Neue Corona-Regeln Das Weihnachtsfest als Superspreader-Event

Ende des Jahres soll plötzlich erlaubt sein, was seit Wochen verboten ist: Treffen mit bis zu zehn Teilnehmern aus verschiedenen Haushalten. Ob das gut geht, hängt von einem wichtigen Faktor ab.
Weihnachten mit dem Coronavirus: Je höher die Infektionszahlen sind, desto größer ist auch das Ansteckungsrisiko

Weihnachten mit dem Coronavirus: Je höher die Infektionszahlen sind, desto größer ist auch das Ansteckungsrisiko

Foto: MiS / imago images

Seit Anfang November gelten in Deutschland strenge Regeln für persönliche Kontakte: In der Öffentlichkeit dürfen sich höchstens Angehörige zweier Haushalte und maximal zehn Personen treffen. Im Detail unterscheiden sich die Regeln von Bundesland zu Bundesland. Feiern in Wohnungen gelten jedoch überall als »inakzeptabel«. Zu Weihnachten und Silvester soll sich das nun ändern.

Vom 23. Dezember bis 1. Januar sollen Treffen von maximal zehn Personen möglich sein, auch wenn diese aus verschiedenen Haushalten kommen. Kinder bis 14 Jahren fließen nicht in die Zählung ein. So steht es in einer Beschlussvorlage der Regierungschefs der Länder, über die sie am Mittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beraten werden.

Dem Virus ist Weihnachten egal

Der Wunsch nach einem möglichst normalen Weihnachtsfest ist nachvollziehbar, die vorgeschlagenen Lockerungen sind aber durchaus mit Risiken verbunden. Denn dem Coronavirus ist egal, ob Weihnachten ist. Es bleibt genauso ansteckend wie zuvor und kann vor allem, aber nicht nur, älteren Familienmitgliedern gefährlich werden.

Wenige Stunden vor Bekanntwerden der Beschlussvorlage der Länderchefs warnte etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor Lockerungen von Corona-Restriktionen über Weihnachten – vor allem dann, wenn Behörden das Infektionsgeschehen nicht voll unter Kontrolle haben.

»Wenn sich Menschen untereinander anstecken und wenn ein Land nicht die nötige Infrastruktur hat, um Fälle zu verfolgen und Kontakte zu isolieren und in Quarantäne zu schicken, dann wird eine Lockerung zu stärkeren Ansteckungen führen«, sagte WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan am Montagabend in Genf.

Ausbruch in Deutschland weiter außer Kontrolle

Ob die Infektionszahlen in Deutschland in einem Monat so niedrig sein werden, dass sich Infektionsketten wieder nachverfolgen lassen, ist allerdings noch ungewiss. Die Regierungschefs der Länder wollen die Zahlen durch umso strengere Kontaktbeschränkungen Anfang Dezember noch mal deutlich senken, bevor sie sie anschließend lockern.

Private Zusammenkünfte sollen dann nur noch zwischen Angehörigen zweier Haushalte und maximal fünf Personen erlaubt sein – auch hier sind Kinder außen vor. Die Länderchefs rufen die Menschen zudem dazu auf, sich vor Weihnachten mehrere Tage selbst in Quarantäne zu begeben.

Seit dem Teil-Shutdown Anfang November hat sich die Zahl der Neuinfektionen zwar stabilisiert. In manchen Landkreisen liegt die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern wieder unter 50 oder sogar unter 35. In Regionen, in denen die Ausgangswerte sehr hoch waren, etwa um München oder Frankfurt, werden teils aber immer noch 7-Tage Inzidenzen von mehr als 200 Fällen pro 100.000 Einwohnern registriert (siehe Grafiken).

Vor dem Teil-Shutdown lagen die Zahlen in den Regionen mitunter über 300. Hier bestätigt sich: Je später gegengesteuert wird, desto länger dauert es, bis die Zahlen wieder sinken.

Auch der Anstieg der Covid-19-Fälle auf den Intensivstationen verlangsamt sich erst allmählich. Diese Zahlen folgen der Entwicklung bei den Infektionszahlen stets mit einigen Wochen Verzögerung. Es dauert, bis Infizierte so schwer erkranken, dass sie intensivpflichtig werden; und es vergeht anschließend Zeit, bis sie wieder gesund genug sind, um die Intensivstation zu verlassen – oder sterben.

Es gibt keine Formel für ein sicheres Fest

Das Problem mit Weihnachten und Silvester ist, dass es keine allgemein gültige Formel dafür gibt, welche Lockerungen unter welchen Umständen vertretbar sind. »Es gibt nur ein höheres und niedrigeres Risiko, dass die Situation sich bessert oder verschlimmert«, sagte WHO-Mitarbeiter Ryan.

