Geleakte Remdesivir-Studie Ebola-Mittel könnte für Covid-19-Patienten doch wirkungslos sein

Das experimentelle Medikament Remdesivir soll Viren zurückdrängen und wird auch an Covid-19-Patienten getestet. Nach anfänglichem Optimismus gab es nun einen Rückschlag.
Anti-Virusmittel Remdesivir: bislang nicht als Arzneimittel zugelassen

Anti-Virusmittel Remdesivir: bislang nicht als Arzneimittel zugelassen

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POOL/ REUTERS

Noch am vergangenen Freitag gab es einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer: Laut einem Bericht des Gesundheitsportals "Stat"  sollte das experimentelle Ebola-Medikament Remdesivir Covid-19-Patienten geholfen haben. In einem Krankenhaus in Chicago hätten von 125 behandelten Personen fast alle die Klinik innerhalb einer Woche verlassen können, hieß es. Allerdings waren diese vorläufigen Ergebnisse mit großen Unsicherheiten behaftet.

Offiziell wurden die Ergebnisse bislang nicht veröffentlicht. Unklar war auch, wie alt die untersuchten Patienten waren und ob sie Vorerkrankungen hatten. Beides entscheidet darüber, mit wie großer Wahrscheinlichkeit sie auch ohne das Mittel innerhalb einer Woche wieder gesund geworden wären. Eine Kontrollgruppe gab es nicht. Sie hätte verraten, wie sich eine Infektion in einer vergleichbaren Testpopulation ohne Remdesivir entwickelt hätte.

Nicht mal eine Woche später wurden am Donnerstagabend ebenso ungesicherte Hinweise bekannt, dass das Mittel Patienten möglicherweise doch nicht nutzt: Die "Financial Times"  berichtete am Donnerstag, dass es mithilfe von Remdesivir nicht gelungen sei, den Gesundheitszustand von Corona-Patienten zu verbessern. Die Zeitung berief sich dabei auf die unfertige Zusammenfassung einer Studie aus China, die offenbar aus Versehen kurzzeitig auf der Webseite der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu sehen war. Die WHO bestätigte die Datenpanne.

Wirkung weiter unklar

Laut dem Medienbericht wurden bei diesem klinischen Test 158 Infizierte mit Remdesivir behandelt. Eine Kontrollgruppe aus 79 Patienten erhielt ein Placebo, also eine Behandlung ohne Wirkstoff. Nach einem Monat waren dem Zeitungsbericht zufolge 13,9 Prozent der Probanden gestorben, denen Remdesivir verabreicht worden war. In der Kontrollgruppe, die den Wirkstoff nicht erhalten hatte, waren es 12,8 Prozent. 18 Patienten mussten den Angaben zufolge wegen zu starker Nebenwirkungen aus der Studie ausgeschlossen werden.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Remdesivir erhöhte das Sterberisiko demnach sogar etwas. Allerdings dürfte der Unterschied von nicht mal einem Prozent bei der kleinen Studiengruppe kaum signifikant sein. Genauso gut ist es möglich, dass das Mittel keine Wirkung hat und der Unterschied in der Studie zufällig zustande kam. Auch, dass Remdesivir in Wahrheit doch nützt, sich das in der Studienpopulation aber nicht gezeigt hat, wäre vorstellbar.

Ob Remdesivir bei schweren Corona-Infektionen hilft, lässt sich demnach derzeit schlicht nicht sagen. Es ist insgesamt zu wenig über seine Wirkung im Zusammenhang mit Covid-19 bekannt. Aufschluss können nur weitere Studien geben. Sie finden derzeit in Kliniken in mehreren Ländern statt. Auch mehrere deutsche Kliniken sind beteiligt. Insgesamt soll das Mittel an 7600 Patienten untersucht werden. Die WHO räumt dem Wirkstoff seit Januar Priorität in der Forschung ein  und lässt ihn weltweit im Zusammenhang mit dem neuen Virus testen.

Nachricht lässt Pharma-Aktienkurs fallen

Die Aktien des Pharmakonzern Gilead Sciences, der Remdesivir entwickelt hat, verloren nach der Veröffentlichung der neuen, schlechten Nachrichten an der Wall Street zeitweilig mehr als sechs Prozent an Wert. Nach den vor einer Woche vorab bekannt gewordenen positiven Daten war Euphorie an den Börsen ausgebrochen. Händler zogen daraus Hoffnung, dass die Corona-Pandemie schnell überwunden werden könne.

Gilead Sciences wies die Darstellung der neuen Studienergebnisse nach Erscheinen des Zeitungsberichts zurück. Der auf der WHO-Website veröffentlichte Beitrag sei eine "unangemessene" Zusammenfassung des Experiments. Die Studie sei wegen geringer Beteiligung vorzeitig beendet worden und daher statistisch nicht aussagekräftig.

Gegenwärtig gibt es kein Medikament und keinen Impfstoff gegen den Corona-Erreger. Remdesivir hat Gilead Sciences ursprünglich zur Behandlung anderer Virenerkrankungen entwickelt, etwa Ebola und Mers und Sars. Die Erreger von Mers und Sars gehören ebenfalls zu den Coronaviren. Bei einer Infektion soll das Mittel verhindern, dass das Virus sein Erbgut in den Körperzellen massenhaft vervielfältigt und es somit zurückdrängen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Allerdings wurde Remdesivir bislang nicht als Arzneimittel zugelassen. Es darf standardmäßig nicht verabreicht werden und kommt nur in besonderen Situationen als experimentelles Medikament oder in Studien zum Einsatz. So wurde es etwa im Zuge des Ebola-Ausbruchs 2016 in Westafrika einer infizierten Pflegekraft in die Venen verabreicht und konnte das Virus in ihrem Körper zurückdrängen. Allerdings erkrankte die Person neun Monate später erneut.

Bis heute gibt es keine Standardtherapie gegen Ebola. Gleiches gilt für Mers und Sars.

Mit Material von Reuters und AFP
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