Nach Varianten aus Südafrika und Brasilien Coronamutation aus Indien erreicht Europa

Die Infektionszahlen in indischen Megastädten explodieren. Forscher befürchten, dass dies an einer neuen Corona-Mutation liegt, die nun auch Europa erreicht hat. Wie gefährlich ist B.1.617?
Hindu-Fest Kumbh Mela (in Haridwar am 12. April): Die Infektionszahlen in Indien sind auf einem Rekordhoch

Hindu-Fest Kumbh Mela (in Haridwar am 12. April): Die Infektionszahlen in Indien sind auf einem Rekordhoch

Foto: Karma Sonam / dpa

In Indien leben mehr als eine Milliarde Menschen. Bisher meisterte das Land die Coronakrise recht gut – obwohl Millionen Menschen in Megastädten unter prekären Verhältnissen und auf engstem Raum leben. Doch seit dieser Woche sind die Infektionszahlen in Neu-Delhi und Mumbai, den zwei größten Städten des Landes, explodiert: Am Donnerstag steckten sich 200.000 Menschen mit dem Coronavirus an – so viele wie noch nie an einem Tag seit Ausbruch der Pandemie.

Die erfassten Coronafälle nehmen in dem Land seit Wochen immer stärker und schneller zu als je zuvor – während gleichzeitig Hunderttausende Menschen im heiligen Fluss Ganges im Rahmen des weltgrößten religiösen Festes baden, oft ohne Masken und Abstand. Ursache für die hohen Neuinfektionen könnte zudem eine Mutation des Coronavirus sein.

Darauf weisen die Ergebnisse von Laboruntersuchungen im Bundesstaat Maharashtra hin. In über 60 Prozent der durchgeführten Genomsequenzierungen fanden Forscher die neuartige B.1.617-Variante. Sie gilt als eine gefährliche Kombination der Virusmutanten aus Großbritannien und Südafrika.

Ausbruch trotz Impfkampagne?

Mutationen beim Coronavirus sind nichts Ungewöhnliches, manche sind jedoch weitaus gefährlicher als der ursprüngliche Virustyp. Um neue Varianten auszumachen, müssten die Labore regelmäßig Sequenzierungen der positiven Coronaproben vornehmen. Doch wie die Virusvarianten genau wirken und ob sie infektiöser oder tödlicher sind, können Forscher nicht sofort wissen.

Woher kommen die neuen Corona-Mutanten?

Ob die Mutationen tatsächlich in Großbritannien und Südafrika entstanden sind, kann niemand mit Sicherheit sagen. Möglicherweise sind die Virusvarianten dort nur aufgefallen, weil beide Länder im Vergleich zu anderen häufiger das Erbgut der kursierenden Sars-CoV-2-Viren entschlüsseln. Die Varianten hatten auffällig viele Mutationen angesammelt. Forscher haben dafür bisher zwei mögliche Erklärungen:

  • Die Viren könnten längere Zeit in einem Menschen kursiert sein, dessen Immunsystem es aber nicht geschafft hat, die Erreger loszuwerden. Bei lang andauernden Infektionen steigt die Chance für Mutationen.

  • Oder das Virus könnte zwischenzeitlich auf ein Tier übergesprungen sein, ehe es sich wieder bei Menschen ausbreitete. In den Niederlanden und Dänemark gab es mehrere Verdachtsfälle, bei denen sich Nerze auf Pelzfarmen offenbar bei Menschen angesteckt hatten und umgekehrt. Dänemark hatte daraufhin alle Zuchtnerze töten lassen, Nordjütland wurde abgeriegelt.

Deshalb sind Experten unsicher, ob B.1.617 wirklich für die hohen Infektionszahlen in Indien verantwortlich ist. »Die Anzahl der Proben ist noch sehr gering – daher können wir nicht direkt darauf schließen, dass der Anstieg durch die Variante verursacht wird«, so Sujeet Kumar Singh, Direktor der staatlichen Gesundheitsbehörde gegenüber »The Indien Express«.

In Großbritannien ist die neue Variante diese Woche angekommen. Bis Mitte der Woche meldete der medizinische Informationsdienst der Regierung  (PHE) 77 Fälle. Die B.1.617-Variante sei eine Kombination aus mehreren Mutationen, heißt es in der Mitteilung.

Dort ist man mittlerweile besorgter als in Indien. »Die neue Variante könnte noch schwieriger durch Impfstoffe zu kontrollieren sein als die Varianten, die zunächst in Brasilien und Südafrika aufgetreten waren«, meint der britische Mediziner Paul Hunter von der University of East Anglia gegenüber dem »Guardian«. Das liege daran, dass in B.1.617 sehr wahrscheinlich mindestens zwei gefährliche Mutationen zusammenarbeiten.

Auch die Varianten, die zunächst in Südafrika und Brasilien aufgetreten sind, tragen mehrere potenziell problematische Mutationen. Eine davon, die unter dem Namen E484K geführt wird, sorgt dafür, dass durch Impfstoffe gebildete neutralisierende Antikörper nicht mehr so stabil an das Virus binden.

Deutsche Virologen sind vorsichtiger mit ihrer Einschätzung als ihre britischen Kollegen. Eine Bewertung der biologischen Eigenschaften der B.1.617-Variante sei noch nicht möglich, meint Jörg Timm, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Düsseldorf gegenüber dem SPIEGEL. »Die Mutationen im Spike-Protein von B.1.617 sind bereits von anderen Varianten bekannt«, so Timm. Es sei davon auszugehen, dass diese ebenfalls die Immunabwehr »umgehen« können.

Der Körper reagiert dabei auf den Angriff des Virus nur verzögert oder gar nicht mit einer Immunantwort – unter Fachleuten wird dieses Phänomen auch »virales Entkommen« oder »Immunevasion« genannt.

Die Spike-Proteine, mit denen die Virushülle gespickt ist, dienen dem Virus dazu, in menschliche Zellen einzudringen. Mutationen können die Eigenschaften dieses Enterhakens verbessern und so bewirken, dass die Infektionswahrscheinlichkeit steigt. Zudem sind die Spikes das hervorstechende Merkmal des Virus, an dem das Immunsystem des Menschen den Angreifer erkennt; Mutationen, die dieses Merkmal unkenntlich machen, können die Immunabwehr erschweren.

»Ich würde aktuell davon ausgehen, dass der Effekt vergleichbar mit den Varianten aus Südafrika und Brasilien ist«, so Virologe Timm. Demnach könne es bei Teilimmunität, bei der bereits Antikörper vorhanden sind, durchaus zu neuen Infektionen kommen. Menschen, die nur einmal geimpft sind oder nur eine leichte Covid-Erkrankung hatten, könnten sich also ebenfalls anstecken. »Schwere Verläufe bei bestehender Immunität oder nach Impfung sind aber wahrscheinlich eher selten«, sagt Timm.

Mit Material von dpa-AFX.

sug
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