Studie der Uni Göttingen Hochrechnung sieht nur sechs Prozent der weltweiten Corona-Fälle erfasst

Mehr als 1,3 Millionen Menschen weltweit haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Nun zeigt eine aktuelle Studie: Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, auch in Deutschland.
Laut einer aktuellen Studie werden in den USA nur 1,6 Prozent der Corona-Infektionen erfasst

Laut einer aktuellen Studie werden in den USA nur 1,6 Prozent der Corona-Infektionen erfasst

Foto: Yiu Yu Hoi/ Getty Images

Laut einer aktuellen Studie könnten sich weltweit bereits mehrere zehn Millionen Menschen mit dem Coronavirus angesteckt haben, ohne dass die Betroffenen in einer offiziellen Statistik auftauchen. Das berichten Forscher der Universität Göttingen . Demnach werden weltweit nur etwa sechs Prozent der Corona-Infektionen erfasst.

Für die Hochrechnungen haben die Forscher ein Paradoxon in der aktuellen Pandemie genutzt: Die festgehaltene Sterberate von Covid-19-Patienten weicht zwischen einzelnen Ländern erheblich ab. Auch die Zeit, die zwischen dem Erfassen der Infektion und dem Tod der Patienten liegt, schwankt im Ländervergleich stark - obwohl hinter allen Erkrankungen der gleiche Erreger steckt.

Die unterschiedlichen Zahlen könnten sich zumindest zum Teil damit erklären lassen, dass Menschen in bestimmten Ländern anfälliger für eine schwere Infektion sind. Ein Großteil der Abweichungen dürfte sich jedoch durch die unterschiedliche Datenqualität erklären lassen.

Vorherige Studien legen nahe, dass die durchschnittliche Sterberate des Coronavirus bei etwa 1,38 Prozent liegt. Das bedeutet, dass im Schnitt 138 von 10.000 Patienten, die positiv auf das Coronavirus getestet werden, sterben. Weichen die Angaben aus einzelnen Ländern stark von diesem Wert ab, spricht das dafür, dass dort längst nicht alle Infektionen erfasst wurden.

  • In Italien lag die Sterberate zwischenzeitlich bei 9,5 Prozent. Die Göttinger Forscher schließen daraus, dass in dem Land bislang nur 3,5 Prozent der Infektionen entdeckt wurden.

  • In Spanien sind es demnach sogar nur 1,7 Prozent.

  • Noch niedriger ist die geschätzte Entdeckungsrate in den USA (1,6 Prozent) und Großbritannien (1,2 Prozent). Es sind die beiden Länder, die zunächst zögerlich auf die Pandemie reagiert und erst vergleichsweise spät Kontakteinschränkungen vorgenommen hatten und deshalb heftig in der Kritik standen.

  • In Deutschland wurden der Berechnung zufolge etwa 15,6 Prozent der Infektionen entdeckt. Bis Ende März müssten sich demnach mindestens 460.000 Menschen mit dem Virus infiziert haben. Zu dem Zeitpunkt waren offiziell aber nur 61.913 Fälle gemeldet worden.

  • Südkorea scheint dagegen fast die Hälfte der Infektionen entdeckt zu haben. In dem Land wurde schon frühzeitig flächendeckend getestet (Mehr dazu lesen Sie hier).

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

"Diese Ergebnisse bedeuten, dass Regierungen bei der Interpretation der Fallzahlen äußerste Vorsicht walten lassen müssen", sagte Studienautor Sebastian Vollmer. "Solche extremen Unterschiede in Umfang und Qualität der in den verschiedenen Ländern vorgenommenen Tests bedeuten, dass die offiziellen Fallzahlen keine hilfreichen Informationen liefern."

Auch vorherige Studien haben gezeigt, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen deutlich höher liegen dürfte, als die offiziellen Statistiker hergeben. Laut einer Analyse von US-Forschern kommen auf jeden bestätigten Corona-Fall bis zu zehn unentdeckte.

Das Problem ist auch Experten in Deutschland bewusst. Solange nicht klar ist, wie viele Menschen sich mit dem Virus infiziert haben, lässt sich nur schwer abschätzen, wann die geltenden Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden können, ohne dass das Gesundheitssystem kollabiert.

Forscher versuchen nun, in mehreren kurzfristig aufgesetzten repräsentativen Querschnittsstudien in Deutschland schnellstmöglich Antworten zu finden. So sollen in München Menschen in 3000 Haushalten regelmäßig auf Antikörper getestet werden. Im besonders stark vom Virus betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen untersucht der Virologe Hendrik Streeck indes, wie sich das Virus im Detail ausbreitet. Zudem haben Wissenschaftler angekündigt, in den nächsten Wochen bei 100.000 Probanden nach Antikörpern gegen das neue Virus suchen zu wollen.

koe
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