Antikörpertherapie gegen das Coronavirus Rettendes Blut

Antikörper im Blut von Genesenen können andere vor einer Erkrankung schützen. Der alte Therapieansatz soll nun auch Corona-Patienten helfen. Was Wissenschaftler über die Wirksamkeit wissen.
Zentrifuge für Blutproben: Das Plasma von Genesenen enthält Antikörper

Zentrifuge für Blutproben: Das Plasma von Genesenen enthält Antikörper

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Rupert Oberhaeuser/ imago images

Strömt das Blut von Friedrich Merz bald durch die Venen von Covid-19-Patienten? Der CDU-Politiker ist positiv auf das Coronavirus getestet worden und hatte nach eigenen Angaben nur leichte Symptome. In seinem Körper dürften sich mittlerweile Antikörper gegen das Virus befinden, die per Bluttransfusion anderen helfen könnten, die Krankheit zu besiegen.

Eine solche "passive Immunisierung" war schon bei vorherigen Epidemien erfolgreich. Bei der Spanischen Grippe , die zwischen 1918 und 1920 weltweit mehr als 50 Millionen Menschen tötete, konnte die Therapie die Sterblichkeit um ein Fünftel senken. Nun wollen Forscherteams weltweit den Ansatz auch bei Covid-19-Patienten erproben.

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Mehrere deutsche Hochschulen suchen für entsprechende Studien derzeit nach Freiwilligen, die eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben. Und genau da kommt Merz ins Spiel. "Wenn ich bis Dienstag frei von Symptomen bleibe", schrieb er bei Twitter, "werde ich mich mit den Medizinern des Universitätsklinikums Münster in Verbindung setzen." Für den Anwärter auf den CDU-Vorsitz und damit auch potenziellen Kanzlerkandidaten  mag das willkommene PR sein, für Mediziner ein Grund zur Hoffnung.

In einer aktuellen Studie im Fachblatt "Jama"  beschreiben chinesische Ärzte, wie sie fünf Patienten in Shenzhen mit Spenderblut therapierten. Unabhängige Experten aus den USA werten dies als einen ersten Erfolg.

Die Empfänger waren zwischen 36 und 65 Jahren alt und so schwer an Covid-19 erkrankt, dass sie künstlich beatmet werden mussten. Medikamente hatten ihren Zustand nicht merklich gebessert. Erst als sie das Blutplasma von Genesenen bekamen, zeigten sich Fortschritte.

Innerhalb von drei Tagen normalisierte sich ihre Körpertemperatur, auch die Lungenfunktion verbesserte sich deutlich. Bei einem Patienten konnten schon nach einem Tag keine Coronaviren mehr nachgewiesen werden, die übrigen waren spätestens zwölf Tage nach Therapiebeginn virenfrei. Drei der Patienten konnten das Krankenhaus mittlerweile verlassen. Zwei weitere müssen noch beatmet werden.

Das neuartige Coronavirus fällt über Eiweiße, sogenannte Spike-Proteine, in menschliche Zellen ein und bringt diese dazu, millionenfache Kopien des Erregers zu produzieren, die weitere Zellen angreifen. Das Immunsystem bemerkt die Eindringlinge und produziert Antikörper, die das Spike-Protein blockieren und das Virus dadurch unschädlich machen.

Bei einer Infektion mit dem Coronavirus dauert es im Schnitt sieben Tage, bis solche Antikörper nachweisbar sind. Auch nach der Erkrankung kursieren sie weiter im Blut, für den Fall, dass das Virus zurückkommt.

Genau das macht sich die Plasmatherapie zunutze. Wird das Blut von Genesenen auf andere übertragen, die die Krankheit noch nicht durchgemacht haben, muss deren Immunsystem die Antikörper nicht erst bilden, sondern kann den Erreger gleich abwehren. Die Empfänger bleiben gesund oder erholen sich schneller.

