Ferienende in der Coronakrise "Meist tragen die Lehrer das Virus in die Schule - nicht die Kinder"

In den ersten Bundesländern findet wieder regulär Unterricht statt, doch die Corona-Regeln unterscheiden sich. Der Kinderarzt Johannes Hübner erklärt, worauf es in Schulen und Kitas jetzt ankommt.
Ein Interview von Julia Merlot
Unterricht mit Mund-Nasen-Schutz: Keine Zweifel mehr an Wirksamkeit von Masken

Unterricht mit Mund-Nasen-Schutz: Keine Zweifel mehr an Wirksamkeit von Masken

Foto: izusek/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Hübner, die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen weiter, am Donnerstag hat das Robert Koch-Institut (RKI) erstmals seit drei Monaten mehr als 1000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag gemeldet. Ist es richtig, Schulen und Einrichtungen für kleinere Kinder wieder regulär zu öffnen?

Zur Person
Foto: Klinikum der LMU

Johannes Hübner ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Er ist Professor und stellvertretender Klinikdirektor der Dr. von Hauner’schen Kinderklinik am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Gemeinsam mit Kollegen hat er ein Konzept erarbeitet , welche Regeln an Schulen und in Betreuungseinrichtungen in der Corona-Pandemie sinnvoll sind.

Johannes Hübner: Da gibt es aus meiner Sicht keine Alternative. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung, Teilhabe, Förderung und Betreuung und leiden stark darunter, wenn sie nicht in die Schule gehen können. Das steht so auch ausdrücklich in einer Leitlinie , die ich gemeinsam mit anderen Medizinern erarbeitet habe.

Wir wissen inzwischen, dass die häusliche Gewalt zunimmt, außerdem haben die Kinder in der Lockdown-Phase viel weniger Zeit mit Lerninhalten verbracht, das hat gerade erst eine Studie gezeigt. Die Frage ist nicht, ob es richtig ist zu öffnen, sondern wie wir es vernünftig hinbekommen.

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SPIEGEL: Die Bundesländer haben sehr unterschiedliche Regeln erlassen. In Brandenburg ist keine Maskenpflicht geplant, in Baden-Württemberg gilt sie zumindest auf weiterführenden Schulen auf dem gesamten Schulgelände, im Unterricht aber nicht. In Nordrhein-Westfalen dürfen nur Grundschüler ihre Masken am Platz im Klassenzimmer abnehmen. Welche dieser Regeln sind tatsächlich sinnvoll?

Hübner: Es ist wichtig zu betonen, dass Masken grundsätzlich wirksam sind. Darüber gibt es keinen Zweifel mehr, zahlreiche Studien zeigen das. An Masken - egal welcher Art - kommen wir also nicht vorbei. Trotzdem sollten wir abwägen, in welchen Situationen ihr Einsatz im Verhältnis zum konkreten Infektionsrisiko eine zu hohe Belastung darstellt, gerade bei Kindern. Es muss auch zwischen verschiedenen Altersstufen unterschieden werden.

"Jüngere Kinder spielen in der Pandemie wahrscheinlich eine geringere Rolle"

SPIEGEL: Zu welchem Schluss kommen Sie?

Hübner: In den meisten Situationen ist es kein Problem, eine Maske zu tragen. Wir haben uns daran gewöhnt, bei uns in der Klinik tragen alle Mitarbeiter ständig eine Maske. Auch den größeren Kindern ab zehn Jahren ist es zuzumuten, auf dem Pausenhof, in den Gängen und auf dem Weg ins Klassenzimmer eine Maske aufzusetzen.

Jüngere Kinder spielen in der Pandemie dagegen wahrscheinlich eine geringere Rolle. Beobachtungen aus verschiedenen Ländern, die Schulen und Kindergärten nicht geschlossen oder schon länger wieder geöffnet haben - China, Korea, Italien, Dänemark, Island und Irland -, zeigen ganz überwiegend, dass sich kleinere Kinder seltener mit dem Coronavirus anstecken und selten schwer erkranken. Sie müssen nach meiner Einschätzung aktuell keine Maske tragen. Am Platz können auch ältere Kinder den Schutz ablegen.

