Covid-19 in Deutschland Kaum Anzeichen für erhöhte Sterblichkeit

Zahlen zur Sterblichkeit sind die beste Messgröße, um das Ausmaß der Pandemie abschätzen zu können. Neu veröffentlichte Daten deuten für Deutschland auf einen international bislang eher glimpflichen Verlauf hin.

Es gehört zu den Eigenheiten der gegenwärtigen Pandemie, dass Begriffe und Konzepte, die bislang nur in Fachkreisen relevant waren, auf einmal in den Fokus der breiten Öffentlichkeit geraten (einen Überblick zu den wichtigsten Begriffen und Statistiken finden Sie hier). Nach der Verdopplungszeit und der Reproduktionsrate reiht sich aktuell die Übersterblichkeit in diese Auflistung ein. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Konzept? Und wie können die vom Statistischen Bundesamt heute dazu veröffentlichten Zahlen helfen, die Schwere der Pandemie in Deutschland besser einzuschätzen?

Was ist die Übersterblichkeit und was erklärt sie?

Als Übersterblichkeit bezeichnet man eine zeitweise erhöhte Zahl an Todesfällen verglichen mit den zur selben Jahreszeit üblicherweise zu erwartenden Werten. Verwendung findet diese Betrachtung beispielsweise zur Abschätzung der jährlichen Zahl der Grippetoten: Sterben während der Influenzasaison mehr Menschen als sonst, so gibt die Zahl der zusätzlichen Todesfälle Hinweise darauf, wie viele Menschen der Grippe erlegen sind.

In der Coronakrise kann die Übersterblichkeit gleich zur Beantwortung zweier Fragen hilfreich sein:

  1. Gibt es eine erhöhte Sterblichkeit in der Bevölkerung, beziehungsweise wie hoch fällt diese aus?

  2. Deckt sich die erhöhte Sterblichkeit in etwa mit der offiziell gemeldeten Zahl an Covid-19-Todesfällen?

Die Antwort auf die erste Frage fiel etwa in der Lombardei, in Madrid oder New York City alarmierend aus. Über Wochen hinweg waren dort rund viermal mehr Todesfälle als üblich zu verzeichnen.

Doch nur in New York City deckte sich die zusätzliche Zahl an Todesfällen auch mit den offiziellen Covid-19-Opferzahlen (in den Diagrammen dunkelrot). In der Lombardei und Madrid zeigte sich eine erhebliche sonstige Übersterblichkeit (hellrot), die sich hauptsächlich durch eine Untererfassung der Covid-19-Todesfälle in der offiziellen Statistik ergeben dürfte.

Wie es mitunter zu großen Differenzen zwischen Übersterblichkeit und Covid-19-Todesfällen kommt

Als Ursache hierfür liegt die Art und Weise, wie Covid-19-Todesfälle erfasst werden, nahe. In New York City gehen nicht nur positiv getestete Tote in die Statistik ein, sondern auch Fälle, bei denen eine Corona-Infektion anhand der beobachteten Symptome als wahrscheinlich gilt. In Italien hingegen werden nur Todesfälle in der offiziellen Corona-Statistik erfasst, die in Krankenhäusern aufgetreten sind und bei denen auch ein positiver Test auf Covid-19 vorliegt. Die zahlreichen Todesfälle zu Hause und in Heimen sowie die begrenzten Testkapazitäten führen so zur Untererfassung der Covid-19-Todesfälle.

Der "Economist " hat die Situation in weiteren Ländern und Regionen untersucht. Bezieht man diese Ergebnisse in die Bewertung der Pandemie mit ein, so muss man annehmen, dass Großbritannien, Spanien und vor allem Italien noch schwerer getroffen wurden, als es die offiziellen Todeszahlen zeigen. Und auch für die USA zeigen Auswertungen der Übersterblichkeit eine größere Untererfassung, als die Datenzusammenstellung für New York vermuten lässt.

