Coronakrise Kita-Öffnung - eine riskante Rechnung mit drei Unbekannten

Viele Eltern fordern, Kitas und Schulen schnell zu öffnen. Dabei ist bislang wenig erforscht, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung der Pandemie spielen. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.
In Deutschland wurden mindestens hundert Kinder mit Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt

In Deutschland wurden mindestens hundert Kinder mit Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt

Foto:

vgajic/ Getty Images

"7 Tage die Woche, 24 Stunden quasi auf Abruf stehen - wie soll das gehen?" Selten erreichten den SPIEGEL so emotionale Leserbriefe wie nach dem Vorschlag der Wissenschaftsakademie Leopoldina, Kindergärten bis zum Beginn der Sommerferien zu schließen. "Bis September Homeoffice mit zwei kleinen Kindern?", fragt eine Leserin. "Psychisch und physisch nicht zu meistern."

Und nicht nur Eltern leiden: Kinder können ihre Freunde nicht sehen, verpassen Schulstoff, einige müssen mit der ganzen Familie in beengten Wohnungen ausharren. Seit die Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus etwas gelockert wurden, häufen sich Forderungen nach der Wiedereröffnung von Kitas. Doch die Entscheidung wäre eine riskante Rechnung mit drei entscheidenden Unbekannten.

Unbekannte 1: Wie ungefährlich ist Corona für Kinder wirklich?

Das Hauptargument für eine Wiedereröffnung: Für Kinder ist Covid-19 kein Problem. Tatsächlich zeigt eine Studie, dass sie sich ähnlich häufig anstecken könnten wie Erwachsene, aber nicht krank werden. Das heißt jedoch nicht, dass eine Erkrankung für Kinder gänzlich ungefährlich ist.

In Deutschland wurden in den vergangenen fünf Wochen mindestens hundert Kinder im Krankenhaus behandelt, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Das zeigt ein vor Kurzem eingerichtetes Online-Meldesystem  der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI ). Die gut 350 Kinderkliniken in Deutschland sind jedoch nicht verpflichtet, Corona-Fälle an das Register zu melden. Die wahre Zahl dürfte deshalb höher liegen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Laut Robert Koch-Institut (RKI)  haben sich nachweislich 3904 Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren mit dem Coronavirus infiziert. Das entspricht etwa drei Prozent aller bekannter Fälle. Wie viele davon schwer erkrankten, geht aus der Statistik nicht hervor.

Das DGPI-Register ist deshalb eine der umfangreichsten Erhebungen zu Corona-Infektionen bei Kindern in Deutschland. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Vor allem Neugeborene sind betroffen. 14 Prozent der positiv auf das Coronavirus getesteten Kinder waren höchstens vier Wochen alt. Ob sie auch die schwersten Symptome entwickeln oder vorsorglich stationär behandelt werden, ist unklar. Doch auch bei dokumentierten Corona-Infektionen bei Kindern in China waren vor allem Säuglinge betroffen.

  • Elf Prozent der Kinder im Krankenhaus mussten intensivmedizinisch behandelt werden.

  • Ein Kind, das positiv getestet wurde, ist gestorben. Zum Alter und möglichen Vorerkrankungen ist jedoch nichts bekannt. Die DGPI teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, keine Angaben dazu machen zu wollen, um die Identität des Kindes und seiner Familie zu schützen. In der aktuellen Statistik des Robert Koch-Instituts taucht das Kind nicht gesondert auf. Dort werden alle Todesfälle zusammen erfasst, die Menschen unter 60 Jahren betreffen.

  • Kinder entwickelten häufiger eine Infektion der oberen Atemwege. Lungenentzündungen waren im Vergleich zu erwachsenen Covid-19-Patienten selten. Zu den häufigsten Symptomen gehörten außerdem Fieber, Bronchitis und Durchfall oder Erbrechen. Nur bei drei Kindern kam es zu einem akuten Lungenversagen. Zudem hatte jedes vierte Kind auf der Intensivstation eine Vorerkrankung.

Die Daten zeigen, dass eine Corona-Infektion bei Kindern meistens harmlos verläuft, aber eben nicht immer.

Unbekannte 2: Wie viele Kinder sind schon immun?

Laut einer aktuellen Analyse  haben sich in den USA deutlich mehr Kinder mit dem Coronavirus infiziert als gedacht. Demnach könnten sich allein zwischen Mitte März und Anfang April mehr als 176.000 Kinder angesteckt haben.

Für die Analyse hatten Forscher der University of Florida abgeschätzt, wie viele milde Fälle es im Verhältnis zu dokumentierten schweren Erkrankungen geben müsste. Sie gehen davon aus, dass nur 0,04 Prozent der tatsächlich infizierten Kinder ernsthaft krank werden. Das würde bedeuten, dass auf jedes Kind, das intensivmedizinisch betreut wird, 2381 weitere kommen müssten, die sich mit dem Virus angesteckt haben.

In Deutschland mussten laut dem DGPI Register elf Kinder mit Corona auf die Intensivstation. Nach der Rechnung der US-Forscher müssten sich also mindestens 26.000 Kinder in Deutschland bereits mit dem Coronavirus angesteckt haben, um die schweren Verläufe zu erklären – sechsmal mehr als in der Statistik des RKI auftauchen. Gemessen an den etwa 3,5 Millionen Kitakindern wären es dennoch wenig.

