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Julia Köppe

Deutsche Bahn und Corona Willkommen im Viren-ICE

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wenn ich Zug fahre, sitze ich am liebsten in Fahrtrichtung am Fenster. Einen Platz habe ich vor Corona trotzdem nur selten gebucht. Geänderte Wagenreihung, Zug ausgefallen, Waggon abgekoppelt: Die für mich vorgesehene Sitzgelegenheit stand zu oft auf einem Abstellgleis.

Als ich Mitte Mai von Hamburg nach Stuttgart fahren musste, änderte ich meine Strategie. Ich buchte einen Sitz. In der Coronakrise, so dachte ich, würde die Deutsche Bahn die Plätze bestimmt so vergeben, dass die Passagiere möglichst weit auseinander sitzen. Falsch gedacht.

Ich hatte mich gerade auf meinen bezahlten Fensterplatz gesetzt (leider nicht in Fahrtrichtung), als eine Frau auftauchte, der die Bahn ausgerechnet den Platz neben mir zugewiesen hatte. Der Waggon war ansonsten so gut wie leer. Irritiert schauten wir uns an, ich packte meine Sachen und rutschte drei Sitzreihen weiter, die Plätze um mich herum blieben leer.

Zwar sammelt die Deutsche Bahn derzeit Ideen bei Start-ups, wie sich Fahrgäste besser lenken lassen. Mit dabei ist zum Beispiel ein Berliner Projekt namens "Firefly", das freie Plätze erkennen und schon vor Einfahrt des Zuges optimale Einstiegsstellen per Lichtsignal anzeigen soll.

Foto: Jochen Eckel / imago images

Doch ob und wann solche Techniken eingesetzt werden können, ist völlig offen - womöglich erst lange nach einem Corona-Impfstoff. Dabei bestätigt eine Studie aus China einen naheliegenden Verdacht: Das Infektionsrisiko in Zügen steigt, je enger und länger Passagiere nebeneinandersitzen.

Andere Länder haben längst reagiert: In Bangkok etwa forderten Aufkleber Bahnreisende auf, jeden zweiten Sitzplatz freizuhalten; Buchungssysteme in Südkorea verteilten zuerst Fensterplätze, um für möglichst viel Abstand zu sorgen; und in China musste selbst der Zugang zur U-Bahn vorher reserviert werden.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dagegen lehnt die Pflicht zur Sitzplatzreservierung ab. Reisende wären dadurch weniger flexibel, die Fahrpreise könnten steigen, die ohnehin schon gebeutelte Bahn weiter belastet werden, so Scheuer.

DER SPIEGEL 37/2020

Frust und Freiheit

Job, Familie, Wohnen: Wie das Homeoffice unsere Welt verändert

Zur Ausgabe

DB-Vorstandsmitglied Ronald Pofalla ergänzt, er fahre selbst häufig mit der Bahn, von überfüllten Zügen könne er nicht berichten. Abstandsregeln könnten daher problemlos eingehalten werden, so Pofalla. Eine Reservierungspflicht hingegen würde die Kapazitäten beeinträchtigen. Schlüssig ist dies nicht: Was spricht dagegen, wenn stets nur so viele Passagiere in einen Zug steigen dürfen, wie Sitzplätze zur Buchung freigegeben werden? Wenn die Züge tatsächlich so leer sind, wie Pofalla behauptet, dürfte das kein Problem sein - oder was meinen Sie?

Mit herzlichen Grüßen

Ihre 

Julia Köppe

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Unsere Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Wie der öffentliche Verkehr zukunftsfähig gemacht werden könnte, hat Verkehrsexperte Andreas Knie in einem lesenswerten Gastbeitrag beschrieben.

  • Althippie marschiert neben Neonazi: Warum Corona-Demos zum Sammelbecken unterschiedlicher Gruppen geworden sind, erklärt Medienpsychologe Christian Montag im SPIEGEL-Interview.

  • "Arme Länder bekommen Almosen statt Klimahilfen": Eine aktuelle Studie zieht eine düstere Bilanz von EU-Entwicklungsgeldern, berichtet Kollegin Susanne Götze.

  • Die singenden Hunde sind zurück . In Indonesien ist ein Rudel Neuguinea-Dingos gesichtet worden. Die uralte Hunderasse galt eigentlich als nahezu ausgestorben, nun gibt es wieder ein wild lebendes Rudel. Ihre Laute ähneln dem Gesang von Walen.

  • Der ausgestorbene Urzeithai Megalodon gehörte zu den mächtigsten Raubtieren aller Zeiten. Forscher haben nun seinen Körper rekonstruiert.

  • Vor sechs Jahren ploppten in vier Krankenhäusern auf drei Kontinenten seltsame Infektionen auf. Ursache waren weder Bakterien noch Viren, sondern ein Pilz. Wie gefährlich Killerpilze werden könnten, können Sie in der aktuellen Folge des Podcast "Radiolab"  nachhören.  

Quiz*

1. Sind Pilze Tiere oder Pflanzen?

2. Was ist Hallimasch?

3. Wie heißt die Wissenschaft der Pilze?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Tony Wu / Nature Picture Library

Das Meer ist ein gefährlicher Ort für die nur wenige Zentimeter großen Jungtiere des Koreanischen Seepferdchens. Doch nach der Geburt gibt es nun kein Zurück mehr in Vaters schützende Bruttasche. Wie bei allen Seepferdchen wird auch bei dieser Art das Männchen trächtig und gebiert den Nachwuchs. Die Fischart lebt in Algenwäldern an der Südküste der koreanischen Halbinsel und vor Japan und wurde erst 2017 als eigene Spezies anerkannt.

Fußnote  

8,2 Tonnen CO₂-Äquivalente verursacht ein 15 Kilogramm schwerer Hund im Laufe eines 13 Jahre langen Lebens, haben Forscher der TU-Berlin errechnet - mehr als beim Bau eines Mittelklassewagens entsteht. Die Forscher berücksichtigten bei ihrer Rechnung unter anderem die Herstellung des Hundefutters sowie die Umweltbelastungen durch Kot und Urin. Vom Ausmaß des CO₂-Fußabdrucks der Vierbeiner waren die Experten überrascht. Jeder Hundebesitzer müsse wissen, »dass nahezu ein Drittel seines CO₂-Budgets vom Hund verbraucht wird«, sagt Studienleiter Matthias Finkbeiner.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Weder noch, sie bilden das dritte große Reich der Lebewesen mit echtem Zellkern. Lange zählte man sie zu den Pflanzen. Inzwischen ist klar, sie ähneln eher Tieren.
2. Ein Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon gilt als das größte Lebewesen der Welt. Das Netzwerk des Pilzes erstreckt sich über etwa 1200 Fußballfelder. Forscher schätzen, der Pilz könnte sogar bis zu 8500 Jahre alt sein.
3. Mykologie

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