Eindämmung der Pandemie Warum Wohnzimmer-Schnelltests in Deutschland erst im März kommen

Während sich in Österreich bereits Schüler selbst auf das Coronavirus testen, sollen in Deutschland Schnelltests für Laien erst im März zugelassen werden. Wie konnte es zu der Verzögerung kommen?
Corona-Schnelltest für zu Hause: Die Herausforderung ist die richtige Probenentnahme

Corona-Schnelltest für zu Hause: Die Herausforderung ist die richtige Probenentnahme

Foto: Christopher Hopefitch / Getty Images

Wenn man Christian Lindner fragt, sollte die Bundesregierung schleunigst aufwachen. Die »gewisse Schläfrigkeit«, die sich schon beim Impfen gezeigt habe, monierte der FDP-Chef in der ARD-Sendung »Anne Will«, wiederhole sich nun bei Selbst- und Schnelltests. Tatsächlich zeigen sich gewisse Parallelen.

Während Länder wie Großbritannien und Israel bereits einen großen Teil der Menschen im Land gegen das Virus geimpft haben, rangiert Deutschland im europäischen Vergleich eher im Mittelfeld. Nun könnte die Bundesrepublik auch bei Schnelltests für zu Hause ins Hintertreffen geraten, besonders im Vergleich zu Österreich. Doch die Bundesrepublik will schnell aufholen, so plant es zumindest Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Das Ergebnis kommt schon nach 15 Minuten, der Getestete kann sich sofort isolieren

Laut einigen Experten ist die Bedeutung von Schnelltests gar mit der von Impfungen zu vergleichen, wenn es um die Eindämmung der Pandemie geht. Denn wenn sie Hochansteckende zuverlässig erkennen, könnten sie Infektionsketten zuverlässig durchbrechen und wie eine Art Covid-19-Filter funktionieren, heißt es in einem Diskussionsbeitrag im Fachblatt »New England Journal of Medicine«  von Ende November.

Zu den Autoren gehört der bekannte US-Epidemiologe Michael Mina. Dass Schnelltests nicht so zuverlässig sind wie aufwendige PCR-Tests im Labor, sieht er nicht als Problem. Hauptsache, sie liefern schnell ein Ergebnis, sind deutlich günstiger und erkennen vor allem die Infizierten, die besonders viele Viren in sich tragen und deshalb andere wahrscheinlich leichter anstecken können. Das Ergebnis kommt schon nach 15 Minuten, der Getestete kann sich sofort isolieren. Bis das Ergebnis eines PCR-Tests vorliegt, vergehen oft Tage. Wertvolle Zeit, während der sich das Virus unbemerkt ausbreiten kann.

Österreich hofft, mit umfangreichen Tests der Pandemie möglichst ohne weitere Lockdowns beizukommen. Es gibt inzwischen vielfältige Möglichkeiten, sich kostenlos testen zu lassen. Zwei Millionen Tests werden es allein in dieser Woche sein. Einen niedrigen Inzidenzwert strebt Österreich gar nicht erst an. Hauptsache, die Lage bleibt so stabil wie jetzt. Aktuell liegt die Inzidenz bei etwa 107, trotzdem wird gelockert.

Schüler können sich in Österreich bereits selbst auf das Coronavirus testen, ab März sollen die Laientests fürs Wohnzimmer kostenlos über Apotheken verteilt werden. Warum geht das nicht auch in Deutschland?

Theoretisch sind auch hierzulande Heimtests erlaubt. Das Bundesgesundheitsministerium hatte dafür eigens eine Verordnung beschlossen. In der Realität ist sie bisher nicht viel wert, denn solche Tests sind noch nicht verfügbar.

Zu groß ist die Sorge, bei der Probenentnahme könnte etwas schieflaufen und das Ergebnis so unbrauchbar werden. Bisher erhältliche Schnelltests sind deshalb medizinischem Personal vorbehalten. Zwar werben Anbieter im Internet auch für Corona-Tests für zu Hause. Wie gut diese sind, kann der Käufer jedoch kaum prüfen. Und was nützt ein Test, auf dessen Ergebnis man sich nicht verlassen kann?

Im März soll nun alles anders werden. Dann will das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ersten Corona-Heimtests eine Sonderzulassung erteilen. Etwa 30 Anträge von Herstellern liegen bereits vor.

»Schnellstmöglich geprüft und zugelassen«

Dann sollen sie laut Gesundheitsminister Spahn zu einem geringen Eigenanteil von einem Euro abgegeben werden. »Diese Tests können zu einem sicheren Alltag beitragen, gerade auch in Schulen und Kitas«, sagte Spahn. Sie würden »schnellstmöglich geprüft und zugelassen«. Warum ging das nicht schon früher?

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt die Sache so: Anders als Österreich wolle sich Deutschland nicht allein auf die Angaben der Hersteller verlassen. Stattdessen sollen die Tests selbst evaluiert werden. Tatsächlich prüfen BfArM und das Paul-Ehrlich-Institut schon seit Längerem, ob entwickelte Tests tatsächlich das halten, was Hersteller versprechen. Eine Liste zeigt , welche Tests zuverlässig sind.

Das Problem bei den Tests für zu Hause ist aber nicht der technische Nachweis an sich, der funktioniert bei ihnen genauso wie bei professionellen Schnelltests. Die Herausforderung ist die richtige Probenentnahme.