Und: Im Moment kann niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Kinder sich tatsächlich angesteckt haben. Die vom RKI angekündigten Tests auf Antikörper, die eine überstandene Infektion zuverlässig anzeigen, könnten die Zahl um ein Vielfaches nach oben oder unten korrigieren. Die ersten Ergebnisse werden im Mai erwartet.

Unbekannte 3: Wie ansteckend sind Kinder?

Experten sind sich einig, dass die Betreuung durch die Großeltern die denkbar schlechteste Alternative zur Kita-Betreuung ist, da gerade ältere Menschen oft schwer an Covid-19 erkranken. Doch sind Kinder tatsächlich Corona-Schleudern? Das ist bislang nicht belegt.

Die ersten positiv getesteten Kinder in Deutschland hatten keine Symptome. Bei ihnen konnte das Virus nur über vergleichsweise kurze Zeit in den Atemwegen nachgewiesen werden. Danach konnten sie wahrscheinlich niemanden mehr durch Husten, Niesen oder Sprechen anstecken.

Allerdings schieden die Kinder bis zu sechs Wochen lang Virenbruchstücke über ihren Stuhl aus, deutlich länger als Erwachsene. Die nachgewiesenen Viren ließen sich im Labor jedoch nicht vermehren. Das spricht dafür, dass die Kinder nicht infektiös waren. In Frankreich steckte ein positiv getestetes neunjähriges Kind offenbar niemanden mit dem Coronavirus an. Tests auf das Coronavirus bei allen 172 Kontaktpersonen des Kindes fielen negativ aus, selbst bei den Geschwistern des Kindes.

Von anderen Infektionskrankheiten ist allerdings bekannt: Kinder treiben Ansteckungswellen an. Das RKI hält es für plausibel, dass sie auch bei der Corona-Pandemie eine Rolle spielen. Schließlich ist das Virus leicht übertragbar, selbst wenn noch keine Symptome auftreten. Und Kinder buddeln Seite an Seite im Sandkasten, trinken aus einer Flasche, die Nies- und Husten-Etikette beherrschen wohl nur die wenigsten.

Das RKI empfiehlt deshalb auch für Kinder:

  • Mindestens 1,5 Meter Abstand zu anderen halten

  • Treffen von maximal zwei Personen

  • Kinder, die keinen Abstand halten können, sollten zu Hause bleiben – ebenso kranke Kinder

  • Die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, ist drinnen höher als draußen

Doch selbst wenn Kinder sich selbst und andere anstecken können: Geht von ihnen eine größere Gefahr aus als von Friseursalons und Läden bis 800 Quadratmetern, die nun wieder öffnen dürfen?

Daten aus Island legen nahe, dass Kitas keine Treiber der Pandemie sind . Dort sind zwar Versammlungen mit mehr als 20 Menschen verboten, Schulen und Kindergärten blieben aber weitgehend geöffnet. Trotzdem gibt es bisher nur wenig bekannte Infektionen.

In einer aktuellen Untersuchung waren 13.000 Isländer auf eine aktive Infektion mit dem Coronavirus getestet worden, unabhängig von Symptomen. Ergebnis: 0,6 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer trugen das Virus in sich. Aber kein Kind unter zehn Jahren, bei Kindern ab zehn Jahren lag der Wert bei 0,8 Prozent.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stecken sich Kinder meist bei Erwachsenen an, Erwachsene hingegen selten bei Kindern. Für diese These sprechen auch die ersten Daten zu schweren Covid-19-Verläufen bei Kindern in Deutschland. Mehr als 80 Prozent der Kinder infizierten sich bei Eltern oder anderen Familienmitgliedern, teilte Kinderarzt Reinhard Berner auf SPIEGEL-Anfrage mit. Er ist einer der Initiatoren des Meldesystems und Direktor der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dresden. Andere Erhebungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Laut Berner ist die Versorgung von jungen Covid-19-Patienten nicht das große Problem. Im Moment gibt es ausreichend Kapazitäten, sagte er der "Apothekenumschau" . Andere Atemwegserkrankungen sind bei Kindern aggressiver. Schwierig kann es jedoch werden, wenn die Corona-Epidemie ausgerechnet im Herbst ihren Höhepunkt erreicht, wenn typischerweise andere Infektionskrankheiten grassieren und die Kinderkliniken auch ohne Corona ausgelastet sind.

Sollten die Kitas also besser jetzt geöffnet werden als im Herbst?

Ein Zusammenschluss von 43 Wissenschaftlerinnen fordert genau das und lehnt einen pauschalen Shutdown für jüngere Kinder ab . Sie stellen sich damit gegen die Empfehlung der Leopoldina, Kitas bis zu den Sommerferien zu schließen. Die Forscherinnen schlagen stattdessen kleinere Gruppen vor oder kürzere Betreuungszeiten. (Worauf es bei der Kita-Öffnung ankommt, lesen Sie hier.)

Ein Vorbild könnte Norwegen sein. Nach einem Monat Pause sind die Kitas dort nun wieder geöffnet, allerdings werden die Kinder nur in kleinen Gruppen betreut. In der kommenden Woche sollen die Grundschulen nach einem ähnlichen Muster ebenfalls geöffnet werden. Unklar ist jedoch, ob sich Eltern von dem Konzept überzeugen lassen. In einer Umfrage wollte jeder Vierte in Norwegen sein Kind nicht zur Kita schicken.

Fazit: Solange die entscheidenden Corona-Fragen bei Kindern noch unbeantwortet sind, bleibt auch bei Kitas wohl nur eine Öffnung in Trippelschritten.