Was die neuen Corona-Beschlüsse bringen Letzte Chance auf ein Weihnachtsfest

Mit drastischen Maßnahmen wollen Bund und Länder eine nationale Notlage abwenden. Experten aus Medizin und Naturwissenschaft urteilen unterschiedlich über die Beschlüsse. Der Überblick.
Eine Analyse von Jörg Blech
Fernziel Weihnachten: Ob es unterm Tannenbaum unbeschwert zugehen wird, darüber entscheiden die Bürger am Ende selbst

Fernziel Weihnachten: Ob es unterm Tannenbaum unbeschwert zugehen wird, darüber entscheiden die Bürger am Ende selbst

Foto: Philipp von Ditfurth / dpa

Den Deutschen steht ein schwerer November bevor. Einmütig haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten am Mittwoch beschlossen, das öffentliche Leben weitgehend herunterzufahren. Die Maßnahmen gelten vom 2. November bis Ende des Monats - und sollen mit Kontrollen und Sanktionen durchgesetzt werden.

Das Coronavirus breitet sich gerade nahezu in allen Regionen Deutschlands exponentiell aus. Die massiven Einschränkungen werden damit begründet, die Neuinfektionen wieder auf eine Größenordnung von unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner senken zu wollen und eine akute "Gesundheitsnotlage" in Deutschland zu vermeiden, wie es in dem Beschlusspapier heißt (Lesen Sie hier , wie die Shutdown-Verhandlungen abliefen).

Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und jeden Einzelnen sind teils heftig. Zeigt sich in einigen Wochen, dass die neue Strategie erfolgreich war, winkt immerhin eine für viele attraktive Belohnung: die Chance auf ein halbwegs normales Weihnachtsfest.

Doch wie bewerten Experten aus Medizin und Naturwissenschaft die Ergebnisse? Sind die neuen Maßnahmen geeignet, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen?

Im Kern verlangen Bundeskanzlerin und Länderchefs von den Deutschen, alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum eigenen Hausstand zählen, auf ein "absolut nötiges Minimum" zu reduzieren. Im Einzelnen bedeutet das:

  • Im öffentlichen Raum dürfen sich nur noch die Angehörigen zweier Hausstände und maximal zehn Personen treffen. Und ganz gleich, ob auf einem Platz in der Stadt oder im heimischen Partykeller - Gruppen feiernder Menschen seien "inakzeptabel".

  • Private Reisen, Familienbesuche und größere Tagesausflüge sollen unterbleiben. Hotels und Pensionen dürfen Touristen nicht beherbergen, Geschäftsreisen bleiben erlaubt.

  • Theater, Opern, Konzerthäuser, Kinos, Messen, Spielhallen, Spielbanken, Bordelle, Schwimmbäder, Saunen, Thermen, Fitnessstudios bleiben geschlossen. Die Einwohner dürfen noch spazieren, walken, joggen, Rad fahren oder einen anderen Individualsport treiben, und zwar allein, mit Menschen aus dem eigenen Hausstand oder maximal einer anderen Person

  • Fußball- und andere Spiele im Amateursport werden untersagt. Im Profibereich dürfen Spiele stattfinden, aber nur ohne Zuschauer.

  • Bars, Klubs, Diskotheken, Kneipen, Gastronomien werden, mit Ausnahme von Kantinen, geschlossen. Allerdings dürfen Restaurants Speisen für den Verzehr zu Hause anbieten.

  • Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo-Studios und ähnliche Betriebe werden geschlossen. Krankengymnastik und andere medizinisch notwendige Therapien sind dagegen erlaubt, ebenso der Termin im Friseursalon.

  • Geschäfte bleiben geöffnet, allerdings darf es keine Warteschlangen geben. Und pro zehn Quadratmeter Verkaufsfläche soll sich nicht mehr als ein Kunde aufhalten.

  • Schulen und Kindergärten bleiben offen.

Ein insgesamt positives Fazit der am Mittwoch getroffenen Vereinbarungen zieht Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt gegenüber dem SPIEGEL. "Ich halte die Setzung der Schwerpunkte für sinnvoll", so die Expertin. "Dass bei dem besorgniserregenden Anstieg der Fallzahlen in ganz Europa schnell etwas unternommen werden muss, ist vermutlich den meisten klar. Mich freut, dass bei den Einschränkungen nicht, wie beim ersten Lockdown, die Kinder und die Familie die besonders Leidtragenden sind, dass Schulen und Kitas also geöffnet bleiben."

