Wöchentliches Psychogramm Sieben von zehn Menschen rechnen mit einer zweiten Corona-Welle

In Deutschland geht eine große Mehrheit davon aus, dass sich das Coronavirus erneut unkontrolliert ausbreiten wird. Gleichzeitig werden die Menschen allmählich nachlässiger mit den Schutzmaßnahmen.
Fußgängerzone in Köln Anfang Mai

Fußgängerzone in Köln Anfang Mai

Foto: Marius Becker/ DPA

Ungefähr 95 Prozent der Menschen in Deutschland haben schon davon gehört, dass es eine zweite Corona-Welle geben könnte, 70 Prozent halten sie für wahrscheinlich oder eher wahrscheinlich. Das ist das Ergebnis der aktuellen Cosmo-Befragung  von Forschern um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt.

Demnach rechneten mehr Menschen mit einer zweiten Infektionswelle in den nächsten sechs Monaten als in der vorangegangenen Untersuchung. Die meisten Befragten erwarten einen erneuten, unkontrollierten Ausbruch in zwei Monaten.

Auch die Sorge, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte, ist erstmals seit mehr als zwei Monaten wieder leicht gestiegen.

Betsch und Kollegen haben die Cosmo-Studie zusammen mit dem Robert Koch-Institut (RKI) und anderen Partnern entwickelt. Jede Woche befragen sie gut 1000 Menschen in Deutschland zu Themen rund um die Corona-Pandemie und versuchen, daraus die Stimmung der Deutschen in der Krise zu ermitteln. Dutzende weitere Länder haben die Methode bereits übernommen. 

Öffentliche Orte werden wieder häufiger besucht

In Deutschland sinkt laut der aktuellen Auswertung die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung und damit auch die Akzeptanz der Maßnahmen. Mehr als ein Drittel der Befragten hält es demnach für (eher) unwahrscheinlich, sich bei Treffen mit haushaltsfremden Personen, beim Einkaufen, beim Arzt oder außer Haus anzustecken.

Selbst einfache Schutzmaßnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten würden etwas seltener ergriffen als vergangene Woche, so die Forscher. Generell ist die Zustimmung aber immer noch hoch.

So gaben zuletzt 79 Prozent der Befragten an, häufig oder immer eine Maske getragen zu haben, um Ansteckungen anderer zu vermeiden. Mehr als 85 Prozent der Befragten halten sich nach eigenen Angaben weiterhin an die Abstandsregeln, waschen sich häufig oder immer mindestens 20 Sekunden die Hände und verzichten auf private Feiern.

Verdeutlichen, wozu die Maßnahmen gut sind

Öffentliche Orte meiden inzwischen allerdings nur noch gut 73 Prozent der Befragten verlässlich. Als danach vor sieben Wochen, am 24. März, zum ersten Mal gefragt wurde, waren es noch fast 90 Prozent. Dass die Menschen in Deutschland wieder mobiler werden, zeigt auch eine Auswertung anonymisierter Mobilfunkdaten.

Auffällig in der Befragung ist, dass 64 Prozent der Menschen, also eine gute Mehrheit, bei Symptomen nicht in Selbstquarantäne geht. Möglicherweise lässt sich das Ergebnis aber auch darauf zurückführen, dass die Symptome unspezifisch sind und Menschen etwa bei einer leichten Erkältung nicht reagieren, bei Fieber und Husten dann aber schon.

Es müsse weiterhin verdeutlicht werden, dass die Maßnahmen dem Schutz von anderen und zur Aufrechterhaltung der bisher erreichten Freiheitsgrade dienten, so die Wissenschaftler.

Die meisten Befragten finden weder Maßnahmen noch Lockerungen übertrieben

Mit den zuletzt gefällten politischen Entscheidungen scheint der Großteil der Befragten zufrieden zu sein. Mehr als 40 Prozent halten weder die Lockerungen noch die weiter geltenden Schutzmaßnahmen für übertrieben. Gute 30 Prozent sorgen sich, dass zu stark gelockert wurde. Nur gut 20 Prozent halten die Maßnahmen für übertrieben.

Dabei zeigte sich, dass sich diejenigen, die die Maßnahmen ablehnen, in wesentlichen Punkten von den anderen beiden Gruppen unterscheiden.

"Dieses Fünftel der Befragten ist schlechter informiert, vertraut den Behörden weniger, nimmt den Ausbruch als einen Medien-Hype wahr und hängt eher Verschwörungstheorien an", schreiben die Forscher. Außerdem handele es sich häufiger um Personen mit Existenzängsten. Männer sind etwas häufiger vertreten als Frauen.

Die Position der Menschen müsse ernst genommen werden, schreiben die Forscher. Zudem sollten Maßnahmen etabliert werden, die die Kluft zwischen Arm und Reich zu adressieren - "hier macht sich diese Gruppe besondere Sorgen".

Ablehnung der offiziellen Sichtweise

Zehn Prozent der Befragten gehen in ihrer Gegenposition so weit, dass sie gleichzeitig an zwei sich widersprechende Verschwörungstheorien glauben, nämlich das Coronavirus sei menschengemacht und ein Schwindel.

"Anhängern von Verschwörungstheorien scheint es weniger um die absolute Überzeugung von einer Ansicht zu gehen als um die Ablehnung einer offiziellen Sichtweise", schreiben die Forscher. "Einige scheinen wirklich große Angst um ihre Lebensgrundlage zu haben", so Betsch im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Insgesamt ist die Akzeptanz für Maßnahmen, die stark in die Rechte der Menschen eingreifen, in den vergangenen beiden Wochen etwas gesunken. Dass Demonstrationen gestattet sein sollten, fordern weiterhin aber nur wenige, allerdings etwas mehr als noch Ende April.

Geringe Bereitschaft bei der App und beim Impfen

In vielen Bereichen ist weiterhin Aufklärung nötig. Obwohl in der Umfrage in dieser Woche etwa erklärt wurde, wie die Corona-Warn-App funktionieren soll, war weniger als die Hälfte der Befragten bereit oder eher bereit, sich "eine datenschutzkonforme App zu installieren".

Nach Meinung von Experten müssten jedoch rund zwei Drittel der Bevölkerung die App nutzen, um damit Infektionsketten nachvollziehen zu können. Derzeit geht die Bundesregierung davon aus, dass die App Mitte Juni fertiggestellt wird.

Skepsis gibt es auch beim Thema Impfen. Die Bereitschaft, sich gegen Covid-19 immunisieren zu lassen, wenn es eine Impfung gäbe, hat seit Mitte April abgenommen.

Damals gaben noch 79 Prozent der Befragten an, dass sie sich (eher) gegen die neue Krankheit impfen lassen würden. In dieser Woche waren es nur noch 64 Prozent. Auch die Zustimmung zu einer Impfpflicht mit Blick auf das Coronavirus ist seither etwas gesunken, aber weiter vorhanden.

Bereit, sich impfen zu lassen, sind demnach eher Menschen, die Infizierte im persönlichen Umfeld haben.

Eine Impfquote von 64 Prozent würde auch bei einem perfekt wirksamen Impfstoff nicht reichen, um die Ausbreitung des neuen Virus zu stoppen. Lediglich das exponentielle Wachstum ließe sich damit aufhalten.

Ohne andere Schutzmaßnahmen würde statistisch jeder Infizierte dann im Schnitt weiterhin eine weitere Person anstecken. Vorerkrankte Menschen, die sich gern impfen lassen würden, es aus gesundheitlichen Gründen aber nicht können, wären die Leidtragenden. (Mehr zum Thema Impfung lesen Sie hier.)

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