Hydroxychloroquin gegen Corona Vom Wundermittel zum Risikofaktor

Die Welt sehnt sich nach einem Medikament gegen Covid-19. Doch weil inzwischen sogar klinische Studien politische Wellen schlagen, leidet die Forschung. Das zeigt das Beispiel Hydroxychloroquin.
Von Trump promotet, von Wissenschaftlern zur Gefahr erklärt: Hydroxychloroquin

Von Trump promotet, von Wissenschaftlern zur Gefahr erklärt: Hydroxychloroquin

Foto: George Frey/ AFP/ Getty Images

"Ich bin wahrscheinlich ein größerer Fan als jeder andere. Ich habe ein gutes Gefühl. Das ist alles. Es ist nur ein Gefühl. Ich bin ein kluger Typ": In den vergangenen Monaten hat niemand so vehement für das Malariamittel geworben wie Donald Trump. Der US-Präsident war überzeugt, die Wirkstoffe Hydroxychloroquin und das eng verwandte Chloroquin könnten eine Infektion mit dem Coronavirus im Körper eindämmen. Mit seinem Engagement hat der 73-Jährige der Forschung jedoch einen Bärendienst erwiesen.

Weltweit laufen Dutzende Studien, die die Wirksamkeit der Malariamittel gegen Covid-19 prüfen. Der Vorteil: Wenn sie sich tatsächlich als wirksam erweisen, könnten sie schnell eingesetzt werden. Ein komplett neues Mittel müsste erst in aufwendigen Studien beweisen, dass es gut verträglich ist. Weil Hydroxychloroquin und Chloroquin schon zur Therapie von Malaria und Autoimmunerkrankungen zugelassen sind, haben sie diesen Schritt bereits hinter sich. Und die Wirkstoffe sind schon jetzt in großer Stückzahl verfügbar.

Doch ob sie wirklich gegen Covid-19 helfen, ist unklar. Zudem gelten sie längst als "Trump-Medikament". Jede noch so kleine Studie zur Wirksamkeit hat politische Brisanz.

Eine Studie im Fachblatt "Lancet" dämpfte jüngst die Erwartungen und lieferte Hinweise, die Mittel könnten sogar schaden. Die WHO hat daraufhin klinische Studien ausgesetzt, ebenso Frankreich und Großbritannien.

Zuletzt setzte auch Deutschland eine klinische Studie an der Uniklinik Tübingen aus. Ein unabhängiges Gremium prüft nun die ersten Ergebnisse. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Außerhalb klinischer Studien kommt Hydroxychloroquin in Deutschland auch bei Covid-19-Patienten zum Einsatz, die im Krankenhaus behandelt werden. Hausärzte sollen es dagegen nicht zur Therapie verschreiben.

Tatsächlich lassen die Ergebnisse der "Lancet"-Studie aufhorchen. Die Forscher hatten nach eigenen Angaben über ein Register, an dem weltweit 671 Kliniken beteiligt sind, Daten von mehr als 96.000 Covid-19-Patienten ausgewertet. Sie fanden jedoch keinen Hinweis, dass es den Malariamittel-Patienten besser ging als denen, die diese nicht bekamen. Im Gegenteil: Die Sterblichkeitsrate war bei ihnen deutlich erhöht.

Kritik an "Lancet"-Studie

Am höchsten war die Sterblichkeit demnach bei Patienten, die Hydroxychloroquin und ein Antibiotikum bekommen hatten. 23,8 Prozent der Betroffenen starben. Bei den Patienten, die keine Malariamittel bekommen hatten, war das Risiko zu sterben nur halb so hoch.

Doch Forscher stellen nun die Ergebnisse der "Lancet"-Studie infrage. In einem offenen Brief  werden zehn Punkte aufgezählt, die an der Zuverlässigkeit der Daten und den verwendeten Methoden zweifeln lassen. Mehr als 120 Wissenschaftler haben den Brief unterschrieben - darunter auch solche, die sich skeptisch über den Einsatz der Malariamittel zur Behandlung von Covid-19-Patienten geäußert hatten.

Die Kritikpunkte im Überblick:

  • Die Autoren haben sich laut den Kritikern nicht an Standards gehalten. "Sie haben ihren Code oder ihre Daten nicht veröffentlicht", heißt es in dem Brief. Dabei hatte das Fachblatt "Lancet" die Forderungen unterstützt, Daten im Zusammenhang mit der Coronakrise offenzulegen. Unklar war beispielsweise, aus welchen Ländern und welchen Krankenhäusern die Daten kamen. Nur der jeweilige Kontinent wurde angegeben. Auch auf Nachfrage wollten die Autoren die Informationen nicht preisgeben, weil das den Datenschutzvereinbarungen widerspreche.

  • Daten für Australien stimmen nicht mit offiziellen Statistiken überein. Auch die Daten aus Afrika erscheinen nicht plausibel, argumentieren die Kritiker. Die angegebenen Zahlen für Afrika sind so hoch, dass fast ein Viertel der bekannten Covid-19-Fälle und fast jeder zweite Tote in einem der Krankenhäuser behandelt worden sein müsste, auf deren Angaben sich die Studie stützt. "Sowohl die Zahl der Fälle als auch die der Toten und die detaillierte Datensammlung erscheinen unwahrscheinlich", heißt es in dem Brief.