Regierungen müssten die Risiken einer stärkeren Ausbreitung des Virus mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken der Beibehaltung von Beschränkungen abwägen. Bei zu strengen Einschränkungen bestehe die Gefahr, dass große Frustration, Corona-Müdigkeit und womöglich Widerstand gegen die Maßnahmen entstünden.

Gleichzeitig ist vorstellbar, dass die Bevölkerung durch plötzlich lockerere Maßnahmen über Weihnachten Kontaktbeschränkungen abseits davon nicht mehr als nachvollziehbar empfindet. Nach dem Motto: Über Weihnachten und Silvester waren Feiern erlaubt, warum also nicht auch an meinem Geburtstag?

Innenräume sind Superspreader-Orte

Wie groß der Einfluss privater Feiern in Deutschland auf die Ausbreitung des Coronavirus ist, lässt sich im Detail nicht beziffern. Gerade mal bei ungefähr einem Viertel der bis Mitte Juli in Deutschland registrierten Infektionen konnten die Gesundheitsämter laut Robert Koch-Institut (RKI)  dokumentieren, wo die Ansteckungen stattgefunden haben.

Die mit Abstand meisten Infektionen hatten ihren Ursprung demnach in privaten Haushalten, gefolgt von Alten- und Pflegeheimen. Allerdings ist es in diesen Umfeldern auch besonders leicht, Infektionsketten nachzuverfolgen, weil Kontaktpersonen bekannt sind. Öffentliche Orte sind in der Statistik daher wahrscheinlich unterrepräsentiert.

Eine Simulationsstudie aus den USA kommt auf der Basis von Handydaten von 98 Millionen Amerikanern zu dem Schluss, dass der Großteil aller Corona-Ansteckungen an Orten, meist Innenräumen, stattfinden, an denen größere Gruppen von Menschen über längere Zeit auf engem Raum aufeinandertreffen. Also dort, wo viele anhaltende Kontakte stattfinden.

Weihnachts- und Silvesterfeiern passen genau in dieses Schema. Verstärkt wird das Risiko noch, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen mehrfach in unterschiedlichen Konstellationen zusammenkommen werden.

Jede dieser Situationen bietet erneut Ansteckungspotenzial. Die spanische Zeitung »El País« hat das Corona-Ansteckungsrisiko in Innenräumen vor einiger Zeit veranschaulicht (hier ).

Die Thanksgiving-Falle

Dass Festtage das Potenzial haben, die Corona-Pandemie anzutreiben, hat sich jüngst auch in Kanada gezeigt. Die Menschen dort feierten am 12. Oktober mit ihren Familien und Freunden Thanksgiving. Zu dem Zeitpunkt befanden sich die Infektionszahlen in dem Land zwar bereits im Aufwärtstrend. Der wurde allein durch den einen Festtag jedoch noch einmal verstärkt (siehe Grafik unten).

»Der Grund, warum wir ziemlich sicher sind, dass Thanksgiving die Zahl der Infektionen erhöht hat, ist, dass wir in den zwei Wochen danach die höchsten bisher registrierten Fallzahlen gesehen haben«, sagte die Epidemiologin Laura Rosella von der University of Toronto dem »Time Magazine« . Das passe zur Inkubationszeit, nach der Menschen Symptome zeigten und gemeldet würden.

Experten in den USA befürchten nun, dass es durch das dortige Thanksgiving-Fest am Donnerstag einen ähnlichen Effekt geben könnte. Da die Infektionszahlen in den USA bereits derzeit sehr hoch sind, könnte der Festtag die Zahlen in noch deutlich größerem Ausmaß nach oben treiben als in Kanada.

Laut einem von Forschern entwickelten Risikobewertungs-Tool  liegt das Risiko, auf einer Thanksgiving-Party in den USA mit nur zehn Teilnehmern, einem Corona-Positiven zu begegnen, in einigen Regionen des Landes bei fast 100 Prozent.

Persönliches Risiko abwägen

Auf Deutschland lassen sich die Werte wegen der anderen Infektionslage nicht übertragen, doch ein Zusammenhang bleibt: Je größer Treffen sind und je verbreiteter das Virus in den Aufenthaltsorten der Teilnehmer ist, desto höher auch das Infektionsrisiko.

Wie stark sich Familienfeiern an Weihnachten auf die Infektionszahlen hierzulande auswirken werden, hängt neben der Anzahl der Teilnehmer also auch maßgeblich davon ab, wie breit das Virus Ende Dezember in der Bevölkerung grassiert und ob es möglich sein wird, an Weihnachten losgetretene Infektionsketten wieder zu stoppen.

Die derzeit im Wochendurchschnitt noch rund 18.000 Neuinfektionen am Tag dürften jedenfalls keine gute Basis sein für einen Feier-Marathon zum Jahresende.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Thanksgiving-Fest in den USA habe am vergangenen Wochenende stattgefunden. Tatsächlich ist das Fest erst am Donnerstag. Wir haben die Angabe korrigiert.

Mit Material von dpa