Der Vorteil: Ein Impfstoff muss nicht aufwendig neu entwickelt werden, das Blut der Genesenen enthält ihn von Natur aus. Dass das Coronavirus über Bluttransfusionen weitergegeben werden kann, schließen Experten dagegen derzeit aus.

Ob das Prinzip auch bei Covid-19 funktioniert, ist nicht sicher. Selbst die aktuelle Studie aus China ist kein Nachweis. Dafür ist die Zahl der Teilnehmer zu gering. Außerdem gab es keine Vergleichsgruppe, die ebenfalls schwer erkrankt war. Mediziner können deshalb nicht mit Sicherheit sagen, ob sich die Patienten auch ohne die Therapie erholt hätten.

Für die Wirksamkeit spricht allerdings, dass nach der Infusion die Antikörper-Konzentration im Blut der Patienten auf ein Level anstieg, das ausreichend sein dürfte, um das Virus zu neutralisieren. Und tatsächlich ging die Viruslast nach kurzer Zeit zurück.

Auch in Deutschland sind Studienreihen geplant, die die Therapie an Covid-19-Patienten testen sollen. Im Gegensatz zu einer kompletten Blutspende wird nur der flüssige Bestandteil des Blutes abgezapft, das sogenannte Blutplasma. Da es kaum Blutkörperchen enthält, ist es gelblich und nicht rot. Das Blutplasma kann schnell vom Körper nachgebildet werden, eine Spende ist deshalb häufiger möglich als bei einer Blutspende.

Wie hoch die Dosis genau sein muss, damit sich genügend Antikörper übertragen, ist jedoch unklar. In ersten Versuchen setzen Mediziner deshalb auf große Mengen. In Deutschland sind Studien geplant, bei denen leicht an Covid-19 Erkrankte einen Viertelliter Blutplasma eines Spenders bekommen. Zum Vergleich: Masernkranke erhielten nur zehn Milliliter.

In den USA dürfen bereits schwere Fälle von Covid-19 mit Plasma behandelt werden

Chinesische Forscher haben in einer ersten Untersuchung  zwei Antikörper identifiziert, die gemeinsam besonders wirksam gegen das Coronavirus waren. Für die Analyse, die bisher noch nicht von unabhängigen Forschern bewertet werden konnte, hatten Ärzte die Antikörper von acht Patienten untersucht, die an Covid-19 erkrankt waren. Je nachdem, welche Krankheiten diese durchgemacht haben, unterschieden sich die im Blut zirkulierenden Antikörper.

206 der gefundenen Antikörper reagierten auf das neuartige Coronavirus, allerdings unterschiedlich gut. Nur zwei konnten gemeinsam in nahezu hundert Prozent der Fälle das Virus hindern, in Körperzellen einzudringen. Die Forscher gehen davon aus, dass sie im Blut von weiteren Genesenen noch mehr wirksame Antikörper aufspüren können.

Wenn es gelingt, diese künstlich herzustellen, könnten sie eine Infektion mit dem Coronavirus verhindern. Experten rechnen jedoch damit, dass ein Impfstoff frühestens in einem Jahr verfügbar sein wird, wenn überhaupt.

Die Therapie mit dem Blutplasma von Genesenen könnte dagegen deutlich früher beginnen. In den USA dürfen einzelne Patienten bereits so behandelt werden, wenn sie lebensbedrohlich an Covid-19 erkrankt sind. Die US-Arzneimittelbehörde FDA macht folgende Voraussetzungen für eine Spende:

  • Die Spender sind seit mindestens 14 Tagen symptomfrei.

  • Ein Labortest auf das Coronavirus war positiv.

Zeitgleich sind in den USA wie in Deutschland Testreihen geplant, die die Wirksamkeit der Plasmatherapie systematisch prüfen sollen. Dafür kommen derzeit nur leicht an Covid-19 erkrankte Patienten infrage.

