Virenexperte über Mutationen des Sars-CoV-2-Erregers »Das Virus hat sich an den Menschen angepasst«

Neue Varianten des Sars-CoV-2-Erregers verbreiten sich offenbar deutlich schneller als bisher. Welche Auswirkungen hat das auf Impfungen und Corona-Regeln? Der Bioinformatiker Richard Neher wagt eine Prognose.
Ein Interview von Christoph Seidler
Grafische Darstellung der Oberflächenproteine des Sars-CoV-2-Erregers

Grafische Darstellung der Oberflächenproteine des Sars-CoV-2-Erregers

Foto: Radoslav Zilinsky / Getty Images

SPIEGEL: Wir erreichen Sie am Sonntag am Schreibtisch. Treibt Sie die Sorge um die neue Variante des Sars-Cov-2-Erregers zur Wochenendarbeit?

Neher: Ja, ich finde diese neue Variante wirklich bemerkenswert. Diese und eine weitere Variante sind in Großbritannien und in Südafrika bekannt geworden und weisen viele Mutationen in relevanten Teilen des Genoms auf. Deswegen müssen wir dringend verstehen, wie sie sich ausbreiteten und wie es dazu gekommen ist.

Zur Person
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über Christoph Seidler

Der Bioinformatiker Richard Neher, 41, ist Forschungsgruppenleiter am Biozentrum der Universität Basel in der Schweiz. Zusammen mit seinem Team erforscht er, wie sich Bakterien und Viren verändern. So wollen die Fachleute Gesetzmäßigkeiten der Evolution aufdecken. In der Vergangenheit hat sich Neher dazu vor allem mit HI- und Influenzaviren befasst. Inzwischen steht auch die genetische Entwicklung des Sars-CoV-2-Erregers im Mittelpunkt seiner Arbeit.

SPIEGEL: Ist die aus Südafrika gemeldete Mutation des Erregers dieselbe wie die in Großbritannien aufgetretene?

Neher: Nein, das sind unterschiedliche Varianten. Sie haben keinen gemeinsamen Ursprung. Aber sie weisen gewisse Ähnlichkeiten auf. Das lässt uns glauben, dass sich das Virus in beiden Fällen tatsächlich an den Menschen angepasst hat.

SPIEGEL: Dass sich Viren im Laufe der Zeit verändern, ist nicht überraschend . Auch von Sars-CoV-2 haben Sie in Ihren Datenbanken schon viele Varianten. Wie viel Sorgen müssen wir uns wegen der aktuellen Mutationen machen?

Neher:  Dass diese Viren mutieren, ist in der Tat völlig normal. In den vergangenen Monaten habe ich viel Zeit mit der Erklärung verbracht, dass man sich über die meisten dieser Mutationen keine Sorgen machen muss. Jetzt liegt die Sache aber etwas anders.

SPIEGEL: Inwiefern?

Neher: Wir sehen wirklich viele Mutationen in dem relevanten Oberflächenprotein des Virus. Das ist außergewöhnlich. Und es ist gleich zweimal passiert, dass sich diese Varianten relativ schnell ausgebreitet haben. Wie sehr das tatsächlich mit dem Virus zu tun hat, und welche Rolle epidemiologische Faktoren wie Superspreading-Ereignisse dabei spielen, ist nicht abschließend geklärt. Aber die Hypothese, dass sich diese Variante schneller als bisher ausbreitet, erscheint mir sehr naheliegend.

SPIEGEL: Die britische Regierung drückt es drastischer aus. Gesundheitsminister Hancock warnt, die neue Variante sei »außer Kontrolle«.

Neher: Ich denke, es gibt in der Tat Grund zur Sorge. Aber man muss auch betonen, dass wir über wenige harte Fakten verfügen.

SPIEGEL: Premierminister Johnson scheint sie zu haben. Er sagt, der Erreger sei 70 Prozent leichter übertragbar als bisher. Hat er sich die Zahl nur ausgedacht?

Neher: Diese Angaben basieren auf epidemiologischen Modellen. Dabei wird analysiert, wie schnell die neue Variante die bisherigen verdrängt. Die Aussagen sind also im Grundsatz belastbar. Ob der Ausbreitungsvorteil tatsächlich bei 70 Prozent liegt, wird man sehen. Es könnten auch 30 oder 40 Prozent sein. Auf jeden Fall sieht es im Moment so aus, als verbreitete sich diese Variante substanziell besser als die bisherigen.

DER SPIEGEL

Wird der Erreger weniger tödlich? »Davon ist nicht auszugehen«

SPIEGEL: Wird der neue Typ von Sars-CoV-2 zum Normalfall in der Pandemie? In London war die Variante zuletzt wohl schon für 60 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

Neher: Es kann durchaus passieren, dass eine Variante des Virus alle anderen verdrängt. Wir haben das im Frühjahr schon einmal beobachtet.

SPIEGEL: Die aktuellen Mutationen betreffen das sogenannte Spike-Protein des Erregers. Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna wollen das Immunsystem aber mit der Struktur genau dieses Proteins auf den Erreger trainieren. Werden diese Impfstoffe  nun wirkungslos?

