Coronavirus-Variante B.1.1.7 Was macht die Virusmutante mit Kindern?

Erste Hinweise legen nahe, dass sich die neue Variante des Coronavirus unter Kindern besonders ausbreiten könne. Das würde Schulöffnungen erschweren. Doch es gibt noch ein grundlegenderes Problem.
Schulkind: Studien aus der ganzen Welt zeigen, dass die Öffnung von Schulen die Ausbreitung des Virus befördert

Schulkind: Studien aus der ganzen Welt zeigen, dass die Öffnung von Schulen die Ausbreitung des Virus befördert

Foto: Justin Paget / Getty Images

Die neue Coronavirus-Variante B.1.1.7, die erstmals in Großbritannien nachgewiesen wurde, bereitet Experten weltweit Sorge. Sie könnte so viel ansteckender sein als bisherige Linien des Virus, dass es mit den aktuellen Maßnahmen zwar noch gelingen würde, die Ausbreitung etwas zu verringern, aber noch schwerer werden würde, die Fallzahlen zu senken.

Besondere Sorge bereiten Forschern in diesem Zusammenhang auch erste Hinweise, dass Kinder noch anfälliger für die neue Viruslinie sein könnten als Erwachsene. Dann würde die Wiedereröffnung von Schulen und möglicherweise auch der Regelbetrieb von Kitas zum besonderen Risiko. Denn fest steht: Zurückdrängen lässt sich die neue Viruslinie nur, wenn die Fallzahlen insgesamt drastisch reduziert werden (mehr dazu lesen sie hier ).

Allerdings sind die konkreten Belege für eine stärkere Ausbreitung von B.1.1.7 unter Kindern bislang noch dünn.

Experten der britischen New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group (Nervtag) berichteten kürzlich , dass während des November-Lockdowns in Großbritannien immer häufiger Infektionen mit Sars-CoV-2 bei Kindern registriert wurden. Laut einer groß angelegten Untersuchung in Großbritannien  grassierte das Virus unter den 11- bis 16-Jährigen zwischen November und Anfang Dezember beispielsweise so stark wie sonst in keiner Altersgruppe.

Minimaler Unterschied

Das betraf sowohl die neue Mutation des Virus, die erstmals in Proben von Ende September 2020 nachgewiesen wurde , als auch frühere Linien. Bei Kindern unter 15 Jahren war der Anteil der B.1.1.7-Mutation aber etwas höher als in anderen Gruppen, erklärten Vertreter der Nervtag. Die Experten zweifeln allerdings, ob der Befund aussagekräftig ist: Der Unterschied war so gering, dass er auch zufällig entstanden sein könnte.

Dass sich das Infektionsgeschehen während des Lockdowns im November in Großbritannien in Richtung der Schulen verschieben würde, überraschte Forscher nicht. Die Einrichtungen blieben in der Zeit geöffnet. Das Virus hatte also vor allem dort die Möglichkeit, neue Wirte zu finden.

Risiko Schule

Die Experten verwiesen dennoch explizit darauf, dass sie bislang nicht davon ausgehen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 speziell Kinder angreift oder besonders in der Lage ist, diese zu infizieren. Dass sie durchaus eine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, ist inzwischen aber klar.

So wunderte sich etwa die Epidemiologin Deepti Gurdasani von der Queen Mary University in London auf Twitter über die aktuelle Debatte zum Zusammenhang zwischen Infektionen bei Kindern und der neuen Variante B.1.1.7. Belege aus mehr als 200 Staaten zeigten inzwischen, dass Schulöffnungen die Virusausbreitung begünstigen, schrieb sie.

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Zu sehen sei eine erhöhte Prävalenz von Infektionen nach Schuleröffnungen mit einem Abfall über die Ferien. »Schulen haben weltweit und in Großbritannien erheblich zum Infektionsgeschehen beigetragen«, erklärte Gurdasani auch gegenüber dem SPIEGEL (den Text lesen sie hier ). Zwei- bis zwölfjährige Kinder trügen das Virus neuen Analysen zufolge deutlich häufiger in Haushalte als Erwachsene.

Das könnte auch damit zusammenhängen, dass sie in der Schule mehr Kontakte haben und damit mehr Gelegenheit, sich zu infizieren. Inwieweit Kinder zur Ausbreitung des Virus beitragen, werde durch eine Kombination mehrerer Faktoren bestimmt, so Gurdasani: Der Frage, wie anfällig sie für Infektionen sind, wie häufig sie Gelegenheit haben, sich anzustecken, und wie ansteckend sie selbst sind.

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So könnten Kinder individuell zwar weniger anfällig für eine Infektion sein, aber in Situationen mit hohen Kontaktraten immer noch hohe Infektionsraten aufweisen. »Paradoxerweise haben ausgerechnet die Menschen, die über das Wohlergehen von Kindern und die Notwendigkeit einer ununterbrochenen Bildung sprechen, Narrative unterstützt, die zu einer Politik mit erheblichen Auswirkungen für Kinder, Familien und die gesamte Gemeinschaft geführt haben«, so die Expertin.

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Gefährliche Ignoranz

Gurdasani bemängelt, dass die eindeutigen Belege für einen Einfluss von Schulöffnungen auf die Pandemie ignoriert worden seien. Wären Schulen in Großbritannien in den vielen Monaten der Pandemie sicherer gemacht worden, stünde man nun nicht an dem Punkt, Fernunterricht machen zu müssen.

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Unabhängig vom Auftreten der neuen Variante B.1.1.7 fordert sie eine Abkehr von den alten Mustern. Fehler in der Vergangenheit müssten anerkannt und eine Strategie erarbeitet werden, wie es nach der Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen weitergehen kann. Gelinge das nicht, seien es die Kinder, die eigentlich alle schützen wollen, die am meisten leiden werden.

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