Beginn der Pandemie Wo früh Masken getragen wurden, gab es deutlich weniger Covid-19-Tote

Am Anfang der Coronapandemie war Maskentragen noch keine Selbstverständlichkeit – aber sinnvoll, zeigt eine Analyse. Je früher Staaten die Maßnahme einführten, umso verlässlicher reduzierten sie Todesfälle.
Schaufenster einer Änderungsschneiderei in Niedersachsen mit Masken: Simples, günstiges und wirkungsvolles Mittel gegen Ansteckungen

Schaufenster einer Änderungsschneiderei in Niedersachsen mit Masken: Simples, günstiges und wirkungsvolles Mittel gegen Ansteckungen

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Hauke-Christian Dittrich / dpa

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Menschen mit Masken im Supermarkt, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Restaurant – noch Anfang 2020 war das in Deutschland unvorstellbar. Manch einer belächelte da noch die Menschen in asiatischen Städten, die Masken teils selbstverständlich im Alltag trugen.

Inzwischen sind Masken auch in Deutschland fester Bestandteil des Alltags – viele Menschen wollen sie auch langfristig zum Schutz vor Krankheiten tragen. Fachleute diskutieren zudem, ob Masken auch zum Schutz vor schweren Grippewellen etwa im öffentlichen Nahverkehr längerfristig Pflicht bleiben sollten.

Politiker weltweit setzen dagegen zunehmend auf Lockerungen in der Maskenfrage. Dabei betont eine aktuelle Studie auf Basis von Daten vom Beginn der Pandemie einmal mehr die Effektivität der simplen Maßnahme.

In Ländern, in denen kulturell bedingt in der Öffentlichkeit Masken getragen werden oder in denen dies von der Regierung früh in der Pandemie unterstützt wurde, stieg in den ersten Monaten des Jahres 2020 die Zahl der Coronatoten pro Kopf im Schnitt jede Woche um rund 16 Prozent, berichtet ein Forschungsteam im »American Journal of Tropical Medicine and Hygiene «. In Ländern, die keine Masken empfohlen haben, lag der Anstieg im Schnitt bei rund 62 Prozent pro Woche.

Informationen aus 200 Ländern ausgewertet

Das Forscherteam hatte untersucht, durch welche Faktoren sich die teils sehr unterschiedliche Zahl der Covid-19-Toten pro Kopf in verschiedenen Staaten erklären lassen. Dazu analysierte es Informationen aus bis zu 200 Ländern, die am 9. Mai 2020 unter anderem Daten zur Covid-19-Mortalität in öffentlich zugänglichen Datenbanken hinterlegt hatten. Diese verglichen sie mit einer Vielzahl von Faktoren, die die Todesrate beeinflusst haben könnten.

Dazu zählte etwa das Alter der Bevölkerung, die Geschlechterverteilung, die Außentemperatur, die Urbanität und die Häufigkeit von Übergewicht sowie der Anteil der Raucher in der Gesellschaft. Auch berücksichtigten sie, wie lange das neue Coronavirus in einem Land zum Analysezeitpunkt bereits nachgewiesen worden war, und welche Gegenmaßnahmen abgesehen von einer Maskenpflicht eingeführt wurden, etwa Lockdowns oder Tests in großem Umfang, die es ermöglichten, Infizierte zu identifizieren und zu isolieren.

Mit einer höheren Todesrate waren unabhängig voneinander etwa ein höheres Maß an Urbanisierung, also viele Menschen, die in Städten auf recht engem Raum zusammenleben, mehr Menschen im Alter von 60 Jahren oder älter in der Bevölkerung oder eine höhere Prävalenz von Fettleibigkeit verbunden. Wo internationale Reisebeschränkungen galten oder kulturelle Normen oder Maßnahmen das Tragen von Masken bereits zu Beginn des Ausbruchs begünstigten, fand das Team dagegen eine vergleichsweise geringe Todesrate.

In Europa entschieden sich nur drei Staaten früh für Masken

Wichtig für einen möglichst großen Effekt war, dass Maskentragen möglichst früh nach Beginn der Pandemie empfohlen oder ohnehin aus kulturellen Gründen genutzt wurde. Weil es zu Beginn der Pandemie wenige Infizierte gab, drosselten die Masken offenbar die weitere Ausbreitung.

Am besten schnitten Länder ab, in denen spätestens 15 Tage nach dem ersten nachgewiesenen Coronafall in der breiten Bevölkerung Masken empfohlen wurden – meist lagen sie in Asien. Wo bis zum 16. April oder mehr als 60 Tage nach dem ersten Coronafall auf die Maßnahme verzichtet wurde – oft betraf dies westliche Staaten – lag die durchschnittliche Sterblichkeit um ein Vielfaches höher.

