Corona-Strategie in Österreich Wie sinnvoll sind Massentests?

Österreich will die gesamte Bevölkerung mit Schnelltests durchtesten. Was bringt das? Und ließe sich die Strategie auch auf Deutschland übertragen? Der Überblick.
Antigen-Schnelltests: Was bringt es, die gesamte Bevölkerung zu testen?

Antigen-Schnelltests: Was bringt es, die gesamte Bevölkerung zu testen?

Foto: Sven Hoppe / dpa

Seit Dienstag befindet sich Österreich erneut in einem strikten Lockdown: Bis zum 6. Dezember dürfen Bürgerinnen und Bürger den privaten Raum nur noch aus triftigen Gründen verlassen, die meisten Geschäfte bleiben geschlossen, Bars und Restaurants sowieso. Danach sollen weite Teile der Bevölkerung auf Sars-CoV-2 getestet werden, möglichst noch im Dezember. So der Plan der Regierung.

Die Strategie dahinter scheint einfach: Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) will Weihnachten retten, indem er die Infektionszahlen so weit nach unten drückt, dass die Menschen sich wieder freier im Land bewegen und vielleicht ihre Familien besuchen können.

Auch die italienische Provinz Südtirol geht im Kampf gegen die Corona-Ausbreitung mit einem Massentest einen neuen Weg: An diesem Freitag öffnen in der kleinen Alpenprovinz mit rund einer halben Million Menschen die Teststationen. Der Abstrich ist kostenlos und freiwillig. Die Landesregierung in Bozen will mit der dreitägigen Aktion unter dem Motto »Südtirol testet« Virusträger aufspüren, die nichts von ihrer Infektion ahnen und so die zweite Corona-Welle schneller brechen.

Doch kann das überhaupt funktionieren?

Das österreichische Gesundheitsministerium glaubt daran. Die für die Massentestung eingesetzten Antigen-Schnelltests seien ein gutes Mittel zur Pandemiebekämpfung, heißt es auf eine Anfrage des SPIEGEL. Die eingesetzten Antigentests könnten hoch ansteckende Personen identifizieren, auch wenn diese Personen symptomlos seien. Dadurch könne man Infizierte schnell absondern und Infektionsketten unterbrechen.

Das Prinzip klingt logisch: Wer weiß, dass er infiziert ist, kann sich isolieren und niemanden mehr anstecken. Wenn man also die gesamte Bevölkerung testet, um sich einen Überblick über den Infektionsstand im Land zu machen, könnte man Maßnahmen gezielter einsetzen und Infizierte aus dem Verkehr ziehen.

Dass Massentests prinzipiell bei der Eindämmung einer Epidemie helfen können, zeigt ein Beispiel aus der chinesischen Provinz Qingdao: Wie Wissenschaftler im »New England Journal of Medicine« (NEJM)  berichten, seien Mitte Oktober rund 10,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner auf Sars-CoV-2 getestet worden, nachdem das Virus bei einem Taxifahrer aufgetreten war. Die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung sei während der Testung kaum eingeschränkt worden. Die Menschen mussten jedoch Mund-Nasen-Schutz tragen und ein negatives Testergebnis vorlegen, um etwa öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu können.

In den 4090 eigens dafür errichteten Testzentren wurden PCR-Tests durchgeführt, die sehr viel zuverlässiger sind als Antigentests. Sie wurden per Pooling-Verfahren ausgewertet. Es seien so neun weitere Infektionen gefunden worden. Der Ausbruch sei ohne einen Lockdown unter Kontrolle gebracht worden.

Auch in der Slowakei waren die Antigentests Anfang November bereits im großen Stil im Einsatz. Mehrere Millionen Menschen hatten daran teilgenommen. Anschließend wurden die geltenden Einschränkungen ein wenig gelockert. Bisher sind noch keine Details darüber bekannt, was die Massentests in dem Land gebracht haben.

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Zwei Strategien

Der österreichische Kanzler Kurz steht nach eigenen Aussagen in engem Kontakt mit der Slowakei. Die Massentestung dort habe »wahnsinnig gut funktioniert«, sagte er. Das Infektionsgeschehen sei massiv gedrückt worden. Österreich werde einen ähnlichen Versuch mit Antigen-Schnelltests unternehmen.

Zur konkreten Umsetzung konnte sich das dortige Gesundheitsministerium allerdings noch nicht äußern. Aktuell gebe es zwei mögliche Strategien, die derzeit mit Expertinnen und den zuständigen Ministerien diskutiert würden, hieß es.

  • Eine Strategie wäre der massive Ausbau der aktuellen Screeningprogramme zum Ende des Lockdowns – etwa in den Gesundheitsberufen, bei Pädagoginnen und Pädagogen oder anderen Berufsgruppen mit vielen Kontakten.

  • Die andere Strategie sieht laut Ministerium vor, breitenwirksame Testungen in der Bevölkerung durchzuführen, etwa in besonders betroffenen Regionen und im gesamten Bundesgebiet.

