Corona in Afrika Die stille Durchseuchung

In Teilen Afrikas haben sich in etwa so viele Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, wie in Europa geimpft wurden – das zeigen neue Zahlen. Fachleute fordern einen Wechsel bei der Impfstrategie.
Impfstofflieferung nach Addis Abeba, Äthiopien: Für die Erstimmunisierung kommen die Lieferungen oft zu spät

Impfstofflieferung nach Addis Abeba, Äthiopien: Für die Erstimmunisierung kommen die Lieferungen oft zu spät

Foto: Tiksa Negeri / REUTERS

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Ungefähr 112 Millionen Menschen leben in Äthiopien. Genau weiß das niemand. Der Binnenstaat am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, schwere Dürren führen immer wieder zu Hungersnöten und rauben den vielen Kleinbauern auf dem Land die Lebensgrundlage. Bewaffnete Auseinandersetzungen erschweren die Lage zusätzlich.

In dieser Situation breitet sich auch dort seit über eineinhalb Jahren das Coronavirus Sars-CoV-2 aus. Eine humanitäre Katastrophe blieb bislang aus. Die Folgen der Pandemie sind allerdings weitgehend unklar. Das gilt für fast ganz Afrika. Offiziellen Daten zufolge entfallen nicht mal drei Prozent der weltweit erfassten Covid-19-Erkrankungen und nicht mal vier Prozent der Todesfälle auf den Kontinent. Glauben kann man dem nicht.

Erkrankungs- und Todesfälle werden in den meisten afrikanischen Staaten nicht systematisch erfasst. Nun zeigt sich: Während die westliche Welt monatelang über Impfstofflieferungen in die Region diskutierte – die Erstimpfquote in armen Staaten weltweit liegt gerade mal bei drei Prozent – hat das Virus die Menschen auf dem Kontinent weitgehend durchseucht. Eine Studie des Tropeninstituts am LMU Klinikum München und Partnern in Äthiopien wirft ein Schlaglicht auf das Ausmaß der Virusverbreitung in der Region.

Die meisten sind längst immun durch Infektion

»Wenn wir hier über die geringe Impfquote in afrikanischen Staaten sprechen, ist der Fokus oft fehlgeleitet«, erklärt Michael Hoelscher, Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am LMU-Klinikum im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Es ist völlig klar, dass die offiziellen Zahlen der Infizierten aus der Region nicht stimmen. Die meisten Menschen haben längst eine gewisse Immunität durch Infektion.« Die Impfstrategie für die Region müsse daher überdacht werden.

In Kooperation mit Hoelschers Mitarbeitern Arne Kroidl und Andreas Wieser haben Fachleute in Äthiopien zwischen August 2020 und April 2021 an verschiedenen Orten mehr als 2300 Menschen auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet. Zu drei verschiedenen Zeitpunkten prüften sie auf diese Weise, welcher Anteil der Untersuchten schon einmal infiziert war. Die Studie wurde im Fachmagazin »The Lancet Global Health«  veröffentlicht.

Ungefähr die Hälfte der Probandinnen und Probanden waren Mitarbeiter von zwei Lehrkrankenhäusern, eins steht in der Großstadt Jimma im Südwesten des Landes, eins in der Hauptstadt und größten Stadt Addis Abeba im Zentrum Äthiopiens. Außerdem untersuchten die Fachleute die Virusausbreitung auf dem Land und in der Stadt. Die Tests fielen genau in die Zeit, zu der die zweite Infektionswelle in Afrika Fahrt aufgenommen hatte.

Viele Infektionen in Kliniken und Städten

Insbesondere unter medizinischem Personal breitete sich das Coronavirus in der Folge offenbar dramatisch aus. In der Klinik in Addis Abeba hatten im August und September 2020 nur etwa elf Prozent der untersuchten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Antikörper gegen den Erreger im Blut. Ungefähr ein halbes Jahr später, im Frühjahr 2021, waren es rund 54 Prozent – eine Verfünffachung.

