Nachgewiesene Mehrfachinfektionen Das doppelte Spiel des Coronavirus

Offenbar hat sich nicht nur ein Mann in Hongkong zweimal mit dem Virus angesteckt. Auch in den Niederlanden und Belgien gibt es je einen Fall von Reinfektion. Was bedeutet das für den weiteren Verlauf der Pandemie?
Mit dem Coronavirus infizierte Zelle: Trotz Reinfektionen bleibt die Hoffnung auf einen Impfstoff

Mit dem Coronavirus infizierte Zelle: Trotz Reinfektionen bleibt die Hoffnung auf einen Impfstoff

Foto: Science Photo Library / imago images

Am Montag wurde bekannt, dass sich ein Mann aus Hongkong offenbar zweimal mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 angesteckt hat. Viereinhalb Monate nach seiner ersten Infektion im März wurde er demnach ein zweites Mal positiv getestet, dieses Mal mit einem anderen Virusstrang (mehr dazu lesen Sie hier).

Bislang wurde der Bericht von Forschern der Universität Hongkong nicht in einem Fachjournal publiziert, lediglich Auszüge aus der Untersuchung sind bekannt, auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich am Montag zu dem Fall geäußert.

Die Entdeckung wirft Fragen auf: Wird es überhaupt jemals gelingen das Virus zurückzudrängen, wenn sich auch ehemals Infizierte erneut anstecken können? Und was bedeuten Reinfektionen für eine Impfung?

Reinfektionen auch in Belgien und den Niederlanden

Bislang ist die Bedeutung dieser Fälle noch unklar. "Dass jemand mit einer erneuten Infektion auftaucht, macht mich nicht nervös", sagte die niederländische Virologin Marion Koopmans vom Erasmus University Medical Center in Rotterdam am Dienstag im niederländischen Radio. "Wir müssen sehen, wie oft das passiert."

Nach dem Bekanntwerden des Falls aus Hongkong am Montag berichten Virologen aus den Niederlanden und Belgien, sie hätten ebenfalls jeweils eine Reinfektion beobachtet. Koopmans erzählte etwa von einem älteren Patienten mit schwachem Immunsystem, der sich zweimal mit unterschiedlichen Strängen von Sars-CoV-2 infiziert habe. In einer Fachzeitschrift veröffentlicht sind aber auch diese Fälle bislang nicht.

Bereits zuvor hatten Ärzte von Patienten berichtet, die mit einigem zeitlichen Abstand zu einer ersten Corona-Infektion erneut positiv getestet worden waren. Allerdings vermuten Fachleute, dass in diesen Fällen meist die erste Infektion nicht vollständig kuriert war und sich genau das gleiche Virus nach einiger Zeit wieder im Körper breitmachte. Es handelt sich dann nicht um eine neue Infektion (mehr dazu lesen Sie hier ).

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Sie sei aber nicht überrascht, dass es auch Fälle gebe, in denen sich Patienten tatsächlich erneut infiziert hätten, so Koopmans. "Von anderen Infektionen der Atemwege ist bekannt, dass es keinen lebenslangen Schutz gibt, und das erwarten wir auch nicht vom neuen Coronavirus." Um abzuschätzen, welche Rolle das Phänomen bei der Ausbreitung des Virus spielt, müsse nun untersucht werden, ob es sich um Einzelfälle oder ein häufigeres Phänomen handele.

"Für uns war der Bericht aus Hongkong keine Neuigkeit, denn wir hatten so einen Fall auch in Belgien", sagte auch der Virologe Marc Van Ranst von der Katholischen Universität Löwen in Belgien in einem Fernsehbeitrag, über den die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Er rechne damit, dass in den kommenden Tagen weitere ähnliche Erfahrungen von Virologen bekannt würden. "Die Fälle könnten Ausnahmen sein, es gibt aber nicht nur einen davon", so Ranst. Das seien keine guten Nachrichten.

Allerdings betonte auch der belgische Virologe, dass zunächst geprüft werden müsse, wie häufig erneute Infektionen nach mehreren Monaten seien. Bislang gibt es weltweit mehr als 23 Millionen bestätigte Sars-CoV-2-Infektionen und nur drei bekannte Fälle, bei denen sich Infizierte später mit einem anderen Virusstrang angesteckt haben.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Erstinfektion vielleicht Schutz vor schwerem Verlauf

Bei dem Fall in Belgien handele es sich um eine Frau, die zunächst in der zweiten Märzwoche an Covid-19 erkrankt war, ein zweites Mal sei das Virus im Juni bei ihr nachgewiesen worden, so Ranst.

Möglicherweise habe ihr Körper nach der ersten Infektion zu wenige Antikörper gebildet, um eine zweite Infektion zu verhindern. Denkbar sei aber, dass die vorangegangene Infektion zumindest den Krankheitsverlauf der zweiten abgemildert habe.

Hinweise darauf liefert auch der Fall aus Hongkong. Bei der zweiten Infektion hatte der dortige Patient keine Symptome, sondern wurde zufällig nach einer Spanienreise auf das Virus getestet. Ob die vorangegangene Infektion entscheidend für den milden Verlauf war oder es andere Gründe dafür gab, müssen erst weitere Untersuchungen zeigen.

"Es ist nicht bekannt, ob eine zum zweiten Mal infizierte Person verlässlich vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt ist", sagte Kelvin Kai-Wang To von der Universität Hongkong, der den dortigen Fall betreut hat, laut der Nachrichtenagentur AP.

Denkbar sei aber zumindest, dass es dem Immunsystem nach der ersten Infektion leichter falle, passende Antikörper gegen einen ähnlichen Virusstrang zu entwickeln.

Kein Ausschlusskriterium für eine Impfung

Dass sich Viren mit der Zeit verändern und verschiedene Stränge zirkulieren, ist normal. Gegen Grippe müssen aus diesem Grund jedes Jahr neue Impfstoffe entwickelt werden. Coronaviren wie Sars-CoV-2 mutieren, nach bisherigem Wissen, aber deutlich langsamer.

"Es ist nicht klar, wie sehr sich das Virus von der Variante der ersten Infektion unterscheiden muss, dass eine zweite Infektion möglich wird", sagte To. Die Beobachtungen legten aber zumindest nahe, dass bereits Infizierte sich sicherheitshalber weiter an Abstands- und Hygieneregeln halten sollten.

Ein Impfstoff bleibt trotz der nun bekannt gewordenen Einzelfälle denkbar. "Die durch eine Impfung erzeugte Immunität kann sich von der durch eine Infektion hergestellten unterscheiden", so To. Wie zuverlässig die Impfstoffe seien, müsse in Studien mit den jeweiligen Wirkstoffen evaluiert werden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.