Studie Forscher bezweifeln Sinn von Schulschließungen

Verlassene Flure, leere Sitzreihen: Seit Mitte März sind die Schulen in Deutschland dicht. Dass diese Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus hilft, hält eine aktuelle Studie für unwahrscheinlich.
Geschlossene Schule in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen): "Die psychische Gesundheit der Kinder kann Schaden nehmen"

Geschlossene Schule in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen): "Die psychische Gesundheit der Kinder kann Schaden nehmen"

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Ein internationales Forscherteam hält den Nutzen von Schulschließungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie für gering. Die Wissenschaftler aus Großbritannien und Australien argumentieren, das neuartige Coronavirus habe sehr niedrige Infektionsraten bei Kindern, seine Ausbreitung sei deshalb durch Schulschließungen kaum beeinflussbar. Ihre Ergebnisse wurden im Fachblatt "The Lancet Child & Adolescent Health"  veröffentlicht.

Für die Studie werteten die Forscher aus London, Cambridge und Sydney 16 internationale Forschungsarbeiten aus, darunter mehrere Studien zum Ausbruch der Atemwegserkrankung Sars im Jahr 2003 sowie fünf vorab veröffentlichte Analysen zur aktuellen Pandemie. Die Autoren räumen zwar ein, dass die Datenlage noch sehr begrenzt sei. Ihrer Ansicht nach lassen sich aber schon jetzt wichtige Erkenntnisse daraus ziehen.

Corona-Pandemie nicht vergleichbar mit Grippewellen

Demnach unterscheidet sich die aktuelle Situation stark von der Ausbreitung anderer Infektionskrankheiten wie der Grippe. Schulschließungen hätten immer dann einen starken Effekt, wenn das Virus insgesamt nicht besonders ansteckend sei, aber überdurchschnittlich oft Kinder treffe. Das sei im Fall der Grippe gegeben. Für die neuartige Atemwegskrankheit Covid-19 gelte jedoch das Gegenteil: Das neuartige Coronavirus zeichne sich durch eine insgesamt hohe Ansteckungsquote bei einer zugleich niedrigen Infektionsrate unter Kindern aus.

"Zwar ist die Datenlage noch schlecht, aber bislang gehen wir davon aus, dass Schulschließungen im Rahmen des Covid-19-Ausbruchs nur eine geringe Wirkung haben im Vergleich zu anderen Maßnahmen wie der Isolation einzelner Infizierter", sagte der Kinderarzt Russell Viner vom University College London. Außerdem seien Schulschließungen nur dann wirksam, wenn auch alle anderen Maßnahmen des Social Distancing eingehalten würden.

Bei der Auswertung der Studien zum Sars-Ausbruch in China, Hongkong und Singapur kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Schulschließungen nicht zur Eindämmung der Epidemie beigetragen hätten. Allerdings merken die Studienautoren einschränkend an, dass sie auf widersprüchliche Aussagen in den untersuchten Forschungsarbeiten aufmerksam geworden seien. Im Hinblick auf das neuartige Coronavirus habe ein vorab veröffentlichtes Rechenmodell zudem gezeigt, dass die Schließung von Schulen die Zahl der Todesfälle in Großbritannien immerhin um rund zwei bis vier Prozent reduzieren könnte.

Forscher empfehlen Staffelung des Unterrichtsbeginns

Neben den Auswirkungen auf die Verbreitung des Virus befassten sich die Forscher auch mit den sozialen und wirtschaftlichen Effekten von Schulschließungen. "Die Ausbildung der Kinder wird in Mitleidenschaft gezogen und ihre psychische Gesundheit kann Schaden nehmen", sagte Viner. Außerdem müssten viele Eltern für die Kinderbetreuung zu Hause bleiben, was sich wiederum auf die Finanzen der Familie auswirke.

In Deutschland sind fast alle Schulen seit Mitte März geschlossen. Nach Ansicht der Wissenschaftler sollte die Politik jetzt Konzepte ausarbeiten, wann und wie die Bildungseinrichtungen wieder geöffnet werden könnten. Als vorübergehende Maßnahmen empfehlen sie unter anderem größere Sitzabstände zwischen den Schülern, eine kürzere Schulwoche und die Staffelung der Zeiten für Unterrichtsbeginn und Pausen.

jki
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