815 Corona-Neuinfektionen an einem Tag "Das sind kritische Signale"

In Deutschland steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Das könnte für eine neue Verbreitung in der Fläche sprechen, erklärt Virologe Jonas Schmidt-Chanasit - Infektionsketten wären dadurch schwieriger nachvollziehbar.
Alexanderplatz in Berlin: "Man muss jetzt genau hinschauen und prüfen, woran es liegt"

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Foto: Jochen Eckel/ imago images/Jochen Eckel

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland wieder stärker aus. 815 neue Infektionen mit dem Sars-CoV2-Virus meldeten die Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag. Dies ist der höchste Wert seit Mitte Mai, abgesehen vom Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies. Und: Anders als im Fall Tönnies fehlt diesmal ein klar zuzuordnender Ausbruch mit Hunderten Ansteckungen.

"Die steigende Zahl der Positivtests und die Verbreitung der Neuinfektionen sind kritische Signale", sagte der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin dem SPIEGEL. "Es gibt nicht den einen zentralen Herd, sondern einen allgemeinen Anstieg in der Fläche. Die Infektionsketten sind damit schwieriger nachvollziehbar und nicht so leicht zu unterbrechen."

Schon in den vergangenen Tagen hatte sich die Zahl der Positivtests gehäuft. Da vermeldete das RKI wiederholt mehr als 500 Fälle pro Tag. Zuvor lag die übliche Spanne eher bei 300 bis 400 bestätigten Neuinfektionen. Allerdings wurde zuletzt auch mehr getestet - und die Positiv-Quote lag in der vergangenen Woche mit 0,6 Prozent auf einem ähnlichen Niveau wie in der Woche davor.

Fälle in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg

Die 815 Fälle vom Donnerstag sind ein Ausreißer nach oben. Mehr als 40 Prozent davon entfallen auf Nordrhein-Westfalen (341); das bevölkerungsreichste Bundesland hat auch im Verhältnis zur Einwohnerzahl seit einiger Zeit die höchste Anzahl von Positivtests. Aber auch in Ländern wie Baden-Württemberg (166), Hessen (57) und Hamburg (24) lag die Zahl der neu entdeckten Infektionen deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Wochen.

Kein einziger Landkreis reißt zurzeit die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Dafür aber verbreitet sich das Coronavirus wieder in der Fläche. Am 14. Juni hatten 155 Landkreise dem RKI in den vorangegangenen sieben Tagen keinen einzigen Corona-Fall vermeldet. Am Mittwochabend gab es nur noch 98 solcher Kreise. Die Reproduktionszahl R lag am Donnerstagabend laut RKI mit 0,93 noch knapp unter eins. Allerdings waren die 815 Fälle vom Donnerstag noch nicht einberechnet.

Welche Rolle spielen die Urlaubsrückkehrer?

"Wir sind noch längst nicht in einem Bereich, wo die Gesundheitsämter die Nachverfolgung nicht mehr hinbekommen würden", sagt Virologe Schmidt-Chanasit. "Man muss jetzt genau hinschauen und prüfen, woran es liegt: an größeren Versammlungen, die jetzt wieder erlaubt sind? An wiedereröffneten Kitas und Schulen? Oder sind es vor allem Reiserückkehrer?" Tatsächlich wurde das neuartige Coronavirus zumindest in manchen Bundesländern vermehrt bei Rückkehrern von Auslandsreisen entdeckt. In Baden-Württemberg kamen die Infizierten vor allem aus Balkanländern, in Hamburg aus der Türkei.

Schmidt-Chanasit macht sich für gezielte Gegenmaßnahmen stark, wie etwa Kontrollen an Flughäfen, falls der Effekt tatsächlich an den Reiserückkehrern liegen sollte. Am Mittwoch hatten sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern grundsätzlich darauf verständigt, dass Reisende aus Risikogebieten im Ausland künftig unmittelbar und verpflichtend getestet werden sollen.

Hierzu sollen an Flughäfen Teststellen geschaffen werden. Österreichs Regierung geht noch weiter: Sie lässt Einreisende aus Risikogebieten in der Regel nur noch dann ins Land, wenn diese einen negativen Test vorweisen können, der nicht älter als 72 Stunden ist. Zudem müssen sich alle Rückkehrer selbst bei einem negativen Test für 14 Tage in Heimquarantäne begeben.

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In Deutschland ist die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner zurzeit nur etwa halb so hoch wie in Österreich. "Die Frage ist: Steigen die Infektionszahlen weiter oder stagnieren sie auf dem höheren Niveau?", sagt Schmidt-Chanasit. Er selbst sei aber "überzeugt, dass die Maßnahmen in Deutschland ausreichen, um eine Explosion zu verhindern".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, zum genannten Zeitpunkt habe es in Hamburg 25 bestätigte Neuinfektionen gegeben, tatsächlich waren es 24. Wir haben den Fehler korrigiert.

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