In Jimma waren im November 2020 rund 31 Prozent des Krankenhauspersonals infiziert gewesen. Bis zum Februar 2021 stieg der Wert auf rund 56 Prozent – die Zahl der bereits vom Virus Betroffenen verdoppelte sich in der kurzen Zeit beinahe. Es ist zwar davon auszugehen, dass Klinikpersonal besonders häufig in Kontakt mit Covid-19-Erkrankten kommt und somit ein höheres Infektionsrisiko hat als die Allgemeinbevölkerung, aber auch dort stieg die Zahl der Infizierten deutlich.

In städtischen Gemeinden in Jimma und Addis Abeba verzeichneten die Fachleute ein Wachstum des bereits infizierten Anteils der Bevölkerung um etwa 40 Prozent. In einem Bezirk von Addis Abeba hatten bereits beim ersten Testdurchlauf dort im Januar 2021 54 Prozent der Probandinnen und Probanden Antikörper gegen das Virus im Blut. Bis zum April stieg der Wert auf rund 73 Prozent.

Zum Vergleich: Laut offiziellen Zahlen  wurden in Äthiopien bislang gerade mal rund 360.000 Coronainfektionen nachgewiesen – bei 112 Millionen Einwohnern dürften demnach eigentlich nur 0,3 Prozent Antikörper gegen das Coronavirus im Blut tragen.

Selbst auf dem Land, wo sich der Erreger bislang weniger ausgebreitet hat, konnte das äthiopisch-deutsche Team um Kroidl und Wieser im Dezember und Januar aber bei etwa 18 Prozent der untersuchten Personen eine durchgemachte Coronainfektion nachweisen, bis Februar/März stieg der Wert auf 31 Prozent. Das Team befürchtet, dass es aufgrund der noch vergleichsweise geringen Immunität derzeit eine weitere große Infektionswelle in ländlichen Gebieten gibt.

In Deutschland hätten wir uns das nicht leisten können

Nach Angabe der Fachleute ist ihre Untersuchung die erste, die die Infektionsdynamik des Coronavirus in einem afrikanischen Staat im Zeitverlauf koordiniert untersucht hat. Stichproben aus anderen Ländern zeichnen aber ein ähnliches Bild: So wurden in der Demokratischen Republik Kongo bei 41 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen Antikörper gegen das Coronavirus entdeckt, sie hatten sich offenbar zuvor mit dem Erreger infiziert, in Nigeria kam eine ähnliche Untersuchung auf einen Wert von 45 Prozent.

»Andere sporadische Berichte geben teilweise noch höhere Zahlen an, etwa 60 Prozent unter Blutspendern in Südafrika«, schreibt das Team.

»Hierzulande hätten wir uns eine so hohe Durchseuchungsquote wie in diesen Staaten niemals leisten können«, sagt Hoelscher. »Der Schaden wäre immens gewesen.« Das liege zum einen an der deutlich anderen Altersstruktur: In Äthiopien ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Schätzungen zufolge  jünger als 20 Jahre, in Deutschland liegt der Altersmedian dagegen bei ungefähr 48.

Zum anderen seien Zivilisationskrankheiten, etwa Übergewicht und Bluthochdruck, in der westlichen Welt deutlich verbreiteter, so Hoelscher. »Da schwere Covid-19-Verläufe insbesondere ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen betreffen, erwischt uns das Virus härter als afrikanische Staaten.«

»Dort wird zum Teil still im Dorf gestorben«

Aber auch in Äthiopien machte sich die zweite Infektionswelle in den Kliniken bemerkbar. »Unsere Daten decken sich mit nationalen Berichten über die erhöhte Belastung der kritischen Patientenversorgung«, heißt es in der Studie. Es gebe auch in Afrika mehr als genug Covid-19 assoziierte Todesfälle, bestätigt Kroidl. »Dort wird zum Teil still im Dorf gestorben.«

Ähnlich wie lange niemand eine Ahnung davon hatte, wie viele Menschen sich in den meisten afrikanischen Staaten tatsächlich angesteckt haben, liegt auch die Zahl der Schwererkrankten und Toten im Dunkeln. »In Äthiopien und in vielen anderen Ländern gibt es weder einen Zensus noch eine Todesstatistik«, sagt Wieser. Auch Leichenhallen finde man nur in den großen Städten.

