Drosten-Faktencheck Das Quarantäne-Missverständnis

Gesundheitspolitiker diskutieren, die Quarantäne bei Verdacht auf eine Corona-Infektion auf fünf Tage deutlich zu verkürzen. Was wirklich damit gemeint ist.
Mann mit Hund im Haus: Sogar die AfD ist für Drostens Vorschlag

Mann mit Hund im Haus: Sogar die AfD ist für Drostens Vorschlag

Foto: Natalie Jeffcott / Stocksy United

So viel Einigkeit war selten: Parteiübergreifend haben sich Gesundheitsexperten dafür ausgesprochen, die Isolierungszeit bei einem Verdacht auf eine Corona-Infektion auf fünf Tage zu verkürzen. Der Virologe Christian Drosten hatte die Idee bereits vor einigen Wochen im Gespräch mit dem SPIEGEL  aufgebracht und zuletzt in einem Gastbeitrag für "Die Zeit"  und im Corona-Podcast des NDR  konkretisiert.

Sogar die AfD ist für den Vorschlag und missbraucht ihn als angeblichen Beweis, die bisherigen Corona-Beschränkungen der Regierung seien überhastet gewesen - nicht die einzige Fehlinterpretation in der Debatte.

Wer verstehen möchte, worum es bei dem Vorschlag wirklich geht, muss zwei Missverständnisse umschiffen. (Eine Rekonstruktion der Diskussion lesen Sie hier.)

Missverständnis 1: Perkolationseffekt

Drosten hat den Vorschlag vor allem für ein Szenario steigender Infektionszahlen ins Spiel gebracht. Laut ihm verbreitet sich Sars-CoV-2 vor allem in Clustern - das kann eine Familie sein oder eine Wohngemeinschaft, in der sich das Virus unbemerkt und zeitgleich ausbreitet.

Bleiben diese Cluster unentdeckt, kann es zu einem Punkt kommen, ab dem die Fallzahlen plötzlich wieder schnell steigen, ohne dass es dafür einen offensichtlichen Grund gibt. Drosten spricht vom Perkolationseffekt. "Wir wissen gar nicht, was sich geändert hat, aber es wird einfach immer mehr", beschreibt er die Situation im NDR-Podcast. Das könnte auch die rasant steigenden Fallzahlen in Frankreich erklären .

Wie weit Deutschland von so einem möglichen Kipppunkt entfernt ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Entscheidend ist laut Drosten, sogenannte Quell-Cluster aufzuspüren, von denen die Infektionen ausgehen - die Party im Freundeskreis, bei dem sich das Virus möglicherweise unbemerkt verbreitet hat, das Arbeitsmeeting, der Sportkurs.

"Wenn so ein Quell-Cluster erkannt ist", so Drosten, "dann muss das sofort ohne Weiteres Hinsehen isoliert werden, jeder Einzelne von denen muss zu Hause bleiben." Wenn Betroffene bei einem Verdacht auf eine Infektion erst auf ein positives Testergebnis warten, ehe sie zu Hause bleiben, kann es schon zu spät sein.

Häufig sind sie schon gar nicht mehr infektiös, bis sie das Testergebnis erhalten und haben das Virus womöglich in der Wartezeit unbemerkt weitergegeben. Eine verkürzte Isolationszeit von fünf Tagen wäre in diesen Fällen schneller und einfacher durchzusetzen als eine 14-tägige Quarantäne, argumentieren die Befürworter. Das führt zu einem weiteren Missverständnis in der Debatte.

Missverständnis 2: Quarantäne, Isolation, Abklingzeit

Drostens Vorschlag gilt nur für den Fall, wenn ein Ausbruch in einem Cluster bemerkt wird, beispielsweise nach einer Familienfeier. Alle Kontaktpersonen würden für fünf Tage isoliert und erst dann getestet. In der aktuellen Debatte wird das mal mit Quarantäne, mal mit Isolation gleichgesetzt, obwohl die Begriffe Unterschiedliches meinen. Inzwischen hat Drosten das Missverständnis über Twitter klargestellt.

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Quarantäne gilt laut Bundesgesundheitsministerium für diejenigen, die Kontakt zu einem Infizierten hatten. Isoliert werden dagegen Infizierte, die das Virus weitergeben können. Drosten meint streng genommen jedoch weder das eine noch das andere und spricht deshalb von der "Abklingzeit" - also die Zeit der vorgeschriebenen Isolierung aller Personen im Cluster.

"Schmerzgrenze der Epidemiologie"

Doch egal wie man die Zeit der Isolierung nennt, reichen fünf Tage überhaupt aus?

Drosten selbst räumt im NDR-Podcast ein, dass sein Vorschlag an die "Schmerzgrenze der Epidemiologie" geht. Es sei eine steile These, davon auszugehen, die Infektiosität sei nach fünf Tagen vorbei. Dennoch sei der Vorschlag eine Überlegung wert, um einen De-facto-Lockdown bei steigenden Infektionszahlen zu verhindern. "Es nützt nichts, wenn man alle möglichen Schulklassen, alle möglichen Arbeitsstätten unter wochenlanger Quarantäne hat", sagt Drosten im Podcast. "Es muss kurz sein."

Tatsächlich sind Infizierte meist nicht über die gesamte Zeit einer Erkrankung ansteckend. In einer Studie  ließen sich bei milden Verläufen von Covid-19 nur bis zu acht Tage nach dem Auftreten der Symptome noch infektiöse Viren aus den Proben züchten. Allerdings können Infizierte das Virus sehr wahrscheinlich schon weitergeben, wenn sie selbst überhaupt keine oder noch keine Symptome haben.

Eine Isolationszeit von fünf Tagen könnte also zu kurz sein, um weitere Infektionen sicher auszuschließen.

Deshalb bringt Drosten einen sogenannten Freitest ins Spiel, der nachweist, ob jemand noch infektiös ist. Ein PCR-Test allein reicht dafür nicht aus, weil er nur aussagt, ob eine Probe Erbgut des Coronavirus Sars-CoV-2 enthält oder nicht. Ob die Menge des Erregers ausreicht, um andere anzustecken, gibt der Test nicht an.

Hinweise auf die Infektiösität könnte der sogenannte Ct-Wert liefern. Er beschreibt, wie oft das Virenerbgut in einer Probe vervielfältigt werden musste, ehe der PCR-Test positiv ausfiel. Ist der Wert niedrig, enthielt die Probe eine hohe Virenkonzentration, der Betroffene war zum Zeitpunkt der Probenentnahme wahrscheinlich ansteckend. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass Patienten nur bis zu einem Ct-Wert von 30 infektiös sein könnten.

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Nun kommt es auf das RKI an

Allerdings könnte auch eine falsche Probeentnahme dazu führen, dass sich nur wenig Virus auf dem Testtupfer nachweisen lässt. Zudem sind die ermittelten Ct-Werte der verschiedenen Labors laut Drosten nicht unbedingt vergleichbar. Experten verschiedener Institute arbeiten bereits an einem geeigneten Richtwert.

Ob die verkürzte Isolierungszeit kommt, hängt nun vor allem vom Robert Koch-Institut (RKI) ab. Wenn es wegen neuer Erkenntnisse neue Empfehlungen geben sollte, stellte Regierungssprecher Steffen Seibert klar, würden diese vom RKI ausgehen. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, das RKI habe erst vor Kurzem die Empfehlung für die Dauer der Isolation von 14 auf zehn Tage gesenkt. "Ich sehe keine Notwendigkeit, nach kurzer Zeit davon abzuweichen."