Feststellung von Todesursachen Russlands fragwürdige Covid-19-Statistik

Über 200.000 Corona-Infizierte, aber nur 1800 Tote: Mit einer Sterberate von knapp einem Prozent liegt Russland weit unter den Quoten anderer Länder. Das könnte an einem einfachen Trick liegen.
Frau im russischen St. Petersburg vor einer Lenin-Statue

Frau im russischen St. Petersburg vor einer Lenin-Statue

Foto: Dmitri Lovetsky/ picture alliance/dpa

Während die Zahl der bestätigten Coronafälle in Russland mit rund 200.000 einen neuen Höchststand erreicht hat, bleibt die offizielle Zahl der Todesopfer mit gut 1800 im Vergleich zu anderen Ländern erstaunlich niedrig. Dafür machen russische Regierungsvertreter die hohe Testrate verantwortlich, mehr als fünf Millionen Virus-Untersuchungen wurden demnach inzwischen vorgenommen. Die Hauptstadt Moskau ist mit mehr als 100.000 Infizierten und mehr als tausend Toten am stärksten betroffen. Die Ausgangssperre war dort zuvor bis Ende Mai verlängert worden.

Kritiker verweisen hingegen auf die fragwürdige Feststellung von Todesursachen bei den Opfern. "Wenn jemand an einem Herzinfarkt stirbt, aber auch Covid-19 diagnostiziert wurde, dann ist die offizielle Todesursache der Herzinfarkt", sagt Sergej Timonin vom Internationalen Laboratorium für Bevölkerung und Gesundheit an der Moskauer Higher School of Economics (HSE). "Mit anderen Worten: Nicht alle Todesfälle von Personen mit Corona werden als Todesfälle durch Corona gelistet."

Fehleinschätzungen in beide Richtungen

Das Problem ist bekannt, nur wird es in anderen Ländern oft andersherum gehandhabt, so auch in Deutschland. In Hamburg etwa werden alle Menschen, die zum Todeszeitpunkt eine Sars-CoV-2-Infektion hatten, als "Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen" erfasst. Das könnte die Statistik hierzulande dahingehend verfälschen, dass wir die Zahl der Todesfälle noch überschätzen. Die angenommene Todesrate liegt in Deutschland bei rund vier Prozent.

Anders in Russland: Das Land lag am Samstag mit fast 198.700 bestätigten Infektionen weltweit an fünfter Stelle bei der Pandemie. Gleichzeitig gab es nur 1827 gemeldete Todesfälle - eine Quote von unter einem Prozent. Diese ist damit weit niedriger als in den zehn am meisten betroffenen Ländern.

Zweifel an den russischen Zahlen

Viele Russen zweifeln die Zahlen deshalb auch an. Daraufhin betonten das Gesundheitsministerium und die zuständige Aufsichtsbehörde, die Zahlen spiegelten die schnelle Reaktion des Landes auf die Pandemie wider. In einer Erklärung hieß es, Russland stehe mit inzwischen mehr als fünf Millionen Tests weltweit an zweiter Stelle hinter den USA.

So könnten "Patienten mit leichtem Verlauf als auch solche ohne Symptome identifiziert und schnell isoliert werden", was die Ausbreitung des Virus in der Öffentlichkeit und bei bestimmten Risikogruppen deutlich verringert habe.

Obwohl es Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit gibt, sind Virustests in Moskau bei privaten Laborunternehmen und Kliniken weitverbreitet. Seit Ende April bietet der Internetgigant Yandex auch kostenlose Tests für zu Hause an.

Senioren sollen zu Hause bleiben

Ein Vertreter der Aufsichtsbehörde teilte anonym mit, die niedrige Infektionsrate der über 65-Jährigen zeige den Erfolg der russischen Strategie. Vor allem in Moskau wurde schon Mitte März angeordnet, dass Senioren über 65 zu Hause bleiben sollten.

"Russland hat sein Bestes gegeben, den Höhepunkt der Epidemie hinauszuzögern", betont auch der Infektiologe und Regierungsberater Jewgeni Timakow. "Wir haben unsere Grenzen geschlossen und sofort mit der Beobachtung der Infizierten begonnen." Damit habe man ein paar Wochen gewonnen, "um Risikopatienten zu isolieren und Krankenhausbetten zu organisieren". Die endgültige Sterberate werde "ein Drittel der europäischen" betragen, sagte er voraus.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Todesursache nachträglich geändert

Doch die fehlende Transparenz bei den Todesursachen lässt Zweifel aufkommen. Örtliche Medien berichteten über Fälle, bei denen als Todesursache Lungenentzündung angegeben wurde, obwohl der Verstorbene positiv auf Corona getestet worden war.

So auch bei Anastasia Petrowa: Die 36-jährige Journalistin verstarb am 31. März in Perm im Ural. Als Todesursache wurde "doppelseitige Lungenentzündung" festgehalten. Dies wurde erst auf Covid-19 geändert, als eine ihrer Freundinnen öffentlich von einem positiven Test kurz vor ihrem Tod berichtete.

Den ersten Corona-Todesfall, eine 79-jährige Frau, gab Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin am 19. März bekannt. Noch am selben Tag revidierten die Behörden diese Darstellung: Todesursache sei laut Autopsie ein Blutgerinnsel und nicht das Coronavirus.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Timonin von der Moskauer HSE erklärt, in Russland werde die Todesursache erst nach der Autopsie bestimmt. "Erst Ende Mai, wenn die April-Statistik herauskommt, werden wir die wahre Todeszahl von Covid-19 in Russland kennen."

hei/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.