Coronavariante B.1.1.529 Wie wirksam sind Reisebeschränkungen?

In Südafrika steigt die Zahl der Infektionen mit einer neuen Virusvariante. Mehrere Staaten stellen den regulären Flugverkehr ein und verordnen strenge Einreisekontrollen. Genügt das, um B.1.1.529 in Schach zu halten?
Wegen einer neuen Coronavariante schränken mehrere Staaten den Flugverkehr aus Südafrika ein

Wegen einer neuen Coronavariante schränken mehrere Staaten den Flugverkehr aus Südafrika ein

Foto: JOKER / IMAGO

Mit Besorgnis beobachten Fachleute die Ausbreitung der Coronavirus-Variante B.1.1.529. Aktuell, mit Stand von Freitagnachmittag, gibt es weltweit mindestens 85 bestätigte Fälle  – und beinahe 1000 Verdachtsfälle.

Mit 77 bestätigten Infektionen wurde der Großteil dieser Fälle in Südafrika registriert. Vier Menschen haben sich in Botswana mit der Virusvariante infiziert, zwei Fälle sind in Hongkong registriert worden, einer in Israel. Am Nachmittag gab Belgiens Gesundheitsminister bekannt, dass eine Ansteckung mit der neuen Variante festgestellt wurde – der erste bekannte Fall in Europa.

Noch ist nicht klar, wie gefährlich die Variante ist. Das Besondere an der Variante ist ihre sehr hohe Anzahl von Mutationen. Mit 32 Veränderungen im Spike-Protein – und damit deutlich mehr als bei Delta-Variante – könnte das Virus den Immunschutz, der nach einer Impfung oder einer Überstandenden Infektionen besteht, umgehen. Mit dem Spike-Protein dockt das Virus an die menschlichen Wirtszellen an. Und die meisten Impfstoffe sind auf diesen Teil des Virus ausgerichtet. Möglich ist auch, dass B.1.1.529 noch schneller ansteckend ist als die bisher bekannten Varianten.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach  schrieb auf Twitter: »Wir müssen Zeit gewinnen.  Nichts ist schlimmer als eine neue Variante in eine laufende Welle hinein.« Wenn sich die vorläufigen Daten als korrekt herausstellten, »müssen sofort Reisebeschränkungen erfolgen«.

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Die wurden bereits eingeführt: Die Bundesregierung etwa hat strenge Regeln für den Flugverkehr mit Südafrika aufgestellt. Das Land gelte ab der Nacht zum Samstag als Virusvariantengebiet, teilte das Bundesgesundheitsministerium mit. »In der Folge dürfen Fluggesellschaften nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern.« Zudem müssten alle Eingereisten für 14 Tage in Quarantäne – auch wenn sie vollständig geimpft sind.

Eine Flugverbindung nach Südafrika gibt es von mehreren deutschen Flughäfen. Am Freitagmorgen sind zum Beispiel am Flughafen in Frankfurt am Main zwei Lufthansa-Flüge aus Südafrika angekommen, einer aus Johannesburg, einer aus Kapstadt. Insgesamt sind damit rund 550 Passagiere eingereist. Auch am Wochenende sollen drei Flieger aus Südafrika in Frankfurt landen. Die Bundespolizei soll bereits gesonderte Kontrollen planen. Der Nachweis eines negativen PCR-Testergebnisses werde schon vor dem Abflug von der Fluglinie kontrolliert.

Nach einer Schätzung des Deutschen Reiseverbands sind zurzeit bis zu 400 Gäste mit deutschen Reiseveranstaltern im Süden Afrikas unterwegs.

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Keine Flüge nach Großbritannien, Frankreich oder Malta

Großbritannien stellte den Reiseverkehr mit sechs afrikanischen Ländern ein. Aus Südafrika, Namibia, Lesotho, Eswatini – das früher Swasiland genannt wurde –, Simbabwe und Botswana soll von Freitagmittag an kein Flug mehr nach Großbritannien gehen. Reisende, die bis zu diesem Zeitpunkt noch aus einem dieser Länder in Großbritannien angekommen sind, müssten sich in Quarantäne begeben und am zweiten und achten Tag einen PCR-Test machen. Nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA kommen jeden Tag zwischen 500 und 700 Menschen aus Südafrika in Großbritannien an.

Frankreich verhängte ein Landeverbot für Flüge aus dem südlichen Afrika. Das Verbot gilt nach Angaben des Premierministers Jean Castex ab sofort für wenigstens 48 Stunden. Reisende aus sieben Staaten dürften unabhängig von ihrem Impfstatus nicht nach Frankreich einreisen.

Auch die Regierung in Israel setzte Südafrika und sechs weitere afrikanische Staaten auf eine »Rote Liste«. Staatsangehörige dieser Länder dürfen nicht nach Israel einreisen, Israelis, die zurückkehren, müssen sich für eine bestimmte Zeit isolieren. Auch in Malta sind Reisen von und nach Südafrika, Namibia, Lesotho, Botwana, Eswatini und Simbabwe ab der Nacht von Samstag auf Sonntag untersagt.

