Corona-Vorstoß von Lauterbach So sinnvoll ist die kostenlose Grippeimpfung für alle

Eine heftige Influenzawelle wäre in der Coronakrise fatal, das Gesundheitssystem stünde vor dem Kollaps. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach fordert deshalb kostenlose Grippeimpfungen für alle. Doch reichen die Dosen?
Deutschland verfügt über 25 Millionen Grippeimpfdosen

Deutschland verfügt über 25 Millionen Grippeimpfdosen

Foto: Brian Snyder / REUTERS

"Eine sinnvolle Maßnahme mit geringen Kosten": SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich angesichts der Corona-Pandemie für eine kostenlose Grippeschutzimpfung für alle Krankenversicherten in Deutschland ausgesprochen. Zu Recht? Einiges spricht dafür, anderes dagegen.

Das spricht für die Grippeimpfung für alle

Angesichts der Coronakrise raten Ärztinnen und Ärzte in diesem Herbst besonders zur Impfung gegen Grippe, um eine Überforderung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Grippe- und Covid-19-Patienten sind auf vergleichbare Ressourcen angewiesen. Stürmen die Erkrankten zeitgleich in Arztpraxen und Krankenhäuser, droht dem Gesundheitssystem der Kollaps . Allein in der Grippesaison 2017/2018 starben laut Robert Koch-Institut 25.000 Menschen an der Infektionskrankheit.

Wer sich im Herbst gegen Grippe impfen lässt, schützt deshalb nicht nur sich, sondern auch andere. Zudem befürchten Ärzte, Doppelerkrankungen mit Covid-19 und Grippe könnten besonders schwer verlaufen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb eine flächendeckende freiwillige Grippeimpfung für alle, nicht nur für Risikogruppen. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich dafür ausgesprochen. "Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun", sagte der CDU-Politiker Ende August. (Wie Sie im Herbst das Infektionsrisiko senken können, sehen Sie hier.)

DER SPIEGEL

Grundsätzlich zahlen Krankenkassen für eine Grippeimpfung, wenn die Versicherten zu der von der Ständigen Impfkommission (Stiko) definierten Risikogruppe gehören. Dazu zählen beispielsweise:

  • Menschen über 60 Jahre,

  • chronisch Kranke,

  • Schwangere,

  • Beschäftigte im Gesundheitswesen.

Sieht der Arzt dagegen keine Notwendigkeit für eine Impfung, müssen die Versicherten die Kosten zwischen 20 und 35 Euro in der Regel selbst übernehmen. Fällt das weg, könnten sich mehr Menschen für eine Grippeimpfung entscheiden, hofft Lauterbach. Allerdings gibt es nicht ausreichend Impfdosen für alle.  

Das spricht gegen Grippeimpfungen für alle

Deutschland verfügt für diese Grippesaison etwa über 26 Millionen Impfdosen. "Man kann sich leicht ausrechnen, dass der Vorrat nicht ausreichen würde, wenn sich alle 83 Millionen Menschen in Deutschland impfen lassen wollten", sagte Stephan Hofmeister, Vizevorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. "Wir raten unseren Mitgliedern deshalb, sich an der Empfehlung der Ständigen Impfkommission zu orientieren."

Angesichts der begrenzten Kapazitäten empfiehlt die Stiko weiterhin vor allem Risikogruppen die Impfung. Allein für die Einhaltung der aktuellen Regeln wären 40 Millionen Dosen notwendig.

"Derzeit ist es wichtiger, Risikopatienten impfen zu lassen, als die breite Masse der Bevölkerung und Kinder. Damit riskieren wir, dass am Ende nicht genügend Impfstoff für alle da ist, und das wäre absolut fatal und kontraproduktiv", argumentiert Stiko-Leiter Thomas Mertens. Vor allem Risikopatienten sollten sich im Herbst unbedingt impfen lassen, am besten alle.

Riskante Wette

Ist der Vorschlag für kostenlose Grippeimpfungen also sogar gefährlich? Die Antwort auf diese Frage ist eine riskante Wette mit der Zukunft.

In den vergangenen Jahren waren Risikopatienten Grippeimpfmuffel. So ließ sich zuletzt nur jeder Dritte über 60 Jahre gegen Grippe impfen - "völlig unzureichend", mahnt die Stiko. Der Anteil hatte in den vergangenen zehn Jahren sogar kontinuierlich abgenommen.

Auch wenn es aus medizinischer Sicht das Beste wäre, vor allem Ältere zu immunisieren: Lassen sich in diesem Jahr wie erhofft deutlich mehr Menschen aus den Risikogruppen von einer Impfung überzeugen? Oder könnte Deutschland am Ende sogar auf den zusätzlichen Impfdosen sitzen bleiben? Im letzteren Fall wäre es sinnvoll, allen eine Impfung anzubieten.

Welche Entwicklung eintrifft, lässt sich jedoch noch schwer abschätzen. Und eine kurzfristige Nachbestellung von Grippeimpfdosen ist nicht möglich, die Produktion läuft nur einmal pro Jahr im Frühjahr.

koe
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