Weltweite Gesundheit Corona-Pandemie schwächt Schutz vor HIV und Aids

Mit der richtigen Therapie können HIV-Infizierte weitgehend normal leben. Das Problem: In vielen armen Ländern – und auch in Deutschland – wird die Infektion zu spät erkannt. Corona schafft weitere Hürden.
Aids-Tests in Südafrika: In der Coronakrise werden weniger Aids-Tests gemacht

Aids-Tests in Südafrika: In der Coronakrise werden weniger Aids-Tests gemacht

Foto: Dino Lloyd / Gallo Images / Getty Images
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) hat vor Rückschritten im Kampf gegen Aids wegen der Corona-Pandemie gewarnt: »Wir dürfen nicht zulassen, dass die Eindämmung von HIV und Aids auf das Abstellgleis gerät«, erklärte DSW-Geschäftsführer Jan Kreutzberg zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Die Coronakrise habe die Bekämpfung von HIV vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bereits erkennbar verlangsamt.

Die Stiftung verwies auf das Beispiel Uganda, wo sich die Zahl der HIV-Tests im April »um besorgniserregende 40 Prozent« verringert habe. Zudem habe die Corona-Pandemie die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verschärft: »Wir erleben weltweit eine Zunahme geschlechtsbasierter und sexualisierter Gewalt, eine Zunahme unbeabsichtigter Schwangerschaften und auch eine Zunahme von HIV-Infektionen bei Mädchen und Frauen«, erklärte Kreutzberg.

Auch ohne Corona seien junge Frauen in südlich der Sahara gelegenen Teilen Afrikas besonders von HIV betroffen: Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren infizierten sich dort viermal häufiger als ihre männlichen Altersgenossen.

Weniger Tests, weniger Medikamente

Im Jahr 2019 haben sich weltweit 1,7 Millionen Menschen neu mit HIV infiziert, zwei Drittel davon (64 Prozent) entfallen auf Afrika südlich der Sahara. Das geht aus dem Unaids-Bericht der Vereinten Nationen  hervor. Geschätzt zwölf Millionen Infizierte hatten demnach in diesem Zeitraum keinen Zugang zu Medikamenten. Dafür seien auch die Ausgangsbeschränkungen verantwortlich, die auch dazu geführt hätten, dass sich vielerorts Gefährdete nicht hätten testen lassen können. Dem Bericht zufolge könnte es daher bis Ende 2022 fast 300.000 zusätzliche HIV-Infektionen geben, fast 150.000 Infizierte zusätzlich könnten sterben.

In Deutschland lebten nach Schätzungen Ende 2019 rund 90.700 HIV-Infizierte – darunter etwa 10.800 ohne davon zu wissen. Etwa 3100 Menschen wurden trotz HIV-Diagnose nicht behandelt. 96 Prozent der HIV-Infizierten erhalten eine antiretrovirale Therapie. Sie ist laut Robert Koch-Institut (RKI)  in Berlin fast immer erfolgreich – die Menschen sind nicht mehr ansteckend.

Die Zahl der Neuinfektionen ist hierzulande im vergangenen Jahr erstmals seit 2015 gestiegen, wie das RKI berichtete. Nach Schätzungen haben sich 2600 Menschen neu mit dem HI-Virus infiziert, 100 mehr als im Jahr zuvor. 380 Infizierte starben, seit Beginn der Epidemie in den Achtzigerjahren waren es knapp 30.000. Die RKI-Angaben beruhen auf Modellrechnungen, da eine HIV-Infektion oftmals erst Jahre nach der Ansteckung diagnostiziert wird.

Es müsse mehr Testangebote geben, und der Zugang zur Therapie müsse gewährleistet werden, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Rund ein Drittel der Diagnosen wurde erst bei einem fortgeschrittenen Immundefekt gestellt, in etwa 15 Prozent erst, wenn die Immunschwächekrankheit Aids voll ausgebrochen ist. Die Zahl der Spätdiagnosen sei tragisch, sagte Sven Warminsky von der Deutschen Aidshilfe. Ärztinnen und Ärzte müssten geschult werden, damit sie HIV als Krankheitsursache öfter in Betracht zögen.

Unentdeckte Infektionen in Osteuropa

Bei der Hauptbetroffenengruppe in Deutschland, homo- und bisexuellen Männern, stagnierte die Zahl der Neuinfektionen nach jahrelangem Rückgang. Anstiege auf niedrigem Niveau wurden bei Übertragungen auf heterosexuellem Weg und bei Drogenkonsumenten über Spritzbesteck gesehen.

Auch europaweit gibt es immer mehr Betroffene, die nichts von ihrer Infektion wissen. Mehr als die Hälfte der Infektionen werde erst in einem späten Stadium diagnostiziert, wenn das Immunsystem bereits angefangen habe zu versagen, berichteten das Europabüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Vier Fünftel der neu Diagnostizierten lebten im östlichen Teil der Region. Sie umfasst 900 Millionen Menschen in 53 Ländern, darunter neben den EU-Ländern etwa auch Russland, die Türkei und Usbekistan.

Die Coronakrise ist der Stiftung Weltbevölkerung zufolge »ein Weckruf« an Regierungen und die Zivilgesellschaft, daran zu arbeiten, grundlegende Gesundheitsversorgung für alle zu ermöglichen und Gleichberechtigung zu erreichen. Um besonders Mädchen und Frauen vor einer HIV-Infektion zu schützen, brauche es Präventionsmaßnahmen wie umfassende Sexualaufklärung, einen besseren Zugang zu Kondomen und einen höheren Schutz vor sexualisierter Gewalt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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hei/AFP/dpa
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