Studie zu Langzeitfolgen Von Covid genesen heißt nicht immer gesund

Forscher aus den Niederlanden haben untersucht, wie es Menschen drei Monate nach ihrer Covid-19-Erkrankung geht. Selbst leicht Erkrankte können demnach unter Langzeitfolgen leiden. Aber es gibt auch gute Nachrichten.
Viele müssen auch nach drei Monaten noch weiter behandelt werden

Viele müssen auch nach drei Monaten noch weiter behandelt werden

Foto: istetiana / Getty Images

Allein in Deutschland leben mehr als 700.000 Menschen, die als Corona-Genesene gelten. Sie hatten sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert und haben es erfolgreich bekämpft. Jeden Tag kommen Tausende neue hinzu. Den meisten der Betroffenen geht es gut. Einige aber leiden auch Wochen oder Monate, nachdem das Virus aus ihrem Körper verschwunden ist, unter den Folgen der Infektion.

Das Phänomen besitzt bereits einen Namen: Long Covid. Noch ist medizinisch jedoch wenig über die Spätfolgen von Covid-19 bekannt. Niederländische Ärzte haben nun eine Studie in der Fachzeitschrift »Clinical Infectious Diseases«  veröffentlicht, für die sie Daten von mehr als hundert Erkrankten systematisch ausgewertet haben. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Lunge selbst nach schwersten Krankheitsverläufen regenerieren kann. Aber auch, dass manche leicht Erkrankte Monate später noch so starke Beschwerden haben, dass ihre Lebensqualität leidet.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie wurden in einer Ambulanz im niederländischen Nijmegen behandelt, die sich auf die Therapie von Long Covid spezialisiert hat. Eingeladen wurden alle Patienten, die nach einer Covid-Erkrankung aus der zugehörigen Klinik entlassen worden waren. Daneben konnten Hausärzte aber auch Covid-19-Erkrankte mit anfangs milden Symptomen überweisen, die sich selbst nach sechs Wochen noch nicht erholt hatten.

Die Bilanz drei Monate nach Erkrankungsbeginn

Auf diese Weise sammelten die Forscherinnen und Forscher Daten von 124 Patienten, die zwischen 45 und 73 Jahre alt waren. 97 der Teilnehmer waren im Krankenhaus behandelt worden, ein Teil davon auf der Intensivstation. Daneben werteten die Ärzte jedoch auch die Daten von 27 Personen aus, die anfangs nur leicht erkrankt waren und sich zu Hause auskuriert hatten. Zwischen dem Beginn der Erkrankung und den Untersuchungen waren im Schnitt drei Monate vergangen.

Die erste Bilanz klingt positiv: Keiner der Untersuchten hatte noch eine aktive Lungenentzündung. Selbst bei einem Großteil der 20 kritisch Erkrankten, die im Schnitt 15 Tage auf der Intensivstation verbracht hatten, hatte sich die Lunge in den Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus laut Röntgenbildern deutlich erholt.

Komplett gesund wirkte die Lunge jedoch nur auf den CT-Bildern von neun Prozent der Krankenhauspatienten. Bei 16 Prozent fiel auch drei Monate nach Beginn der Erkrankung die Sauerstoffsättigung im Blut bedenklich ab, nachdem sie sechs Minuten schnell umhergegangen waren. Viele Betroffene berichteten von anhaltenden Problemen wie Atemnot, Müdigkeit und Brustschmerzen. Mehr als ein Drittel litt unter mentalen Problemen und hatte etwa Schwierigkeiten mit der Konzentration oder dem Gedächtnis.

Diese Erfahrungen seien ähnlich wie bei anderen Patientinnen und Patienten mit akuten Lungenentzündungen, sagt Studienleiter und Lungenarzt Bram van den Borst vom Radboud University Medical Center laut einer Mitteilung . Die Genesung brauche nach solchen Belastungen grundsätzlich viel Zeit. »Es ist aber ermutigend zu sehen, dass sich die Lunge nach einer Covid-19-Erkrankung so stark erholen kann.« Anders bewerteten die Mediziner die Regeneration bei den Teilnehmern, die anfangs nur leicht erkrankt waren und von ihren Hausärzten überwiesen wurden.