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Zur Erinnerung: In Deutschland galt ab dem 16. April flächendeckend eine Maskenpflicht. »Die meisten Länder in Europa und Nordamerika haben es versäumt, in der Frühphase ihrer Ausbrüche das Tragen von Masken einzuführen«, heißt es in der Studie. In Europa hätten lediglich Regierungen von drei Staaten ihrer Bevölkerung innerhalb von 31 Tagen nach Beginn des Ausbruchs im Land empfohlen, Masken zu tragen: Die Slowakei, Tschechien sowie Bosnien und Herzegowina.

Ein Grund dafür dürfte auch gewesen sein, dass unter anderem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch zu Beginn der Pandemie vom Maskentragen abgeraten hatte. Vor allem außerhalb Europas nutzten dennoch einige Staaten die Maßnahme. In China trugen die Menschen in der Öffentlichkeit schon Ende Januar häufig Masken. Im März empfahlen Kuwait, Nepal, Litauen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Slowenien, Iran, Bulgarien, Ukraine, Österreich, die Kaimaninseln und Mauritius die Maßnahme.

Je früher, desto besser

24 Länder sprachen laut der Analyse innerhalb der ersten 20 Tage ihrer Ausbrüche eine Empfehlung für Masken aus. Am 9. Mai 2020 lag die Coronatodesrate in diesen Staaten im Schnitt bei 1,5 pro einer Million Einwohner. Zum Vergleich: Der Median über alle analysierten Länder betrug 3,6 Coronatote pro eine Million Menschen.

Die Tendenz sei bis mindestens August 2020 bestehen geblieben, berichtet das Forscherteam:

  • Unter den 24 Ländern, die das öffentliche Maskentragen innerhalb von 20 Tagen nach Beginn ihres Ausbruchs initiiert hatten, betrug die durchschnittliche Covid-19-Sterblichkeit am 9. August 4,7 pro eine Million Einwohner.

  • In den zusätzlichen 17 Ländern, die innerhalb von 30 Tagen nach Beginn des Ausbruchs Masken empfahlen, lag die durchschnittliche Sterblichkeit am 9. August bei 26,6 pro eine Million Menschen.

  • Im Gegensatz dazu erreichte die Corona-Pro-Kopf-Mortalität in den Vereinigten Staaten, wo das Maskentragen 2020 zum Politikum wurde, 502 Coronatote pro eine Million Menschen.

Dass auch Faktoren das Ergebnis beeinflusst haben, die die Fachleute nicht bedacht haben, lässt sich dabei allerdings nicht ausschließen.

»Die Ergebnisse sprechen für das allgemeine Tragen von Masken in der Öffentlichkeit, um die Ausbreitung des Coronavirus zu unterdrücken«, schreibt das Forscherteam. »Angesichts der geringen Coronavirus-Mortalität in den asiatischen Ländern, in denen das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit bereits zu Beginn des Ausbruchs weitverbreitet war, erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass Masken schädlich sind.«

Mangelnde Evidenz führte zum Nichtstun

Auf Twitter kritisierte Trisha Greenhalgh, Professorin für Gesundheitswissenschaften in der Primärversorgung an der Universität Oxford, dass der fehlende Nachweis der Wirksamkeit von Masken bei vielen Staaten dazu geführt habe, nichts zu tun.

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»Neue Medikamente und Impfstoffe können Nebenwirkungen haben, die schlimmer sind als die Krankheit selbst«, schreibt sie. »Daher ist es angemessen, empirische Beweise über das Nutzen-Schaden-Verhältnis zu verlangen, bevor sie eingeführt werden.« Kritiker hätten jedoch unangemessenerweise die gleichen Regeln auf Masken angewandt. »Ein Stückchen Stoff über dem Gesicht birgt nicht die gleichen Risiken wie ein neues Medikament oder ein Impfstoff«, schreibt sie. Nichtstun könne aber möglicherweise großen Schaden verursachen.

In Deutschland keimen aktuell immer mal wieder Diskussionen über ein Ende der Maskenpflicht auf. In England sind Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus seit Montag generell freiwillig. Auch in den Niederlanden ist die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes weitgehend aufgehoben, gilt aber noch dort, wo ein Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln.

»Derzeit empfehlen fast alle Länder Masken in überfüllten Innenräumen«, schreiben die Autoren der Arbeit. Daher unterscheiden sich die Länder in erster Linie nicht mehr durch die angegebene Empfehlung, sondern durch die Umsetzung.

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