Ein bei vielen Tests notwendiger tiefer Abstrich von Nasen und Rachen ist unangenehm. Ihn ohne Vorerfahrung bei sich selbst durchzuführen, Brechreiz zum Trotz, gilt deshalb als unwahrscheinlich. Entscheidend wird deshalb sein, ob die Proben auch anders genommen werden können und die Tests trotzdem zuverlässig funktionieren. Das zu prüfen kostet Zeit.

Hersteller kritisieren dennoch bürokratische Hürden. So forderte der Geschäftsführer von Nal von Minden, das sich auf medizinische Tests spezialisiert hat, den von der Firma entwickelten Schnelltest schneller zuzulassen.

Sonderzulassung ist schon schneller als üblich

Dabei hätte es sogar länger dauern können, bis Schnelltests auf den Markt kommen. Denn eigentlich müssen solche Tests zuvor von einer unabhängigen Stelle wie dem TÜV geprüft werden. Erst dann gibt es die entscheidende CE-Zertifizierung.

In dringenden Fällen – wie nun in einer Pandemie – kann das BfArM jedoch eine Sonderzulassung erteilen. Die CE-Zertifizierung kann in dem Fall nachgereicht werden. Ganz ohne Überprüfung soll die Genehmigung allerdings auch jetzt nicht ablaufen. Denn ein unzuverlässiger Test könnte mehr Schaden anrichten als nutzen.

Allerdings haben sich weniger unangenehme Probenentnahmen in Studien bereits als vergleichbar zuverlässig erwiesen wie tiefe Abstriche von Nase und Rachen. Erst jüngst berichteten Forscher der Charité und der Uniklinik Heidelberg, auch Laien seien nach Anleitung in der Lage, Abstriche zu nehmen, wenn sie das Teststäbchen dafür nur in den vorderen Teil der Nase einführen müssten.

An der Untersuchung  hatten 146 Erwachsene teilgenommen. Alle hatten Symptome, die auf Covid-19 hindeuteten. Profischnelltests lieferten bei 34 ein positives Ergebnis. Bei den Laientests wurden 33 Infektionen erkannt – also eine weniger. Bei der nicht als infiziert erkannten Testperson tummelten sich allerdings nicht so viele Viren in Rachen und Nase, ein Indiz, dass sie weniger ansteckend gewesen sein dürfte.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass auch Laienschnelltests vor allem ansteckende Fälle zuverlässig erkennen können. Allerdings bieten sie keine absolute Sicherheit. Und die Zahl der Probanden ist mit 146 eher klein, und die Ergebnisse liegen bisher nur als Preprint vor. Das heißt, sie wurden noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern geprüft. Abstand, Maske, Hygiene, Lüften und Kontaktbeschränkungen können Schnelltests nicht ersetzen. Und ein positiver Schnelltest muss immer von einem PCR-Test bestätigt werden.

Allerdings hatte auch eine weitere Studie im Fachblatt »European Respiratory Journal«  ergeben, dass Abstriche aus dem vorderen Nasen- und Rachenbereich zuverlässige Ergebnisse liefern können. Die Probenentnahme sei so leicht wie popeln, werben Hersteller solcher Tests.

»Ich sag mal so: Spucken kann jeder.«

Familienministerin Franziska Giffey (SPD)

Auch an Gurgel- und Spucktests wird gearbeitet. Dafür reicht es, in ein Röhrchen zu spucken oder mit einem Stäbchen Speichel von der Zunge zu sammeln. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) verwies auf eine Kindertagesstätte in Potsdam, die sie selbst besucht hatte. Dort werden die Erzieherinnen regelmäßig mit einem Spucktest auf das Coronavirus hin untersucht. »Ich sag mal so: Spucken kann jeder«, sagte Giffey und forderte, verstärkt auf Schnelltests zu setzen. »Da müssen wir Zeit und Kraft investieren.«

Grünenchef Robert Habeck forderte gar eine Abnahmegarantie für Selbsttests. Denn anders als beim Impfstoff geht der Staat bei den Selbsttests nicht ins Risiko und kauft schon vor der Zulassung. Habeck fürchtet, Deutschland könnte sich dadurch nun bei der Bestellung hinten anstellen müssen.

Angebot von Profitests soll ausgebaut werden

Der Verband der Diagnostica-Industrie (VDHG) hält solche staatlichen Vorverträge jedoch nicht für unbedingt erforderlich. Die Erfahrungen mit Antigenschnelltests für den professionellen Gebrauch hätten gezeigt, dass die industriellen Hersteller schnell in der Lage seien, qualitativ hochwertige Tests in größeren Mengen zu liefern, sagt Verbandsgeschäftsführer Martin Walger den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Noch bevor Schnelltests für zu Hause kommen, soll in Deutschland nun das Angebot für professionelle Schnelltests ausgeweitet werden. Demnach sollen Kommunen Testzentren oder Apotheken mit solchen Tests beauftragen können, die Kosten dafür soll der Bund übernehmen. »Daher sollen alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos von geschultem Personal mit Antigenschnelltests getestet werden können«, sagte Spahn dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Planung für die Schnelltests für zu Hause läuft offenbar schleppender. Welche Rolle solche Tests bei der Pandemiebekämpfung spielen sollen, wollen Bund und Länder erst nach der ersten Zulassung beraten.

Mit Material von Agenturen