Rätsel um die mild Erkrankten

Obwohl die Lungen der Betroffenen auf Röntgenbildern fast durchgehend gesund wirkten und auch die Sauerstoffwerte im normalen Bereich waren, berichteten sie teilweise sogar von stärkeren Beschwerden als die ehemaligen Krankenhauspatienten. Zu den häufigsten Problemen zählten Atemnot, Erschöpfung und – die Folge – ein Verlust an Lebensqualität. Außerdem berichtete auch in dieser Gruppe rund ein Drittel von kognitiven und psychischen Beschwerden.

»Es scheint, als gäbe es eine Untergruppe von Patienten, die anfangs zwar nur milde Covid-19-Symptome entwickeln, später aber unter anhaltenden Langzeitbeschwerden und Einschränkungen leiden«, sagt Bram van den Borst. »Bemerkenswert ist, dass wir in den Lungen dieser Patienten quasi keine Anomalien gefunden haben.«

Im Gegensatz zu den Krankenhauspatienten, bei denen jeder zur Nachuntersuchung in die Ambulanz eingeladen wurde, waren in dieser Gruppe allerdings nur Extremfälle, die aufgrund ihrer anhaltenden Beschwerden von ihren Hausärzten überwiesen wurden. Daher lässt sich mithilfe der Daten nicht abschätzen, wie viele Menschen mit anfangs milden Symptomen von den Spätfolgen betroffen sind. Auch basieren die Ergebnisse bei den mild Erkrankten bislang nur auf den Daten von 27 Betroffenen. Es sei dringend weitere Forschung mit größeren Patientengruppen nötig, schreiben die Mediziner.

»Wir befinden uns erst am Anfang, die Spätschäden von Covid-19 zu verstehen«, heißt es im Fazit der Studie.

Bisherige Studien: ähnliche Ergebnisse

Die Ergebnisse decken sich mit denen anderer kleiner Untersuchungen, die das britische National Institute for Health Research zusammengefasst hat.  Eine italienische Studie etwa analysierte die Daten von Patienten, die aus einem Krankenhaus in Rom entlassen wurden. Auch 60 Tage nach Beginn der Erkrankung berichteten 87 Prozent von mindestens einem Problem, oft von Atemschwierigkeiten, Erschöpfung, Gelenkschmerzen oder Brustschmerzen. 40 Prozent fühlten sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.

Eine britische Untersuchung aus dem September kam zu dem Schluss, dass rund zehn Prozent der Patienten mit einem eigentlich milden Verlauf, die nicht im Krankenhaus behandelt wurden, nach vier Wochen noch andauernde Beschwerden haben.

Klar ist schon heute, dass sich die medizinische Versorgung von Covid-19-Patienten oft wochen- oder monatelang hinziehen und das Gesundheitssystem zusätzlich belasten wird. Bei der aktuellen Studie schickten die Ärzte 37 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu weiteren Untersuchungen. 20 Prozent erhielten Medikamente. Bei 46 Prozent informierten die Mediziner den Hausarzt über Therapiemöglichkeiten. 40 Prozent bekamen eine Überweisung für eine Physiotherapie oder eine ähnliche Behandlung, darunter vor allem Patienten mit milden Symptomen. 16 Prozent wurden an einen weiteren Spezialisten überwiesen.

Bei Covid-19-Patienten bestehe teilweise ein erheblicher Bedarf an Gesundheits- und Sozialfürsorge, der noch zunehmen werde, wenn mehr Menschen erkranken, schreiben auch die Forscher des britischen National Institute for Health Research in ihrem Studienüberblick. »Dieser Bedarf wird wahrscheinlich auch bleiben, wenn die Pandemie schon abgeklungen ist.«