Ein blinder Fleck in der Statistik sind Länder und Regionen, in denen die Infrastruktur für großflächige Tests fehlt. Die Auswertung aus Jakarta zeigt beispielhaft, wie groß die Untererfassung in Schwellen- und Entwicklungsländern ausfallen kann. Dmitri Jdanov, Leiter des Arbeitsbereichs demografische Daten des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) gibt zudem zu bedenken: "Viele Entwicklungsländer verfügen nicht über eine Sterbefallstatistik, mit der sich die Übersterblichkeit verlässlich ermitteln lässt. Für diese Länder werden wir wohl leider die Zahl der Covid-19-Todesfälle nie genau ermitteln können."

Doch zurück zu Deutschland und den heute veröffentlichten Zahlen. Diese waren mit Spannung erwartet worden, da in Deutschland bislang bundesweit nur Angaben bis zum 15. März vorlagen und hierzulande Gestorbene nur dann als Covid-19-Todesfall erfasst werden, wenn ein laborbestätigter Nachweis von Sars-CoV-2 vorliegt. Eine Untererfassung von Todesfällen hielt vor diesem Hintergrund auch RKI-Präsident Lothar Wieler für wahrscheinlich. Er erklärte in der heutigen Pressekonferenz: "Wir gehen davon aus, dass wahrscheinlich mehr Menschen daran [Covid-19] gestorben sind, als offiziell gemeldet sind".

Bislang kaum Anzeichen für eine Übersterblichkeit in Deutschland

Angesichts dessen stellen die heute veröffentlichten Zahlen zunächst eine positive Überraschung dar. Auch wenn sich nicht klar sagen lässt, welchen Beitrag einzelne Maßnahmen gespielt haben, ist es in der Gesamtheit offenbar gelungen, die Zahl der Todesfälle im internationalen Vergleich bis dato relativ gering zu halten. So zeigt sich in der bundesweiten Betrachtung auch bis zum 5. April kein klar sichtbarer Anstieg der täglichen Todesfälle. Ganz im Gegensatz zur späten und außerordentlich schweren Grippewelle von 2018, bei der laut Berechnungen von Vladimir Shkolnikov, ebenfalls vom MPIDR, eine Übersterblichkeit von circa 24.400 Todesfällen erkennbar ist.

Die absolute Zahl der täglichen Todesfälle lag im März 2020 weitestgehend konstant bei rund 2800 und lag zuletzt nur deshalb über dem Vergleichszeitraum 2016-2018, weil die Zahl der Todesfälle normalerweise um diese Jahreszeit rückläufig ist. Blickt man auf die Verlaufskurven für einzelne Altersgruppen, so zeigt sich erst bei der Gruppe der über 80-Jährigen, bei denen es deutlich häufiger zu schweren Covid-19-Krankheitsverläufen kommt, ein leichter Anstieg der Sterblichkeit.

Auch beim Blick auf die einzelnen Bundesländer gibt es kaum Anzeichen für eine Übersterblichkeit im Zeitraum bis Anfang April. Selbst unter den besonders stark betroffenen Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, sind nur in den beiden erstgenannten Ländern Tendenzen zu einer erhöhten Sterblichkeit erkennbar. In allen weiteren, hier nicht dargestellten Ländern, zeigen sich keine Auffälligkeiten.

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Regionen der Welt sind die Folgen der Pandemie in Deutschland bis Anfang April nicht so gravierend, dass sie in Auswertungen der Sterblichkeit insgesamt sichtbar werden. Dies bedeutet allerdings auch, dass eine Abschätzung einer eventuellen Untererfassung der Covid-19-Todesfälle für Deutschland auf diesem Weg nicht möglich ist. Dafür ist die Zahl der 3742 offiziell erfassten Covid-19-Fälle, die bis zum 5. April erstmals den Gesundheitsämtern gemeldet wurden und schließlich verstarben, gegenüber etwa 85.000 monatlichen Sterbefällen bundesweit zu gering.