Die Forscher fordern, die Daten zu veröffentlichen und eine unabhängige Begutachtung der Ergebnisse. Zudem sollte das Fachblatt "Lancet" offenlegen, wie das Manuskript vor der Veröffentlichung geprüft wurde. In Anbetracht der Kritik halten es die Forscher nicht für gerechtfertigt, klinische Forschungen mit Hydroxychloroquin einzustellen.

Die Analysen seien sorgfältig durchgeführt worden, versicherte die Organisation Surgisphere in einer Stellungnahme , die die die Daten für die Analyse bereitgestellt hatte. Es bestünden keine Interessenkonflikte. Tatsächlich hatten die Forscher selbst darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse der Studie nicht überinterpretiert werden sollten und dass dringend weitere klinische Studien durchgeführt werden müssten. Doch genau das könnte nun schwierig werden.

"Ich würde Hydroxychloroquin auch nicht bei Härtefällen empfehlen"

Die Studienergebnisse haben auch deshalb so viel Aufmerksamkeit erregt, weil sie Trumps Äußerungen zur Wirksamkeit widerlegen. Der US-Präsident hatte auch mit seinem Vorschlag für Schlagzeilen gesorgt, Desinfektionsmittel zu spritzen - was er später als Ironie darstellte. Als er eine Fabrik für Schutzkleidung besuchte, trug er keine Maske, dafür aber eine Schutzbrille. Für viele Trump-Gegner dürften auch die von ihm angepriesenen Malariamittel zwielichtig erscheinen.

Gleichzeitig löste die Unterstützung von Trump einen Hype um die Malariamittel aus. Die WHO nahm kurzfristig entsprechende Medikamente in Studienprogramme auf, auch Deutschland kaufte Mittel mit Hydroxychloroquin ein, zwischenzeitlich wurden die Bestände so knapp, dass sie denjenigen auszugehen drohten, die sie wirklich brauchen.

Tatsächlich hatte der Wirkstoff die Ausbreitung des Coronavirus in Nierenzellen von Grünen Meerkatzen gehemmt, allerdings nur unter Laborbedingungen. Dafür reichte eine Konzentration aus, die auch bei Patienten gemessen wurde, die das Mittel gegen rheumatoide Arthritis eingenommen hatten. Ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist unklar.

Außer der "Lancet"-Studie hatten noch andere Untersuchungen Hinweise geliefert, dass die Therapie mit Hydroxychloroquin den Verlauf einer schweren Covid-19-Erkrankung, die im Krankenhaus behandelt werden muss, nicht verbessert, sondern sogar tödlich sein könnte.

Eine Erklärung für die erhöhte Sterblichkeit könnten Herzrhythmusstörungen sein, eine bekannte Nebenwirkung der Malariamittel, die gerade für Covid-19-Patienten gefährlich sein könnte, weil die Krankheit in einigen Fälle auch das Herz angreift. Wenn die Patienten gleichzeitig noch Antibiotika, insbesondere Azithromycin, bekamen, stieg das Risiko für gefährliche Nebenwirkungen erheblich.

Zudem gibt es Hinweise, dass die Mittel bei Covid-19-Patienten eingesetzt wurden, für die das Risiko für Nebenwirkungen besonders hoch ist und bei denen das Medikament eigentlich nicht eingesetzt werden sollte. "In Anbetracht der aktuellen Datenlage würde ich den Einsatz von Hydroxychloroquin außerhalb von klinischen Studien auch bei Härtefällen nicht empfehlen", sagte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dem SPIEGEL.

"Keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen"

Ob Hydroxychloroquin bei der Behandlung von Covid-19 am Ende mehr Fluch oder Segen ist, müssten nun die klinischen Studien zeigen. Peter Kremsner, medizinischer Direktor am Universitätsklinikum Tübingen, ist zuversichtlich, dass die Untersuchungen fortgesetzt werden können. "Wir haben keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen, die mit Hydroxychloroquin in Verbindung stehen könnten", sagte Kremsner dem SPIEGEL.

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An der Uniklinik Tübingen wird der Einsatz von Hydroxychloroquin unter anderem an Patienten getestet, die erste Symptome wie Husten oder Fieber haben. Dadurch soll geprüft werden, ob das Mittel in einem frühen Stadium der Erkrankung die Ausbreitung des Virus im Körper und dadurch auch schwere Verläufe verhindern kann, die im Krankenhaus behandelt werden müssten.

Donald Trump hat derweil bekannt gegeben, Hydroxychloroquin nicht mehr täglich zu nehmen, um einer Infektion mit dem Coronavirus vorzubeugen. Vielleicht erhöht das die Chance, dass der Wirkstoff weiter geprüft werden kann - wissenschaftlich unabhängig.

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