Von Ärzten vorgeschlagene Maßnahmen für Kinder und Jugendliche in Schulen

Geringe Zahl Neuinfektionen1

Mittlere Zahl Neuinfektionen2

Hohe Zahl Neuinfektionen3

6 - 10 Jahre

ab 10 Jahren

6 - 10 Jahre

ab 10 Jahren

6 - 10 Jahre

ab 10 Jahren

Mund-Nasen-Bedeckung (nicht am Platz)

Nein

Ja

Nein

Ja

Ja

Ja

Händewaschen (mit Wasser und Seife; Einmal-Papierhandtücher)

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

Händedesinfektion4

Nein

Nein

Nein

Nein

Nein

Nein

Geteilte Klassen, ergänzt durch Online-Unterricht (Abstand 1,5 m)

Nein

Nein

Nein

Nein

Ja

Ja

Feste Klassenverbände

Nein

Nein

Ja

Ja#

Ja

Ja#

Abstandsregelung im Klassenzimmer

Nein

Nein

Nein

Nein

Ja

Ja

Gruppenarbeit innerhalb der Klasse

Ja

Ja

Ja

Ja

Nein§

Nein

Lüften jede Schulstunde

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

Separate Pausengruppen

Nein

Nein

Ja

Ja

Ja

Ja

Sportunterricht

Ja

Ja

Ja

Ja

Nein

Nein

Ungezielte Flächendesinfektion zus. zur tgl. Reinigung

Nein

Nein

Nein

Nein

Ja

Ja

# Ausgenommen SchülerInnen der Oberstufe / Sekundarstufe II, die in der Lage sind, Hygieneregeln konsequent zu beachten.

§ Ja bei Einhaltung der Abstandsregel

1 <25 neue Fälle in 7 Tagen/ 100.000 Einwohner

2 25-50 neue Fälle in 7 Tagen/ 100.000 Einwohner

3 >50 neue Fälle in 7 Tagen/ 100.000 Einw.

4 Lehrerinnen und Lehrer und weiteres Betreuungspersonal müssen freien Zugang zu Händedesinfektions-Mitteln haben. Außerdem kann für Jugendliche (ab 10 Jahre) eine unmittelbar beaufsichtigte Händedesinfektion eine praktikable Alternative sein, wenn keine ausreichenden Plätze zum Händewaschen zur Verfügung stehen.

Quelle: Leitlinie von Hübner et al.

SPIEGEL: Ist nicht gerade beim langen gemeinsamen Sitzen im Klassenzimmer das Infektionsrisiko hoch?

Hübner: Die jetzige Entwicklung mit steigenden Fallzahlen ist ein Alarmsignal - noch gibt es bundesweit aber weniger als 25 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. Das Risiko, dass ein Schüler in einer Klasse infiziert ist und das Virus dort weitergibt, ist im Moment also gering. Gleichzeitig ist die Maske im Unterricht ein deutlich höherer Störfaktor als in den meisten anderen Situationen.

SPIEGEL: Und wenn die Fallzahlen weiter steigen?

Hübner: Dann könnten auch Masken am Platz im Unterricht sinnvoll sein, bevor man wieder ganze Schulen dichtmacht. In Regionen, in denen es mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen gibt, halten wir bei einem starken Infektionsgeschehen auch Masken für Schulkinder unter zehn Jahren für angemessen. Es gilt, diese Maßnahme flexibel an die jeweilige Situation in der Pandemie anzupassen. Masken sind aber auch nicht das einzige Mittel, um in Schulen Corona-Infektionen zu verhindern.

"Nur Kinder einer Klasse sollten Kontakt miteinander haben"

SPIEGEL: Was halten Sie außerdem für sinnvoll?

Hübner: Ganz wichtig ist, spätestens ab einer mittleren Zahl Neuinfektionen, dass die Schulen Klassenverbände klar definieren. Nur Kinder einer Klasse sollten Kontakt miteinander haben. Selbst wenn dann Fälle an Schulen auftreten, muss nicht gleich die ganze Einrichtung geschlossen werden. Es reicht, wenn der betroffene Klassenverband isoliert und getestet wird. Falls sich ausschließen lässt, dass ein Lehrer das Virus von Klasse zu Klasse getragen hat, können die übrigen Schüler weiter zum Unterricht gehen.

