Corona-Stellungnahme der Leopoldina Fragen statt Antworten

Schon vor der Veröffentlichung lobte Angela Merkel das jüngste Papier der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Doch die Empfehlungen der Leopoldina zur Lockerung der Corona-Maßnahmen bergen praktische Probleme.
Eine Analyse von Christoph Seidler und Julia Köppe
Hauptsitz der Leopoldina in Halle an der Saale: Die Forscher sprechen interdisziplinäre Empfehlungen aus, über die Umsetzung muss die Politik sprechen

Hauptsitz der Leopoldina in Halle an der Saale: Die Forscher sprechen interdisziplinäre Empfehlungen aus, über die Umsetzung muss die Politik sprechen

Foto: Reiner Zensen/ imago images

Bis die Gelehrten sprachen, ging früher oft viel Zeit ins Land. Es dauere meist ein bis zwei Jahre, bis die Nationale Akademie der Wissenschaften eine Stellungnahme zu einem bestimmten Thema veröffentliche, erklärte  der scheidende Präsident der Leopoldina, der Virologe Jörg Hacker, im Februar. Seine Forderung: "Wir müssen noch schneller werden."

Das neuartige Coronavirus hat dafür gesorgt, dass Hackers Nachfolger, der Paläo-Ozeanograf Gerald Haug, und seine Kollegen tatsächlich zügiger als früher ihre Einschätzungen liefern: Am Montag hat eine Arbeitsgruppe der Leopoldina eine Ad-hoc-Stellungnahme  der Akademie zum Kampf gegen den Erreger Sars-CoV-2 veröffentlicht. Es ist bereits die dritte ihrer Art in rascher Folge. "Die Umsetzung ist eine politische Frage. Die können wir als Wissenschaftler nicht beantworten, das sollten wir auch gar nicht", sagt der Physiker Dirk Brockmann dem SPIEGEL. Er forscht an der Humboldt-Universität Berlin und am Robert Koch-Institut (RKI) zur Frage, wie sich Infektionskrankheiten ausbreiten und ist Mitglied der Leopoldina-Arbeitsgruppe.

"Eine ruhige und abgewogene Grundhaltung einnehmen"

Die Leopoldina-Experten haben dafür nicht selbst geforscht. Bei ihrem Papier von einer Studie zu sprechen, ist daher falsch. Unter anderem verfügt es zum Beispiel über keine einzige Quellenangabe. Es ist eine - qualifizierte - Meinungsäußerung, die erste Studienergebnisse über das neuartige Coronavirus berücksichtigt. "Wir wollten in der aufgeregten politischen Debatte eine ruhige und abgewogene Grundhaltung einnehmen, den Bürgern aber eine optimistische Perspektive aufzeigen", sagte Leopoldina-Präsident Haug dem SPIEGEL.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch die weiteren Corona-Eindämmungsmaßnahmen besprechen, wird das Papier ein wichtiger Input sein, vielleicht sogar der entscheidende. Merkel hatte die 19-seitige Stellungnahme der ehrwürdigen Akademie aus Halle noch vor Veröffentlichung als "sehr wichtig" bezeichnet. Solche Analysen lieferten den "festen Grund" für anstehende Entscheidungen, so die Kanzlerin.

Die Stellungnahme der Leopoldina liefert einen Fahrplan zur Lockerung der aktuell strengen Regeln, so ist das Papier auch wegen der Äußerungen Merkels interpretiert worden: zur teilweisen Wiedereröffnung von Schulen und - in geringerem Umfang – auch Kitas, zum Wiederanfahren des öffentlichen Lebens, zum Arbeiten und Reisen. Aber so einfach ist es nicht.

"Die Umsetzung ist eine politische Frage"

Das Team, das sich mit zahlreichen Schaltkonferenzen koordiniert, besteht aus 24 Männern und zwei Frauen. An dieser Disparität hat es vor allem in den sozialen Medien Kritik gegeben. Auch die fachliche Zusammensetzung der Gruppe sorgte für Diskussionen. Neben Medizinern und Epidemiologen waren auch Forscher aus Feldern wie den Wirtschaftswissenschaften, der Rechtsphilosophie oder der Soziologie an Bord - zweifelsohne sehr verdiente Wissenschaftler, deren Forschungsgebiete auf den ersten Blick jedoch wenig mit Pandemien zu tun haben.

Dieser interdisziplinäre Ansatz zeichnet die Leopoldina aus, provoziert aber auch Kritik. "Theologen, Werkstofftechniker, Katalyseforscher und Sozialhistoriker", so grollt  etwa der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, hätten in der Stellungnahme "Allgemeinplätze, Wertebeschwörungen und wohlfeile Forderungen" unterschrieben.

Stellungnahme wirft Fragen auf

Das Leopoldina-Papier bleibt in vielen Punkten tatsächlich vage:

  • Was bedeutet es zum Beispiel genau, die "Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren"? Einen konkreten Wert geben die Wissenschaftler nicht an.

  • Zudem lässt sich das Papier so interpretieren, dass Einzelhandel oder Gaststätten wieder öffnen dürfen, Kitakinder aber bis zum Sommer größtenteils zu Hause betreut werden müssen. Doch warum sollte von der Sandkastenfreundin in der Kita ein größeres Risiko ausgehen als vom speisenden Ehepaar am Nachbartisch im Restaurant?

  • Es bleiben weitere Fragen: Welche Schule ist so ausgestattet, dass sie erstens funktionierende Seifen- und Papierhandtuchspender auf den Toiletten hat und zweitens ausreichend Klassenräume, damit nur 15 Schülerinnen und Schüler im selben Raum lernen? Wie geht man mit Lehrerinnen und Lehrern um, die zur Risikogruppe gehören? Und wie mit entsprechenden Schülern?

