Coronakrise Virologen fürchten um Meinungsfreiheit in der Wissenschaft

Virologen werden neuerdings häufig angefeindet. Einer Umfrage zufolge sehen viele nun eine ernste Gefahr für den offenen Diskurs - zweifeln aber auch zunehmend an aktuellen Social-Distancing-Maßnahmen.
Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

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Julian Stratenschulte/ dpa

Der Virologe Christian Drosten sagt derzeit häufig Dinge, die vielen Deutschen den Schlaf rauben. Er sagt auch viele Dinge, die einen großen Teil der Bevölkerung wütend machen, denn sie bedeuten, dass der Alltag in Deutschland noch eine Weile anders sein wird als vor der Coronakrise. Die meisten Virologen dürften seine Einschätzungen weniger überraschen. Doch vor zwei Wochen sagte Drosten etwas, das vermutlich sogar seine Fachkollegen beunruhigt hat: "Ich bekomme Morddrohungen."

In einem Interview mit dem britischen "Guardian" beschrieb der 48-Jährige, dass er infolge seiner öffentlichen Äußerungen und Empfehlungen zur Corona-Pandemie Droh-E-Mails erhalte: "Für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt." Aus einer Umfrage des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE), der Gesellschaft für Virologie (GfV) und der Universität Tübingen geht hervor, dass rund ein Drittel der befragten Virologen die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft aktuell bedroht sieht.

Ob diese Einschätzung mit der zunehmenden Polarisierung um die Person Drosten einhergeht, wurde nicht explizit abgefragt. "Doch einige Virologen schrecken offenbar davor zurück, sich öffentlich zu äußern und sich damit angreifbar zu machen", sagt Michael Schindler, Leiter der Forschungssektion molekulare Virologie an der Universität Tübingen und einer der Studienleiter.

Ist die Einschränkung der Grundrechte verhältnismäßig?

In der Umfrage wurden 178 Teilnehmer befragt, die hauptsächlich aus den Bereichen Virologie, Immunologie und Hygiene, aber auch aus der inneren Medizin und der Intensivmedizin kommen. Insgesamt sind bei der GfV rund 1100 Virologen gemeldet. Anfang April hatte es bereits eine Umfrage gegeben, in der rund 200 Experten befragt wurden. Die aktuelle Umfrage habe an die Ergebnisse anknüpfen und einige neue Entwicklungen wie etwa die Maskenpflicht miteinbeziehen wollen, so Schindler. "Da es jetzt zunehmend Demonstrationen gegen die Maßnahmen und die Einschränkung der Grundrechte gibt, hat mich interessiert, ob meine Kollegen das Vorgehen der Regierung als verhältnismäßig ansehen", sagt Schindler.

Das Ergebnis laut Umfrage: Rund 77 Prozent der Befragten sehen die Einschränkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Kontaktverbote als eher verhältnismäßig an. Besonders das Verbot von Großveranstaltungen hält die überwiegende Mehrheit der befragten Virologen und Mediziner (89 Prozent) für sinnvoll. Auch die Abstandsregel wird als sinnvoll angesehen (87 Prozent).

Im Vergleich zur ersten Befragung vor rund einem Monat sank allerdings die allgemeine Zustimmung zur Gesamtheit der aktuellen Social-Distancing-Maßnahmen: Rund die Hälfte der Teilnehmer (51 Prozent) erachtet die aktuellen Maßnahmen als sinnvoll. In der ersten Umfrage hielten 81 Prozent diese Maßnahmen für adäquat.

Eine bemerkenswerte Veränderung im Stimmungsbild zeigte sich bei der Einschätzung zur Rückkehr ins öffentliche Leben: Wobei vor einem Monat noch 17 Prozent der Befragten der Meinung war, das öffentliche und wirtschaftliche Leben wiederherzustellen, sei sinnvoll, gaben das nun 63 Prozent der Virologen und Mediziner an - wobei sie dabei zustimmten, in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Mehrheit scheint Nutzen von Masken nicht zu kennen

Paradox erscheint in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Sinnhaftigkeit des Tragens von Mund-Nasen-Schutz im ÖPNV, Geschäften und Arbeitsstätten: 70 Prozent der Befragten stimmten dieser Maßnahme zu - wobei 73 Prozent auch angaben, dass die Maskenpflicht die Gefahr berge, sich in falscher Sicherheit zu wiegen, wenn der Mund-Nasen-Schutz etwa nicht richtig gehandhabt werde.

