Corona-Studie der Charité Kinder sind genauso ansteckend wie Erwachsene

Kinder zeigen seltener Symptome der Covid-19-Erkrankung. Das heißt nicht, dass sie weniger infektiös sind. Neue Erkenntnisse des Virologen Drosten dürften die Debatte über die Öffnung von Schulen und Kitas beeinflussen.
Spielautos vor einer Kita in Berlin (Archivbild): Kinder zeigen seltener Symptome

Spielautos vor einer Kita in Berlin (Archivbild): Kinder zeigen seltener Symptome

Foto: Christoph Soeder/ DPA

Seit mehr als sechs Wochen herrscht in vielen deutschen Familien der Ausnahmezustand. Bis heute sitzen die meisten Schüler zu Hause, die Kleinsten können nicht in die Kita, und die Nerven dürften bei vielen Eltern und Kindern blank liegen. Kaum eine Frage wird daher in Wissenschaft und Politik so intensiv diskutiert wie jene, ob, wann und wie der Unterricht wieder starten und die Betreuung wieder gewährleistet werden kann.

Dass jede Öffnung aus virologischer und epidemiologischer Sicht ein Risiko darstellt, gilt als sicher. Eindämmen lässt sich die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus nur durch strenge Kontaktsperren. Doch wie hoch das Risiko genau ist und wie schwer es trägt, wenn es zu einer Abwägung mit anderen Faktoren wie häuslicher Gewalt, der Gefährdung von Schulabschlüssen oder wirtschaftlichen Auswirkungen kommt, darüber herrschten bislang Ungewissheit und Uneinigkeit.

Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch

Nur wenige Studien wurden dazu angefertigt, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des neuen Coronavirus tatsächlich spielen. Die in China, Island und den Niederlanden durchgeführten Forschungsprojekte widersprachen sich teilweise erheblich oder waren statistisch nicht signifikant. Noch in der vergangenen Woche hatte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité die Situation in einem Interview mit dem ORF  deshalb als "so langsam nicht mehr erträglich" beschrieben. Es müssten dringend valide Daten geliefert werden.

Und genau diesen Versuch hat Drosten, der schon das Virus der ersten Sars-Pandemie 2002/2003 entdeckt hatte, nun selbst unternommen. Er und sein Team legten gestern Abend einen sogenannten Preprint , also eine noch nicht von Fachkollegen begutachtete Studie, vor. Die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung veröffentlichte Drosten auch auf Twitter  - und sie dürfte die Diskussionen über Schul- und Kita-Öffnungen mächtig anheizen: "Kein signifikanter Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen." Soll heißen: Kinder, die sich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert haben, können den Erreger genauso weitergeben wie ältere Menschen.

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Die Zahl der Viren, die sich in den Atemwegen nachweisen lässt, unterscheide sich bei verschiedenen Altersgruppen nicht, berichten die Forscher um Drosten. Für ihre Studie untersuchten sie Proben von 3712 Menschen, die zwischen Januar und 26. April in einem Berliner Testzentrum mit dem PCR-Verfahren positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren. Sie bestimmten die in den Proben enthaltene Viruslast und bildeten zwecks Vergleichbarkeit von Kindern und Erwachsenen Altersgruppen.

Forscher warnen vor schneller Öffnung der Schulen

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es trotz ähnlicher Viruslast einen für die öffentlichen Debatten bedeutenden Unterschied gibt: Kinder zeigen demnach viel seltener Krankheitssymptome wie Fieber oder Husten. Und weil bislang vor allem beim Vorhandensein von Symptomen auf das neuartige Coronavirus getestet werde, sei die offiziell erfasste Infiziertenrate unter Kindern zwangsläufig niedrig. Daraus dürfe aber eben nicht darauf geschlossen werden, dass Kinder tatsächlich seltener infiziert und weniger ansteckend seien.

Bislang fehle jeglicher statistische Beleg dafür, dass Kinder eine andere Viruslast hätten als Erwachsene. Und genau deshalb seien bei der Beurteilung der Ansteckungsgefahr in Schulen und Kindergärten die gleichen Annahmen zugrunde zu legen, die auch für Erwachsene gelten. "In der gegenwärtigen Situation mit einer weithin anfälligen Bevölkerung und der Notwendigkeit, die Übertragungsraten durch nicht-pharmazeutische Interventionen niedrig zu halten, müssen wir vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten warnen", schreiben die Forscher.