Der Faktor Zeit

Sie hätte sich allerdings gewünscht, die Maßnahmen wären schon vom Wochenende an in Kraft getreten, sagt Ciesek. "Denn neben den Schwerpunkten der Maßnahmen spielt auch der Zeitpunkt eine sehr große Rolle". Nun zähle jeder Tag. "Im Prinzip hätte man schon vor Wochen stärker das Infektionsgeschehen eingrenzen müssen. Das ist leider nicht gelungen. Jetzt ist der Handlungsdruck so groß, dass eine starke Verhaltensveränderung und weniger Kontakt unumgänglich sind", sagt auch die Virologin Melanie Brinkmann von der Technischen Universität Braunschweig dem SPIEGEL.

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Rückendeckung erhalten die Maßnahmen auch von großen deutschen Forschungsorganisationen. Die Maßnahmen seien im Moment "wohl unvermeidbar", sagte Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft im Deutschlandfunk. Am Dienstag hatte die Helmholtz-Gemeinschaft mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft der Fraunhofer-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer gemeinsamen Erklärung gefordert, sämtliche Kontakte, die potenziell zu einer Infektion führen, systematisch zu reduzieren.

Welche Maßnahmen einen wie großen Effekt bringen, wissen Forscher allerdings noch nicht. "Jeder nicht stattgefundene Kontakt hat einen Effekt, egal ob sich die Menschen nicht in der Schule, nicht in der Uni, nicht im Büro oder nicht im Restaurant begegnen", erklärte Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen kürzlich in einer Gesprächsrunde mit Journalisten.

Wie gut die Maßnahmen greifen, wird sich erst nach einiger Zeit zeigen. Weil es mehrere Tage dauert, bis nach einer Infektion Symptome auftreten, steigen die Zahlen zu Beginn eines Shutdowns zunächst weiter. "Es dauert ein bis drei Wochen, bis sich die Folgen einzelner Maßnahmen in der Statistik zeigen", erklärte Priesemann.

Ärzte üben grundsätzliche Kritik an den Beschlüssen

Mancher Experte findet aber, die Politiker hätten den Beschluss viel besser begründen können. "In meinen Augen ist es enorm wichtig, dass wir die Kommunikation mit der Bevölkerung noch weiter verbessern", sagt der Intensivmediziner Christian Karagiannidis vom Krankenhaus Köln-Mehrheim dem SPIEGEL. "Ich plädiere sehr stark für eine Corona-Ampel, die der Bevölkerung jeden Tag zeigt, wie es um die Intensivbetten in Deutschland bestellt ist, um die Neuinfektionsraten, die Dynamik der Erkrankung und insgesamt die Belastung der Krankenhäuser. Dies ist der ganz wesentliche Teil in der Kommunikation mit der Bevölkerung, um auch klarzumachen, wie wichtig die Maßnahmen sind."

Von Ärzten kommt allerdings auch grundsätzliche Kritik an den neuen Einschränkungen: "Der Beschluss ist ein Teil-Lockdown und wird das Problem wohl leider nicht lösen", sagt Andreas Gassen, Mediziner und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung dem SPIEGEL. Er hält es für verfehlt, sämtliche Restaurants in Deutschland zu schließen, nur weil etwa Gäste und Gastronomen in bestimmten Berliner Bezirken die Abstandsregeln missachtet haben. Gassen sagt: "Man schlägt den Sack und meint den Esel."

Ebenso sei es falsch, der Bevölkerung jetzt mit Kontrollen und Strafen zu kommen, sagt Gassen und kritisiert den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der Kontrollen in privaten Räumen gefordert hatte. Gassen sagt: "Herr Lauterbach mit der Polizei wird das Problem nicht lösen."

"Wir setzen auf Gebote anstelle von Verboten, auf Eigenverantwortung anstelle von Bevormundung. Verbote oder Bevormundung haben eine kurze Halbwertszeit und entsprechen nicht unserem Verständnis einer freiheitlich demokratischen Grundordnung" - das hatte Gassen gemeinsam mit dem Bonner Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg bereits am Mittwoch in einer Stellungnahme erklärt, die von knapp 60 medizinische Verbände oder Gesellschaften unterstützt wird (lesen Sie hier eine Analyse zu den Forderungen).

Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten versuchen derweil ihren Beschluss zu versüßen, indem sie bereits Lockerungen in Aussicht stellen: "Familien und Freunde sollen sich auch unter Corona-Bedingungen in der Weihnachtszeit treffen können."

Doch ob es unterm Tannenbaum unbeschwert zugehen wird, darüber entscheiden die Bürger am Ende selbst. "Jeder sollte sich bewusst machen, dass der Erfolg des Virus in der Ausbreitung vor allem davon abhängt, wie wir uns verhalten", sagt Sandra Ciesek. Und weiter: "Jeder kann dazu beitragen, dem Virus keine Chance zu geben. Wenn wir unsere Kontakte auf das Allernötigste reduzieren, Abstand halten, einen Mund-Nasen-Schutz tragen, allgemeine Hygieneregeln beachten, hat das Virus auch ohne Verordnungen 'von oben' keine Chance sich auszubreiten."

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