  • Ein weiterer zentraler Punkt des Leopoldina-Papiers ist eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum zur Ergänzung der Zwei-Meter-Abstandsregel. "Natürlich müssen wir auf Abstand achten", sagt der Physiker Brockmann. "Aber es gibt in der Realität Situationen, wo so etwas nicht unbedingt geht, zum Beispiel in der U-Bahn oder beim Einkaufen. Und ergänzende Maßnahmen können da helfen." Aber werden Menschen tatsächlich im Alltag begreifen, dass sie auch mit einer Maske Abstand halten müssen? Werden gerade Grundschüler, die laut Leopoldina möglichst bald wieder in die Schule gehen sollen, diese Regeln befolgen? Das Robert Koch-Institut hat sich dafür ausgesprochen, eher ältere Schüler wieder in die Klassenräume zu holen - weil diese Hygiene- und Abstandsregeln begreifen und einhalten könnten.

  • Wo sollen die vielen nötigen Masken herkommen, die eine Maskenpflicht in der Praxis erst ermöglichen würden? Und wie gut wirkt eigentlich ein Gesichtsschutz aus Baumwollstoff? "Wenn die gesamte Population einen Mund-Nase-Schutz trägt, wird das sicherlich einen positiven Effekt haben", sagt Brockmann. RKI-Chef Lothar Wieler erklärte dagegen bei seinem Pressebriefing am Dienstag, Baumwollmasken seien nicht geeignet, die Ausbreitung einzudämmen. RKI und Weltgesundheitsorganisation WHO haben erst nach langem Zögern kürzlich Hinweise in ihre Pandemie-Empfehlungen aufgenommen, dass Behelfsmasken zumindest eine gewisse Rolle beim Kampf gegen die Infektion spielen können. (Lesen Sie hier mehr zur Frage, wie gut Eigenbau-Masken tatsächlich schützen können.)

Hinzu kommt: Für eine mögliche Lockerung der Maßnahmen fehlen entscheidende Daten, mahnen die Leopoldina-Forscher wie andere Wissenschaftler vor ihnen an. Mithilfe von geeigneten Stichproben müsse "der Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung" überprüft werden, fordern sie.

Denn: Bis heute ist nicht klar, wie viele Menschen eigentlich am Coronavirus erkrankt sind. Antikörpertests sollen das Problem lösen. Laut Robert Koch-Institut sind dazu mehrere Studien in Deutschland geplant, die zeitnah starten und im Mai erste Ergebnisse liefern sollen. Und ohne diese Daten kann es eigentlich keine politischen Beschlüsse zur Lockerung geben.

Ist also das Leopoldina-Papier tatsächlich der Fahrplan für eine rasche Lockerung der Corona-Maßnahmen? Nicht zwingend. Die Voraussetzungen – Verfügbarkeit von Daten und Masken zum Beispiel, aber auch die Klärung zahlloser organisatorischer Fragen etwa für die Wiedereröffnung der Schulen - sind in der Praxis sehr hoch.

Und womöglich ist die Zeit dafür schlicht noch nicht reif. In einem noch nicht von Kollegen begutachteten Entwurf  eines Fachartikels warnen Forscher um den Physiker Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig gerade davor, die Corona-Restriktionen zu früh zu lockern. Das Team hat sich die Entwicklung der sogenannten Reproduktionszahl angesehen. Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen ein mit dem Sars-CoV-2-Erreger infizierter Mensch seinerseits ansteckt.

In vielen Bundesländern liegt der Wert derzeit bei 1, da heißt: Jeder Patient gibt das Virus im Schnitt an eine weitere Person weiter. Bleibt es dabei, wären laut den HZI-Forschern deutschlandweit über ein ganzes Jahr dauerhaft etwa 10.000 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Das sei für das Gesundheitssystem gerade so zu verkraften. Allerdings wären nach einem Jahr auch nur etwa ein Prozent der Bevölkerung mit dem Erreger infiziert und damit nach durchgemachter Erkrankung vermutlich immun. Alle anderen hätten dem Virus weiterhin nichts entgegenzusetzen.

 "Je weiter wir die Reproduktionszahl absenken können, desto schneller ist die Notsituation vorbei, was vielleicht sogar für strengere Maßnahmen spricht", sagte Michael Meyer-Hermann. Man brauche die offiziell verordneten Einschränkungen, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Gefahr durch die Epidemie zu lenken. "Sie jetzt zu lockern, ist zu diesem Zeitpunkt das falsche Signal", so Meyer-Hermann.

Die Helmholtz-Initiative "Systemische Epidemiologische Analyse der Covid-19-Epidemie", zu der auch Meyer-Hermann gehört, hat deswegen ebenfalls eine aktuelle Stellungnahme  für die Politik erarbeitet. Darin werden drei Szenarien vorgestellt:

Die Helmholtz-Forschenden machen Vorschläge, wie der "sukzessive Ausstieg aus den Kontaktbeschränkungen" zu erreichen ist, ohne "die erreichten Zwischenziele zu gefährden und ohne die Kontrolle über das Virus zu verlieren". Dazu gibt es drei Szenarien:

Das Fazit der Helmholtz-Forscher: Wir sollten weitermachen mit den Kontaktbeschränkungen. "Eine spätere Wiederaufnahme der Maßnahmen wäre der Bevölkerung wahrscheinlich schwerer zu vermitteln als eine Fortführung heute."

Die WHO sieht das ähnlich. Regionaldirektor Hans Kluge erklärte in der vergangenen Woche: "Dies ist nicht der Moment, um die Maßnahmen zu lockern."

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