»Auf dem Land, wo der Großteil der äthiopischen Bevölkerung lebt, ist die Beerdigung Aufgabe der Familie und findet aus religiösen Gründen in der Regel innerhalb von 48 Stunden statt«, so der Mediziner. Die Todesursache bleibe meist unklar. Da nur drei Prozent der Menschen in Äthiopien über 60 Jahre alt seien, werde es oft gar nicht hinterfragt, wenn jemand in der Altersgruppe sterbe. Inoffizielle Angaben aus der Leichenhalle in Addis Abeba deuteten aber darauf hin, dass ein bedeutender Anteil der Toten mit dem Virus infiziert sei.

In einigen afrikanischen Staaten, etwa Kenia und Uganda, gab es durchaus Lockdowns, erklärt Kroidl. Auch in Äthiopien wurde 2020 das öffentliche Leben eingeschränkt, die Maßnahmen aber im September des Jahres wieder aufgehoben. »Sie sind in der Region besonders schwer durchzuhalten, weil die Bevölkerung sehr abhängig ist von einem engen Miteinander, von Märkten und dem Austausch von Waren.«

Auch Masken werden in afrikanischen Staaten getragen. In den großen Krankenhäusern seien medizinische Varianten verfügbar, die Bevölkerung greife aber oft auf selbst genähte Varianten zurück, berichten die Fachleute.

»Niemand muss sich in Europa schlecht fühlen«

»Wir haben es mit einer sehr hohen Durchseuchung in Afrika zu tun, die wahrscheinlich auch noch weiter steigen wird«, sagt Kroidl. Das Team beobachtet derzeit etwa einen Anstieg bei positiven Tests, den es sich noch nicht recht erklären kann. Eine Möglichkeit sei, dass sich nun eine andere Variante des Coronavirus ausbreitet, die den Immunschutz der bereits Infizierten umgehen kann, womöglich lässt die Immunität bei manchen Betroffenen auch wieder nach.

»Impfstoff ist in afrikanischen Staaten weiter knapp«, so Kroidl. »Es geht jetzt darum herauszufinden, inwieweit eine Impfdosis nach durchgemachter Infektion auch in Afrika vor weiteren Krankheitsverläufen schützt und wie Impfstoffe möglichst effizient eingesetzt werden.« Je nach Verfügbarkeit von Testsystemen könnte es sinnvoll sein, Impfwillige bei der Erstimpfung gegen Covid-19 auf Antikörper zu testen und ganz auf die Impfung oder auf die zweite Impfdosis zu verzichten, falls bereits eine Infektion bestand.

»Impfungen gegen Covid-19 sind auch in Afrika unbedingt notwendig«, sagt Hoelscher. »Wenn es aber zu wenig Impfstoff gibt, sollte man diesen sinnvoll einsetzen und nicht einfach Konzepte aus Industrieländern kopieren.« Die WHO sei in der Pflicht, die Länder zu beraten, wie sie ihre vulnerable Bevölkerung gezielt impfen können. »Das passiert im Augenblick viel zu wenig.«

In Afrika bestünden mit einer Immunitätsrate von etwa 60 bis 80 Prozent ähnliche Voraussetzungen wie in Industrieländern. Jetzt komme es darauf an, den Immunschutz gefährdeter Menschen regelmäßig aufzufrischen. »Mit dem Aufbau eines Impfneides ist uns nicht geholfen«, so Hoelscher. »Niemand muss sich in Europa schlecht fühlen, wenn er eine dritte Dosis mit einer mRNA-Vakzine bekommt. Diese Mittel sind wegen der extremen Kühlanforderungen im Augenblick noch unpraktikabel für Afrika.«

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