Reicht das?

»Früher oder später« könnte sich die Variante ausbreiten

Verhindern werden diese Beschränkungen die Ausbreitung von B.1.1.529 nicht. Das sagte auch Gérard Krause dem SPIEGEL: »Sofern die neue Variante Überlebensvorteile gegenüber der Delta-Variante haben sollte, werden wir in der aktuellen Situation mit Reisebeschränkungen nicht verhindern können, dass diese sich früher oder später auch hier ausbreitet.« Krause ist Arzt und Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Warum nicht? Noch ist nicht klar, wann und wo die Variante zum ersten Mal aufgetreten ist. Dass die bislang größte Zahl an Infektionen mit dieser Variante in Südafrika registriert wurde, ist dem Virologen Tulio de Oliveira zufolge  kein Beweis dafür, dass die Virusvariante auch in diesem Land zum ersten Mal aufgetaucht sein muss.

Klar ist aber, dass es in Südafrika mehr Fälle geben wird, als bisher bekannt. Aktuell beginnt dort der Sommer – und damit eigentlich die Zeit, in der es weniger Ansteckungen mit einem saisonalen Virus Sars-CoV-2 gibt. Doch in Gauteng, der bevölkerungsreichsten Provinz, in der auch Johannesburg liegt, stiegen die Zahlen zuletzt massiv an. Anfang des Monats verzeichnete die Region noch rund hundert Neuansteckungen, am Mittwoch stieg die Marke auf 1200. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen, dass bis zu 90 Prozent der neuen Fälle in Gauteng auf B.1.1.529 zurückzuführen sein könnten. Möglicherweise hat sich die Variante auch in den anderen acht Provinzen des Landes ausgebreitet. Dass nur ein kleiner Teil der Virusproben sequenziert wird, trägt nicht zu mehr Gewissheit bei.

Klar ist auch, wie viele Menschen in den vergangenen Wochen aus Südafrika in andere Länder gereist sind. Dazu teilte der Wissenschaftler Moritz Krämer, der an der Universität Oxford zur räumlichen Dynamik von Infektionskrankheiten forscht, auf Twitter  eine Grafik:

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Angegeben ist die Zahl der Passagiere, die im September vom Flughafen in Johannesburg losgeflogen sind – nach Simbabwe, nach Sambia, Namibia, Kenia und in die arabischen Emirate, aber auch nach Europa. In den Niederlanden, in Frankreich, in Irland, in der Schweiz, in Portugal und in Deutschland kamen Flüge aus Südafrika an. Im Oktober und November dürften sich die Zahlen davon nicht groß unterscheiden. »Wahrscheinlich werden bald viele weitere Länder Fälle melden, wenn man sich die Daten von Passagierflügen ab JNB ansieht«, schrieb Krämer dazu.

»Eine Verzögerung der Ausbreitung ist bereits wertvoll«

Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig


Dennoch seien die Reisebeschränkungen sinnvoll. Der Epidemiologe Krause bezeichnete sie als »ein wirksames Mittel, die globale Verbreitung einer neuen Variante zu verlangsamen«. Denn: »Damit kann man Zeit gewinnen, um Daten für die Risikobewertung einer neuen Variante zu erheben und zu analysieren.« Je mehr Forscherinnen und Experten über die neue Variante wissen, desto größer ist die Chance, sie einzudämmen. Und: Und je geringer das Tempo ist, mit dem B.1.1.529 in andere Länder vordringt, desto größer sind die Chancen, dass sich Infektionsketten nachverfolgen und bestenfalls brechen lassen.

Anders bewertet das derzeit allerdings die Weltgesundheitsorganisation WHO: Ein Sprecher sagte am Freitag in Genf, Staaten könnten auch ohne solche Einschränkungen eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung von neuen Varianten einzudämmen. Dazu gehörten die genaue Beobachtung des Infektionsgeschehens und die Genanalyse von auftretenden Coronafällen. Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es »Vorbehalte gegen Reisebeschränkungen«, sagte er. Eine WHO-Empfehlung für Coronamaßnahmen sieht vor, dass sie den internationalen Verkehr nicht unnötig behindern sollen. Reisende sollten nicht automatisch als Verdachtsfälle eingestuft werden.

Auch die Belastung in der Krankenversorgung muss bedacht werden

Krause nennt jedoch noch einen weiteren Punkt, der die Einführung von Reisebeschränkungen rechtfertigt – auch wenn sie nicht verhindern können, dass sich das Virus verbreitet. »Eine Verzögerung der Ausbreitung ist bereits wertvoll, weil es die zusätzliche Belastung in der Krankenversorgung über einen längeren Zeitraum streckt«, sagte er. Denn schon die Delta-Variante stellt die medizinische Versorgung in einigen Ländern vor erhebliche Herausforderungen .

Mit Material von dpa, AFP und Reuters