Corona-Pandemie "Der Sommer wird das Virus nicht verschwinden lassen"

Viele Virusinfektionen grassieren vor allem im Winter. Schwächt der Sommer auch die Corona-Pandemie ab? Erste Untersuchungen dämpfen die Hoffnung.
Urlauber auf der Insel Rügen: Corona-Beschränkungen dämmen Pandemie zuverlässiger ein als Wetter

Urlauber auf der Insel Rügen: Corona-Beschränkungen dämmen Pandemie zuverlässiger ein als Wetter

Foto: Stefan Sauer/ dpa

Kommt der Sommer, legen viele Erreger eine Pause ein. Doch gilt das auch für das Coronavirus? Laut aktuellen Analysen könnten hohe Luftfeuchtigkeit und sommerliche Temperaturen die Ausbreitung tatsächlich eindämmen, allerdings nur geringfügig.

Das neuartige Coronavirus verbreitet sich vor allem über Tröpfchen, die beispielsweise beim Sprechen, Husten oder Niesen entstehen und sich über gewisse Zeit in der Luft halten können. Atmet jemand diese Tröpfchen ein, steigt das Infektionsrisiko immens.

Von der Grippewelle ist bekannt, dass sie sich im Sommer abschwächt. Vermutlich, weil hohe Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Sonnenstrahlen den Erregern zusetzen. Neben dem Wetter spielen auch soziale Faktoren eine Rolle. Die Menschen sind mehr draußen, viele fahren in den Urlaub statt ins Großraumbüro. Das senkt das Infektionsrisiko. Gerade bei Grippewellen gelten Kinder als Superspreader, und im Sommer haben die Schulen geschlossen.

Forscher hoffen deshalb, dass auch die Corona-Pandemie in den kommenden Monaten schwächer wird. Sich dabei allein auf das Wetter zu verlassen, ist jedoch riskant, zeigen aktuelle Studien.  

Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit können Covid-19 nicht aufhalten, berichten Forscher im Fachblatt "Canadian Medical Association Journal (CMAJ)" . Kontaktbeschränkungen, das Verbot von Großveranstaltungen und das Schließen von Schulen dagegen schon.

"Saisonalität spielt nur kleine Rolle"

Für ihre Analyse haben die Forscher 144 Regionen weltweit untersucht, in denen von Mitte bis Ende März mindestens zehn Infektionen mit dem Coronavirus gemeldet wurden, die auf lokale Übertragungsketten zurückgehen. Das heißt: Die Menschen hatten sich wahrscheinlich in der Region angesteckt.

Länder mit einem ungewöhnlichen Infektionsverlauf wie China, Südkorea, Italien und Iran schlossen die Forscher aus. Entweder, weil die erste Welle bereits unter Kontrolle zu sein scheint, wie in China, oder weil die Länder besonders schwere Ausbrüche erlebten, wie Italien.

Aus den verfügbaren Daten schätzten die Forscher, wann sich die Menschen in der jeweiligen Region angesteckt haben müssen und verglichen die Entwicklung der Infektionszahlen mit den Wetterbedingungen an den jeweiligen Tagen. Konkret ging es um den Zeitraum vom 7. bis zum 13. März.

Die Forscher fanden keinen Hinweis darauf, dass sich die Pandemie in Ländern mit hohen März-Temperaturen langsamer ausbreitete als in kühleren Regionen. Die absolute Luftfeuchtigkeit schien dagegen einen minimalen Einfluss zu haben. Vermutlich, weil die Tröpfchen bei hoher Luftfeuchtigkeit schneller zu Boden sinken. Bei trockener Luft verdunsten die Tröpfchen dagegen schneller. Sie werden leichter und schweben längere Zeit in der Luft, das Infektionsrisiko steigt.

 "Zusammengenommen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Saisonalität nur eine kleine Rolle bei der Covid-19-Epidemie spielt, während öffentliche Interventionen wie Schulschließungen, Einschränkung von Großveranstaltungen und Kontaktbeschränkungen einen großen Einfluss hatten", schreiben die Forscher um den Epidemiologen Peter Jüni vom St. Michael's Hospital in Toronto (Kanada).

Die Forscher räumen ein, dass ihre Studie Einschränkungen hat, beispielsweise, weil die untersuchten Regionen unterschiedlich häufig auf das Coronavirus testen und nur die Wetterdaten aus Großstädten bei der Untersuchung berücksichtigt wurden. Eines zeigte sich laut den Forschern jedoch deutlich: Nur in Ländern, die Corona-Beschränkungen erlassen hatten, ging die Infektionskurve merklich zurück.

Andere Forschungsteams kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Sommerwetter allein wird wahrscheinlich nicht ausreichen, um das Coronavirus einzudämmen, zeigen erste Forschungsergebnisse internationaler Wissenschaftler um Datenanalytiker Mohammad Jalali von der Harvard University.

"Die Corona-Beschränkungen sind das Einzige, was die Epidemie nachweislich verlangsamt"

Sie untersuchten, wie sich das Coronavirus an mehr als 3700 Standorten weltweit zwischen dem 12. Dezember und dem 22. April ausbreitete. Laut ihren Analysen könnten hohe Temperaturen die Pandemie verlangsamen, allerdings erst ab 25 Grad Celsius. Mit jedem Grad darüber sank die geschätzte Reproduktionsrate um etwa drei Prozent. Sie gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt.

Anhand der Daten haben die Forscher durchgespielt, wie sich das Virus weiter ausbreiten müsste, solange es keinen Impfstoff oder wirksame Medikamente gibt. Ergebnis: "Die bevorstehenden Wetteränderungen allein werden sehr wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Übertragung von Covid-19 vollständig einzudämmen", berichten die Forscher.

Bleibt noch die Hoffnung auf die sozialen Komponenten des Sommers. Doch wie sich häufigeres Spaziergehen oder Ferien konkret auf den Infektionsverlauf auswirken, lässt sich nur schwer abschätzen.

"Der Sommer wird das Virus nicht verschwinden lassen", sagt die Co-Autorin der kanadischen Studie, Dionne Gesink, Epidemiologin an der Lana School of Public Health in Toronto. "Die Corona-Beschränkungen sind wirklich wichtig, weil die derzeit das Einzige sind, was die Epidemie nachweislich verlangsamt."

koe
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