"Mich hat verwundert, dass den wenigsten Befragten wissenschaftliche Analysen zur Wirksamkeit von Mund-Nasen-Schutz gegen eine Virusinfektion bekannt sind, sie die Maskenpflicht trotzdem mehrheitlich befürworten", sagt Studienleiter Schindler. "Mir scheint, das könnte eine Entscheidung aus dem Bauchgefühl heraus gewesen sein." Denn dass die Masken helfen, lasse sich aus der aktuellen Datenlage keinesfalls klar ableiten. "Im Zweifel wird der Nutzen gegenüber den potenziellen Nachteilen abgewogen. Und aufgrund dessen kommt offensichtlich ein Großteil meiner Kollegen zu der Schlussfolgerung, dass das Tragen einer Maske zumindest nicht schadet", so Schindler.

Für diese These spricht die Frage nach der wissenschaftlichen Fundierung der Wirksamkeit von Mund-Nasen-Bedeckungen. Auf die Frage, ob die Teilnehmer wissenschaftliche Literatur kennen, die eine Schutzwirkung von chirurgischen OP-Masken gegen Sars-CoV-2 belegen, antworteten nur 29 Prozent mit Ja. Und nur 12 Prozent der Befragten kennt offenbar Literatur, die die Schutzwirkung dieser Masken widerlegt. Somit scheinen mehr als die Hälfte der Befragten überhaupt keine Literatur zu dem Thema zu kennen.

Als wichtige Parameter für die Entscheidung zur Lockerung der aktuellen Restriktionen gab die große Mehrheit (89 Prozent) der Befragten die Anzahl der Neuinfektionen an. Fast ebenso viele (86 Prozent) sehen die Verfügbarkeit von Beatmungsgeräten, Intensivbetten und Schutzkleidung als wichtigen Indikator, und 75 Prozent nannten die Reproduktionszahl eine wichtige Größe bei der Entscheidung, Maßnahmen eventuell zu lockern (Lesen Sie hier mehr zur Aussagekraft der Reproduktionsrate).

67 Prozent der Befragten sind der Umfrage zufolge mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung zufrieden. 61 Prozent befürworten das Krisenmanagement des Robert Koch-Instituts (RKI), was bemerkenswert ist, nachdem das Institut in den vergangenen Wochen mehrfach in die Kritik geraten war - zuletzt, als es entschied, seine wöchentlichen Pressebriefings einzustellen.

Die Berichterstattung in den Medien wird der Umfrage zufolge auch zunehmend kritisch gesehen: Während die Experten vor einem Monat die mediale Berichterstattung zum großen Teil (80 Prozent) noch als sachlich und angemessen erachteten, sank diese Zustimmung nun auf 59 Prozent. Ebenso viele betitelten die Berichterstattung der Medien als "sensationslüstern".

Die Befürchtungen um die wissenschaftliche Meinungsfreiheit hängen Schindler zufolge auch mit der Beurteilung der Berichterstattung zusammen. "Es ist auch Sache der Medien, die Experten richtig zu zitieren und Aussagen nicht aus dem Kontext zu reißen", sagt der Virologe. Die Zahlen der Befragten, die von ihrem Arbeitgeber dazu angehalten wurden, sich nicht öffentlich zu Sars-CoV-2 zu äußern, sind jedoch in der Umfrage gering (14 und 10 Prozent). Schon mehr gaben an, Angst zu haben, berufliche Nachteile zu erleiden, falls ihre Meinung nicht der "Mehrheitsmeinung" entspricht (19 Prozent).

Doch gerade das sei wichtig, so Schindler: "Wir brauchen Debatten zu unterschiedlichen Themen und einen konstruktiven Diskurs", sagt er. "Diese müssen von Experten verschiedener Fachdisziplinen geführt werden. Die Aufgabe der Virologen in dieser Gemengelage ist die kritisch analytische Beurteilung des Virus, seiner Ansteckungsgefahr und seiner Pathogenität, vor allem auch im Vergleich zu anderen Virusinfektionen."