Außerdem sollten Klassenräume regelmäßig gelüftet werden. Das reduziert das Risiko, dass Sars-CoV-2 in der Luft zu Ansteckungen führt.

Von Ärzten vorgeschlagene Maßnahmen in Krippen, Kitas und Kindertagespflege

Kinder

Erzieher / Eltern / Erwachsene

Mund-Nasen-Bedeckung

Nein

Im Vorschulalter kann der Umgang spielerisch eingeübt werden.

Ja

(im Kontakt untereinander; im direkten Umgang mit den Kindern ist dies nicht konstant durchzuhalten. Visiere# oder Trennscheiben können hilfreich sein)

Händewaschen (mit Wasser und Seife; Einmal-Papierhandtücher)

Ja

Ja

Händedesinfektion

Nein

Bei Bedarf

Feste Gruppenzuteilung

Ja

(Nein, bei weniger als 25 Neuerkrankungen in 7 Tagen/100.000 Einw.)

Ja

Abstandsregelung

Nein

Erwachsene untereinander: Ja

Stündliche Lüftung

Ja

Ja

Separate Pausengruppen

Ja

(Nein, bei weniger als 25 Neuerkrankungen in 7 Tagen/100.000 Einw.)

Ja

Turnen

Ja (Aktivitäten im Freien sind zu bevorzugen)

Flächendesinfektion zus. zur tgl. Reinigung

Bei Bedarf (Mindeststandards sind im Rahmenplan Hygiene der jeweiligen Bundesländer vorgegeben)

SPIEGEL: Sollten Schüler und Lehrer sicherheitshalber regelmäßig auf eine Corona-Infektion getestet werden?

Hübner: Das routinemäßige Testen von allen Lehrern oder Schülern ist nicht machbar. Es beansprucht viele Kapazitäten, ist nicht bezahlbar und auch nicht sinnvoll. Der Test ist nur eine Momentaufnahme, das heißt man müsste mehrmals pro Woche Hunderttausende asymptomatische Menschen testen. Es gibt aber eine ganze Reihe von Studien in verschiedenen Bundesländern, bei denen stichprobenartig geprüft wird, ob das Virus unbemerkt an Schulen zirkuliert.

"Zwar stecken sich Kinder offenbar seltener an, das Risiko ist aber nicht null. Das muss uns bewusst sein"

SPIEGEL: Im Herbst wird es wieder viele Kinder mit Erkältungen geben. Was bedeutet das für den Schulbetrieb zu Corona-Zeiten?

Hübner: Das wird ein Riesenproblem werden. Aber auch da müssen wir versuchen, einen vertretbaren Mittelweg zu finden. Ein Kind, das nur eine laufende Nase hat, sich sonst aber gut fühlt, muss nicht automatisch auf Corona getestet werden, bevor es am Unterricht teilnehmen darf. Umgekehrt sollten aber Kinder, die wirklich krank sind, also beispielsweise Fieber haben, sich schlapp fühlen oder husten, unbedingt zu Hause bleiben. Da trägt in nächster Zeit jedes Elternteil eine große Verantwortung.

SPIEGEL: Wie gefährlich ist der Unterricht für Lehrer?

Hübner: Für sie besteht das gleiche Risiko wie in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Zu diesem Schluss kommt auch das RKI in seiner Bewertung der Risiken für verschiedene Berufsgruppen. Lehrer sollten, soweit es sie nicht davon abhält, Unterrichtsinhalte zu vermitteln, einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Bisherige Erfahrungen aus dem Ausland zeigen: Meist tragen die Lehrer das Virus in die Schule - nicht die Kinder.

SPIEGEL: Welches Risiko gibt es für Corona-Ausbrüche an Schulen?

Hübner: Es wird nicht gelingen, die Infektionen dort vollständig zu vermeiden. Das ist aber auch in U-Bahnen und Bussen oder in Geschäften oder in anderen Situationen des alltäglichen Lebens so. Zwar stecken sich Kinder offenbar seltener an, das Risiko ist aber nicht null. Das muss uns bewusst sein.

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