Zwei Einschränkungen sollte man beim Blick auf die aktuell vorliegenden Zahlen allerdings nicht vergessen:

1. Die Erkenntnisse bis Anfang April sind nur eingeschränkt übertragbar

Auch wenn immerhin 3742 der bislang insgesamt 6287 vermeldeten Todesfälle, erstmals bis zum 5. April bekannt wurden, können die noch ausstehenden Sterbedaten für den späteren Verlauf des Monats ein anderes Bild zeigen. Denn: das Infektionsgeschehen hat sich in Deutschland im Lauf der Zeit geändert. Unter den frühen Infizierten fanden sich in Deutschland verhältnismäßig viele jüngere Menschen, nicht zuletzt durch Ansteckungen beim Karneval, bei Starkbierfesten oder im Skiurlaub. Ab Anfang April kam es dann vermehrt zu größeren Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen und genau dort kam es in anderen Ländern zur Untererfassung der Todesfälle. Die nächste Aktualisierung der Daten, voraussichtlich in zwei Wochen, dürfte hier mehr Klarheit schaffen.

Weiter verringern lässt sich der zeitliche Verzug zwischen Sterbedatum und Eingang in die bundes- wie landesweite Statistik allerdings nicht ohne Weiteres. Das Bevölkerungsstatistikgesetz schreibt eine "mindestens monatliche" Meldung der Todesfälle von den Standesämtern an die statistischen Landesämter vor. In der Praxis führt dies etwa dazu, dass in Bayern "nach sieben Tagen etwa 75 Prozent der Sterbefälle vorliegen und erst nach 12 bis 14 Tagen eine Abdeckung von über 90 Prozent erreicht wird", so das Bayerische Landesamt für Statistik.

2. Auch in Deutschland wurden einzelne Regionen schwer getroffen

Dass in der bundesweiten Betrachtung bislang kaum Anzeichen für eine erhöhte Sterblichkeit zu sehen sind, darf indes nicht über die Gefahr der Pandemie hinwegtäuschen. Die Zahl der Fälle ist regional sehr ungleich verteilt und es gibt auch in Deutschland sehr wohl Gemeinden und Kreise mit deutlich erhöhter Sterblichkeit. Im Landkreis Tirschenreuth, der als einer der am schlimmsten betroffenen Hotspots gilt, zeigt sich etwa folgendes Bild:

Während in dem nordbayerischen Landkreis in den vergangenen fünf Jahren monatlich zwischen 61 und 115 Todesfälle erfasst wurden, lag diese Zahl im März 2020 bei insgesamt 146. Auf Ebene des Landkreises zeigt sich damit eine klar erkennbare Übersterblichkeit. Die Differenz zwischen den diesjährigen Werten und den im März durchschnittlich erfassten Todesfällen deckt sich dabei auch weitestgehend mit den Anfang April bekannten 41 Covid-19-Todesfällen im Landkreis .

In wie vielen weiteren Landkreisen in Deutschland eventuell ebenfalls eine erhöhte Sterblichkeit zu verzeichnen ist, lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten. Nicht nur werden die Daten in Deutschland mit größerem Verzug zentral veröffentlicht, sondern auch lediglich auf Ebene der Bundesländer.

Vladimir Shkolnikov regt deshalb auch an: "Um angemessen auf die Pandemie reagieren zu können, bräuchte es schneller verfügbare Daten zu den Todesfällen auf Ebene der Gemeinden oder Kreise. Es braucht sowohl eine kontinuierliche Beobachtung von Veränderungen in der Sterblichkeit sowie Mechanismen, um Regierung, Medizin und Gesellschaft schnell über die Notwendigkeit von Präventions- und individuellen Schutzmaßnahmen zu informieren. Aber das ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern eine Herausforderung für alle Staaten in Europa."

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war von 3742 Covid-19-Todesfällen bis zum 5. April die Rede. Genau genommen handelt es sich bei der Angabe um die Zahl der offiziell erfassten Covid-19-Fälle, die bis zum 5. April erstmals den Gesundheitsämtern gemeldet wurden und schließlich verstarben. Wir haben die entsprechenden Formulierungen präzisiert.