»Damit Testungen epidemiologisch sinnvoll sind, müssen diese mehrmals wiederholt werden«, schreibt das Ministerium. »Sie müssen außerdem niederschwellig und gratis zugänglich und auf freiwilliger Basis erfolgen.«

Darin zeigen sich bereits mögliche Schwierigkeiten in der Umsetzung des Vorhabens: Durch die geringere Sensitivität von Antigentests werden mit den Schnelltests nur Personen aufgespürt, die zum Zeitpunkt des Rachenabstrichs sehr infektiös sind. Das ist meist ein bis zwei Tage vor und nach Symptombeginn der Fall. Testet man eine Person etwa zu früh, könnte der Test negativ ausfallen – obwohl sie das Virus in sich trägt und möglicherweise kurze Zeit darauf ansteckend werden könnte.

»Das Problem mit dem Schnelltest ist, dass er ein sehr geringes Haltbarkeitsdatum hat«, sagte die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig bei der Bundespressekonferenz vergangene Woche. Es sei eine Momentaufnahme, die uns sagen könne, wie schlecht es gerade um uns steht. Auch würden sie helfen, die Dunkelziffer etwas zu erfassen. Um einen realistischen Überblick über die tatsächlich Infizierten zu bekommen, müsse man jeden mindestens zweimal testen, im Abstand von einer Woche, sagt sie.

»So gut wie ein totaler Lockdown von mehreren Wochen«

Stephan Ortner, Eurac Research Zentrums

Bei neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Österreich wären das rund 18 Millionen Tests. Das ist nicht nur eine teure Angelegenheit: Gerade bei Materialien, die derzeit überall auf der Welt in großen Mengen benötigt werden, gibt es häufiger Engpässe wie etwa bei den Reagenzien für PCR-Tests. Ob tatsächlich genügend Antigentests auf einmal zur Verfügung stünden, ist daher ungewiss.

Zudem müssen positive Antigentest-Ergebnisse noch einmal mittels PCR-Test bestätigt werden. Hier ist zumindest Deutschland bereits an der Kapazitätsgrenze. Die Labors rufen daher immer wieder zu anlassbezogenen Tests auf.

Die Freiwilligkeit

Ein weiterer Punkt ist die Freiwilligkeit: Nicht jeder kann und möchte bei der Massentestung mitmachen. Der Erfolg hängt jedoch nach Einschätzung des Direktors des Eurac Research Zentrums in Bozen, Stephan Ortner, stark von der Teilnahmequote ab. Ein gut organisierter Test mit hoher Beteiligung könne so gut »wie ein totaler Lockdown von vielen Wochen« wirken, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Ein starker Erfolg sei möglich bei einer Quote ab 70 Prozent, wie Studien seines Instituts zeigten. In einem großen Staat, etwa in Italien oder Deutschland, lasse sich so ein freiwilliger Test aber wohl nicht in ähnlicher Weise durchführen, meinte er. In einzelnen Bundesländern jedoch schon.

Das falsche Sicherheitsgefühl

Ein klarer Vorteil der Antigentests liegt in ihrer Schnelligkeit: Während ein PCR-Ergebnis derzeit mehrere Tage braucht, liegt das Ergebnis eines Schnelltests bereits nach 15 Minuten vor. Menschen, die zum Zeitpunkt der Probenentnahme sehr infektiös sind, können so also rasch erkannt und isoliert werden.

Der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober glaubt außerdem daran, dass Massentestungen auch für ein zusätzliches Risikobewusstsein in der Bevölkerung sorgen können. Jedoch nur, wenn durch die Tests kein falsches Sicherheitsgefühl entstehe und sie als zusätzliche Maßnahme zu Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Hygiene eingesetzt würden.

Was plant Deutschland?

In Deutschland gibt es derzeit noch keine Pläne für solche Massentests. Mit einer Einwohnerzahl von rund 83 Millionen Menschen wäre das auch sehr viel aufwendiger und teurer als in kleineren Ländern wie der Slowakei oder Österreich. »Wenn man das bei 80 Millionen Einwohnern in Deutschland machen wollen würde, würde das so lange dauern, dass der Aussagewert dann ein überschaubarer wäre«, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vergangene Woche dazu. Dennoch sollen die Schnelltests auch hierzulande zunehmend zum Einsatz kommen. Etwa bei Menschen, die Alten- und Pflegeheime oder Krankenhäuser besuchen, die dort wohnen oder arbeiten.

Auch die EU-Kommission fördert den Einsatz von Antigentests: Das Testen sei ein entscheidendes Werkzeug im Kampf gegen das Virus, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides am Mittwoch. Die Brüsseler Behörde stellte unverbindliche Empfehlungen für den Gebrauch der Antigentests vor. So sollten sie zum Beispiel in Situationen zum Einsatz kommen, in denen das schnelle Erkennen Infizierter helfe, einen Ausbruch zu bewältigen. Oder wo es nötig sei, Hochrisikogruppen regelmäßig zu kontrollieren – etwa medizinisches Personal. Oder um Quarantänemaßnahmen zu begrenzen.

Mit Material von dpa
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