Im baden-württembergischen Ulm wird die Corona-Impfung noch simuliert, um die Abläufe zu erlernen. Doch schon bald soll es auch in Deutschland losgehen

Im baden-württembergischen Ulm wird die Corona-Impfung noch simuliert, um die Abläufe zu erlernen. Doch schon bald soll es auch in Deutschland losgehen

Foto: Stefan Puchner / dpa

Neher: Davon ist erst einmal nicht auszugehen. Das Spike-Protein ist ein großes Protein, wo das Immunsystem an vielen verschiedenen Stellen angreifen kann. Es ist nicht zu erwarten, dass einzelne Mutationen die Erkennung komplett verhindern. Aber das ist schon etwas, das man beobachten muss.

SPIEGEL: Die Impfstoffe könnten also perspektivisch doch weniger wirksam werden?

Neher: Es kann schon sein, dass das Immunsystem von Geimpften neuere Varianten des Virus irgendwann einmal nicht mehr ganz so gut erkennt. Das muss genau untersucht werden. Aber in den kommenden zwei, drei Jahren erwarte ich nicht, dass sich die Eigenschaften des Virus sehr stark ändern.

SPIEGEL: Was weiß man über die Schwere der Krankheitsverläufe bei der neuen Virenvariante? Wird der Erreger vielleicht weniger tödlich?

Neher: Davon ist nicht auszugehen. Ich glaube zwar nicht, dass es schon detaillierte Informationen gibt. Aber generell haben wir es bei dem Erreger in der Vergangenheit noch nicht erlebt, dass neue Varianten zu weniger schweren Krankheitsverläufen geführt haben. Es gab nur einen einzigen Fall. Aber dieser Typ des Virus ist schon längst ausgestorben.

Zu wenige Genomdaten aus Deutschland

SPIEGEL: Was halten Sie von der Theorie, dass die neue Virenvariante auch für den zuletzt rapiden Anstieg der Fallzahlen in Deutschland verantwortlich ist?

Neher: So viel ich weiß, gibt es in Deutschland bisher noch keinen direkten Nachweis dieser Variante. Vermutlich hätten wir sie aber ohnehin bisher nicht entdecken können. Meine Forschungsgruppe analysiert die Ausbreitung des Virus anhand von Genomen aus der ganzen Welt und die letzten verfügbaren Daten aus Deutschland stammen von Ende November. Zu diesem Zeitpunkt war die neue Variante auch in Großbritannien noch sehr selten. Wir können also nicht genau sagen, was in Deutschland gerade so zirkuliert. Dass die neuen Varianten irgendwo schon da sind, davon kann man ausgehen. Ob das aber nur Einzelfälle sind, oder ob es schon ein großflächiges Auftreten gibt, wissen wir aktuell nicht.

SPIEGEL: Das internationale Forschungsprojekt Nextstrain , an dem Ihr Team beteiligt ist, erhält den Großteil seiner Genomdaten aus Großbritannien und Skandinavien. Wird es Zeit, dass Sie auch mehr aus Deutschland bekommen?

Neher: Man hätte die genetische Zusammensetzung der Virenpopulation von Anfang an besser überwachen müssen. Wir haben aus Deutschland bisher vergleichsweise wenig Sequenzen erhalten. In Großbritannien gibt es ein großes Konsortium, das solche Daten generiert und veröffentlicht. In Deutschland machen das zwar einige Labors wie etwa in Berlin, Düsseldorf, oder Saarbrücken, aber nicht in dieser Frequenz und Zeitnähe.

SPIEGEL: Länder wie die Niederlande oder Belgien haben inzwischen alle Flugverbindungen mit Großbritannien ausgesetzt, um die Ausbreitung der Mutation zu stoppen. Bringt das etwas?

Neher: Ich gehe davon aus, dass die neue Variante schon vielerorts zu finden ist. Aber gerade wenn sie noch sehr selten vorkommt, kann man Zeit gewinnen, indem man weitere Einträge verhindert.

SPIEGEL: Sollte Deutschland die Flugverbindungen also auch stoppen?

Neher: Es macht aktuell durchaus Sinn, die Einreise aus Großbritannien einzuschränken. Die Regierung dort wendet im eigenen Land ja eine ähnliche Strategie an. Regionen, in denen die neue Variante häufiger ist, werden mehr oder weniger abgekapselt.

SPIEGEL: Unsere Regeln zum Abstand und zur Frage, ab welcher Länge ein Kontakt mit einem Sars-CoV-2-Infizierten problematisch ist, basieren auf der bisherigen Variante des Erregers. Brauchen wir wegen der Mutation jetzt neue, strengere Regeln?

Abstandsregeln am Flughafen Köln-Bonn (im Mai 2020)

Abstandsregeln am Flughafen Köln-Bonn (im Mai 2020)

Foto: Marius Becker/ dpa

Neher: Das wird sich erst noch zeigen. Aber es ist offensichtlich, dass die Regeln im Moment noch nicht ausreichen, um die Ausbreitung einzudämmen. Wenn sich diese Variante nun schneller verbreitet, muss man noch mehr Kontakte verhindern.

SPIEGEL: Wenn sich das Virus jetzt noch schneller ausbreitet, wie sinnvoll sind dann eigentlich Strategien, die auf eine komplette Auslöschung des Erregers setzten, wie etwa in China oder Australien?

Neher: Für Europa ist dieser Zug wohl abgefahren. Wir sollten uns aber vor Augen führen, dass eine effiziente Impfung die Übertragung des Virus stark eindämmen kann und zur Verfügung steht. Deswegen haben eine Unterdrückung der Virusausbreitung und eine Reduktion der Fallzahl jetzt eine sehr, sehr hohe Dividende. Weil wir das Licht am Ende des Tunnels sehen.

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