Der Grund: Die Antikörpertherapie ist vermutlich besonders in einem frühen Stadium der Erkrankung wirksam, weil die Antikörper verhindern, dass sich das Virus bis in die Lunge ausbreitet, wo es meist schwere Krankheitsverläufe verursacht. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Wenn die Therapie mit Blutplasma die Krankheit abschwächt, so die Hoffnung von Medizinern, werden auch weniger Beatmungsplätze benötigt.

Wann die ersten Spenden einsatzbereit sind, steht noch nicht fest. Normalerweise muss Blut sowohl direkt nach der Spende als auch vier Monate danach auf übertragbare Krankheiten wie HIV oder Hepatitis getestet werden. Erst dann dürfen sie verwendet werden.

Rainer Blasczyk von der Medizinischen Hochschule Hannover fordert, auf einen erneuten Test zu verzichten, um möglichst schnell mit den Studien beginnen zu können. Ob und unter welchen Voraussetzungen dieses Verfahren genehmigt wird, müssen nun Behörden entscheiden.

Mehr als 16.000 Menschen in Deutschland gelten inzwischen als genesen

Ein Problem könnte jedoch werden, an ausreichend Plasma zu kommen. Die meisten Länder, dazu gehört auch Deutschland, stehen erst am Anfang der Epidemie. Das heißt, die Zahl der nachweislich Genesenen ist deutlich geringer als die der Erkrankten.

Das Robert Koch-Institut schätzt, dass sich mindestens 16.100 Menschen in Deutschland von einer Infektion mit dem Coronavirus erholt haben. Um aktuell als Spender infrage zu kommen, müssen sie jedoch schon vor Wochen positiv auf das Coronavirus getestet worden sein und keine Symptome mehr zeigen. Das reduziert die Zahl weiter.

Forscher setzen deshalb auch Hoffnung in neu entwickelte Schnelltests, die Antikörper gegen das Coronavirus im Blut aufspüren können und anzeigen, ob jemand eine Infektion überstanden hat, ohne es zu bemerken und deshalb als möglicher Spender infrage kommt.

DER SPIEGEL

Selbst wenn ausreichend Spender gefunden werden, muss sich erst noch zeigen, ob die Plasmatherapie anschlägt. Bei den eng verwandten Coronaviren Sars und Mers brachten Therapien kaum Vorteile. So überlebten bei einer Studie in einer Hongkonger Klinik nur 33 der 80 Sars-Patienten, die mit Spender-Antikörpern behandelt worden waren.

Unklar ist auch, wie lange die Antikörper gegen das Virus wirken. Durch zufällige Mutationen verändern sich die Schlüsseleiweiße an der Außenhülle des Erregers, über die er in den Körper einfällt.

Auf lange Sicht könnten diese Veränderungen dafür sorgen, dass heutige Antikörper das Virus in Zukunft nicht mehr ausschalten können. Im Vergleich zu anderen Viren ist die Mutationsrate bei dem aktuell kursierenden Coronavirus jedoch eher gering. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Versuche mit Rhesusaffen haben gezeigt, dass die Tiere zumindest für einige Wochen immun gegen eine weitere Infektion waren. Über einen längeren Zeitraum lässt sich das bisher nicht sicher abschätzen, weil das Virus erst seit wenigen Monaten bekannt ist.

Auch wegen dieser Unsicherheiten wird parallel an weiteren Therapiemöglichkeiten geforscht. Eine Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  zeigt die aktuell laufenden Studien. In Deutschland sind klinische Studien mit den Wirkstoffen Hydroxychloroquin und Remdesivir genehmigt worden.

Unabhängig von der Antikörpertherapie rufen Experten zu Blutspenden auf. Durch die aktuelle Situation seien diese stark zurückgegangen. Sie werden jedoch dringend für die Behandlung von Patienten benötigt, die beispielsweise bei einem Unfall viel Blut verloren haben. Trotz der aktuell geltenden Beschränkungen können alle, die sich gesund fühlen, weiterhin Blut spenden.