 42 Prozent. Laut ersten Studienergebnissen  der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) schützen die Coronaimpfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca etwas weniger effektiv vor einer Infektion mit der Variante B.1.617.2.

Besonders die erste Dosis, die bei anderen Varianten bereits einen Großteil der Infektionen verhindern kann, wirkt möglicherweise weniger gut. Drei Wochen nach der ersten Impfung erzielten die Impfstoffe von Biontech und AstraZeneca demnach gegen die Variante B.1.617.2 eine Schutzwirkung von 33 Prozent. Bei der Variante B.1.1.7, die in Deutschland aktuell das Infektionsgeschehen dominiert, lag die Schutzwirkung laut ersten Studien nach der ersten Dosis dagegen bereits bei etwa 50 Prozent.

Nach der zweiten Dosis steigt die Immunität gegen B.1.617.2 zwar offenbar, doch auch ihre Wirkung könnte etwas geringer ausfallen.

Lage in Krankenhäusern (noch) entspannt

Allerdings sind Experten weiterhin zuversichtlich, dass die Impfstoffe weiterhin vor schweren Erkrankungen schützen. Laut Gesundheitsminister Hancock ist die Zahl der Coronapatienten in britischen Kliniken insgesamt bisher nicht gestiegen. Ein Indiz, dass Geimpfte weiterhin vor schweren Erkrankungen geschützt sind. Allerdings vergehen in der Regel einige Wochen, bis sich steigende Infektionszahlen auch in den Krankenhäusern bemerkbar machen.

In einigen Regionen, in denen sich B.1.617.2 besonders schnell verbreitet, ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 bereits wieder gestiegen, berichtet die britische Gesundheitsbehörde PHE. Betroffen seien aber vor allem Menschen, die noch nicht geimpft sind. »Das zeigt, wie wichtig es ist, die Menschen in den betroffenen Gegenden schnellstmöglich zu impfen«, teilte die Behörde mit. Zunächst hatte der »Guardian«  darüber berichtet.

Gesundheitsminister Hancock betonte zudem, auch die große Mehrheit der neu Infizierten sei noch nicht geimpft gewesen. Laut der britischen Behörde für gesundheitliche Sicherheit (UKHSA) könnte auch vermehrtes Testen ein Grund für den Anstieg der Infektionszahlen sein.

Trotz niedriger Zahlen – Großbritannien gilt als Hochrisikogebiet

Deutschland hat Großbritannien wegen der sich ausbreitenden Variante B.1.617 als Risikogebiet eingestuft, obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz dort niedriger ist als hierzulande. Wer aus Großbritannien einreist, muss für zwei Wochen in Quarantäne, auch wenn ein negativer Coronatest vorliegt.

So ist die Lage in Deutschland

In Deutschland spielt die aus Indien bekannte Mutante bisher kaum eine Rolle. Laut dem jüngsten Bericht  des Robert Koch-Instituts vom Mittwoch machte sie Mitte Mai nur etwa zwei Prozent der Infektionen aus. Damit dominiert weiterhin die Variante B.1.1.7 deutlich, ihr Anteil liegt bei etwa 90 Prozent.

Wenn Coronavakzinen tatsächlich weniger gegen die Variante B.1.617 ausrichten können, dürfte ihr Anteil auch in Deutschland mit zunehmender Impfquote rasch steigen. In Großbritannien wurde der Subtyp B.1.617.2 innerhalb weniger Wochen zur dominierenden Variante. Ende April lag sein Anteil laut dem Wellcome-Sanger-Institut noch bei nur sechs Prozent. Zur Erinnerung: Inzwischen macht die Variante laut britischem Gesundheitsministerium 75 Prozent der Infektionen aus.

Bisher hält die britische Regierung dennoch an ihrem Vorhaben fest, alle Coronamaßnahmen am 21. Juni aufzuheben. Allerdings soll der Schritt zuvor erneut geprüft werden. Wissenschaftler und Regierungsmitglieder hatten zuletzt eingeräumt, dass wegen der Variante der Zeitplan nach hinten geschoben werden könnte.

koe/dpa
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