Expertengremium Wie die Coronakrise hätte verhindert werden können

Einzelne Staaten und die WHO haben viel zu spät auf die sich abzeichnende Coronapandemie reagiert, kritisieren unabhängige Experten. Um die Krise zügig zu bewältigen, haben sie drei Forderungen aufgestellt.
Covid-19-Station in Brasilien: Weltweit wurden bislang 3,3 Millionen Covid-19-Tote registriert

Covid-19-Station in Brasilien: Weltweit wurden bislang 3,3 Millionen Covid-19-Tote registriert

Foto: Felipe Dana/ AP

Eine Kommission aus unabhängigen Experten sollte untersuchen, wie gut die Welt auf die sich abzeichnende Coronakrise vorbereitet war. Ihr Urteil ist schonungslos. Demnach haben entscheidende Akteure viel zu lange gezögert, als sich die Pandemie Ende 2019 abzeichnete.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe zu langsam auf erste Alarmzeichen einer möglichen Gesundheitsbedrohung reagiert, konstatiert das Expertengremium, das die WHO selbst bestellt hatte.

Auch Regierungen kommen in dem am Mittwoch in Genf veröffentlichten Bericht nicht gut weg: Viele Länder hätten im Februar 2020 zu lange gezögert, statt Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 zu treffen. »Das System, wie es zurzeit besteht, ist nicht dazu geeignet, zu verhindern, dass sich mit einem neuen und hochansteckenden Erreger eine Pandemie entwickelt«, heißt es in dem Bericht. Dabei könnte ein solcher Erreger jederzeit auftreten.

Pandemie hätte viel früher ausgerufen werden müssen

China hatte Ende Dezember 2019 über die Häufung einer unbekannten Lungenkrankheit in Wuhan berichtet. Die WHO erklärte erst am 30. Januar eine »Notlage von internationaler Tragweite«, die höchstmögliche Alarmstufe. Das verpflichtet Länder, Vorkehrungen zu treffen.

Erst am 11. März sprach die WHO von einer Pandemie. Das hat nach den WHO-Gesundheitsvorschriften anders als die Erklärung der »Notlage« zwar eigentlich keine Konsequenzen. Im Rückblick war es aber erst der psychologisch notwendige Schub, um Regierungen richtig in Alarmbereitschaft zu versetzen, so die Kommission.

Um die Coronapandemie sofort konsequenter zu bekämpfen, stellen die Expertinnen und Experten drei Forderungen:

  • Reiche Länder sollten bis September zusammen eine Milliarde Impfdosen für 92 ärmere Länder zur Verfügung stellen.

  • Pharmafirmen sollen freiwillig mehr Lizenzen zur Impfstoffherstellung vergeben. Wenn die Produktion damit in den nächsten drei Monaten nicht angekurbelt wird, soll unmittelbar eine Aufhebung der Patente in Kraft treten.

  • Die reichsten Länder (G7) sollten sofort 60 Prozent der fehlenden 19 Milliarden Dollar für das Programm ACT Accelerator bereitstellen, das die Erforschung und globale Verteilung von Impfstoffen, Medikamenten und Tests organisieren soll.

Die WHO-Mitgliedsländer hatten die Expertenkommission 2020 unter Leitung der früheren Regierungschefinnen Helen Clark aus Neuseeland und Ellen Johnson Sirleaf aus Liberia einberufen. Sie sollte Erfahrungen aus dem Umgang mit der Pandemie zusammentragen und Vorschläge für Verbesserungen machen.

Globales Überwachungssystem

Um auf neue Pandemien besser vorbereitet zu sein, schlägt die Kommission unter anderem einen Rat für globale Gesundheitsbedrohungen vor. Der Rat solle aus Staats- und Regierungschefs bestehen, die dafür Sorge tragen, dass der Schutz vor Pandemien nicht in Vergessenheit gerät.

Ein neues globales Überwachungssystem von Krankheiten soll der WHO zudem die Möglichkeit geben, bei Bedarf sofort Alarm zu schlagen – ohne Rücksprache mit betroffenen Ländern. Der WHO wird vorgeworfen, zu Anfang der Pandemie zu sehr auf China gehört zu haben, das die Schwere der Bedrohung heruntergespielt hatte.

Außerdem fordern die Experten ein Programm, über das öffentliche Güter, wie Impfstoffe und Medikamente, allen Ländern zur Verfügung gestellt werden. Schließlich schlägt die Kommission einen Pandemie-Fonds vor, der pro Jahr fünf bis zehn Milliarden Dollar (umgerechnet bis 8,2 Milliarden Euro) einsammelt, um Vorkehrungen gegen eine neue Pandemie zu finanzieren.

koe/dpa