"Bild"-Streit mit Virologen Wie berechtigt ist die Kritik an der "Drosten-Studie"?

Die "Bild"-Zeitung wirft Christian Drosten "fragwürdige Methoden" vor, doch im Artikel zitierte Forscher distanzieren sich von dem Blatt. Warum Kritik an der Studie trotzdem legitim ist. Der Überblick.
Ob Kinder weniger infektiös sind als Erwachsene, bleibt weiter unklar

Ob Kinder weniger infektiös sind als Erwachsene, bleibt weiter unklar

Foto: Yiu Yu Hoi/ d3sign/ Getty Images

Noch vor wenigen Monaten blieben Forscher auf Wissenschafts-Plattformen unter sich. Geht es jedoch um Corona, lesen inzwischen auch Laien und Journalisten mit. Weil die wissenschaftsinterne Diskussion und die öffentliche Debatte jedoch völlig unterschiedlich funktionieren, wird aus fachlicher Einschätzung schnell ein vermeintlicher Gelehrtenstreit.

So lässt sich auch die Diskussion zwischen der "Bild"-Zeitung und Christian Drosten erklären, die vor allem auf Twitter lebhaft geführt wurde, nachdem das Boulevardblatt einen umstrittenen Artikel über den Virologen der Berliner Charité veröffentlicht hatte.

"Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?", titelte die "Bild"  am Montagabend auf ihrer Website. Noch vor der Veröffentlichung hatte Drosten eine Anfrage der Zeitung öffentlich gemacht, in der ihm eine Frist von einer Stunde gegeben wurde, um auf Kollegeneinschätzungen und auf kritische Fragen der Zeitung zu reagieren. "Ich habe Besseres zu tun", schrieb Drosten.

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Was ist dran an der Kritik?

Ein Forscherteam um den Berliner Virologen hatte Ende April eine Studie vorgelegt, laut der Kinder, die mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert sind, genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Die Studie sorgte für große Aufmerksamkeit und schien die Entscheidung zu bestätigen, Kindergärten und Schulen besser geschlossen zu halten.

In den vergangenen Wochen haben mehrere Statistiker den Aufbau der Studie kritisiert (hier , hier  und hier .) Die "Bild" zitierte Auszüge aus den Fachbeiträgen, ohne vorher mit den Wissenschaftlern gesprochen zu haben. Diese haben sich inzwischen von der Berichterstattung distanziert. "Ich will nicht Teil einer Kampagne sein", sagte Ökonom Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt, dem SPIEGEL.

Die ersten Studienergebnisse lud das Forschungsteam um Drosten auf einem sogenannten Preprint-Server hoch , sobald ihnen diese vorlagen. Normalerweise würden Wissenschaftler mit der Veröffentlichung warten, bis unabhängige Forscher die Ergebnisse begutachtet haben und sie in Fachmagazinen erscheinen können.

Doch in der Coronakrise werden Forschungsergebnisse möglichst schnell geteilt. Allein auf dem Wissenschaftsserver medRxiv werden pro Tag 50 Veröffentlichungen und mehr hochgeladen - und finden Beachtung. Auch bei anderen Forschern weltweit, die inzwischen als eine Art Schwarmintelligenz die Forschungsergebnisse prüfen. Dabei gibt es auch immer wieder Kritik. So auch an der Studie zur Infektiosität von Kindern.

Der Knackpunkt: Die Forscher hatten die Virenlast in verschiedenen Altersgruppen untersucht. Der Wert gibt an, wie viele Viren sich in der Probe eines Menschen befinden, und entscheidet mit darüber, wie ansteckend jemand wahrscheinlich ist. Denn wenn sich im Rachen eines Menschen besonders viele Viren tummeln, steigt die Chance, dass sie in den Körper eines anderen gelangen. Wäre die Virenlast bei Kindern deutlich geringer als bei Erwachsenen, könnte das bedeuten, dass sie weniger ansteckend sind. Die Forscher um Drosten fanden jedoch keinen Hinweis darauf, dass infizierte Kinder weniger Viren in sich tragen als Erwachsene. "Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene", schlussfolgerten die Wissenschaftler.

"Der Preprint sollte zurückgezogen werden"

Doch genau das geben die Daten eigentlich nicht her, selbst wenn die Aussage vage formuliert ist, kritisieren Statistiker. "Die Analyse ist unangemessen", schreibt der bekannte Datenanalytiker David Spiegelhalter bei Twitter. Der Grund: Die Forscher berufen sich in ihrer Schlussfolgerung auf statistische Verfahren, die für die Art der Daten nicht geeignet waren. "Der Preprint sollte zurückgezogen werden", fordert Spiegelhalter. Andere statistische Tests, die auf eine unterschiedliche Virenlast in den Altersgruppen hindeuteten, flossen in die Auswertung nicht mit ein. Dabei lag die Virenlast bei Kindergarten-Kindern im Mittelwert sogar bis zu 86 Prozent niedriger als bei Erwachsenen.

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Ist die Studie also wertlos? Die Kritik richtet sich vor allem gegen die statistischen Methoden, die angewendet wurden. Welchen Einfluss das auf die medizinische Aussagekraft hat, können die Statistiker nicht sagen, wie sie in ihren Fachbeiträgen auch schreiben. Sie sind eben Statistiker, keine Virologen.

Noch immer ist nicht klar, welche Rolle Kinder bei der aktuellen Pandemie spielen. Erste Studienergebnisse widersprechen sich erheblich oder waren statistisch nicht signifikant:

  • So hatte ein Kind in Frankreich, das das Virus in sich trug, offenbar niemanden angesteckt. Tests von 172 Kontaktpersonen waren negativ.

  • Daten aus Island  legen nahe, dass Kitas keine Treiber der Pandemie sind. Dort sind zwar Versammlungen mit mehr als 20 Menschen verboten, Schulen und Kindergärten blieben aber weitgehend geöffnet. Trotzdem gibt es bisher nur wenig bekannte Infektionen.

  • Daten aus China zeigen  dagegen, dass sich Kinder genauso häufig mit dem Coronavirus infizieren könnten wie Erwachsene. Von 148 getesteten Kontaktpersonen unter zehn Jahren hatten sich insgesamt elf Kinder angesteckt. Ihre Ansteckungsrate lag damit etwa genauso hoch wie bei Erwachsenen. Die Vermutung basiert aber eben auf den Daten von nur elf Kindern.

Solche Unstimmigkeiten sind gerade in der Coronakrise für die Öffentlichkeit kaum zu ertragen. In der Wissenschaft sind sie jedoch völlig normal. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Unter Forschern ist es üblich, einen eigenen Beitrag zu verfassen, wenn es Anlass zur Kritik gibt, und in sachlicher Sprache darzulegen, wo der Fehler liegt. Das kann auf Laien schon mal harsch wirken. "Die aktuelle 'Bild'-Berichterstattung skandalisiert einen in der Wissenschaft völlig üblichen Vorgang. Darüber bin ich sehr unglücklich", teilte Statistiker Dominik Liebl auf Anfrage mit, der auch von der "Bild" als Kritiker der Drosten-Studie aufgeführt wird. Er habe keinen Kontakt zur "Bild" gehabt.

Hat die Studie wirklich dafür gesorgt, dass Kitas und Schulen geschlossen werden?

In der aktuellen Folge seines Podcasts mit dem NDR räumt Drosten ein, für die Studie relativ grobe statistische Methoden verwendet zu haben. Diese Statistik könne man "vollkommen zu Recht" kritisieren, so der Forscher, denn mit besseren Statistiktools hätte man möglicherweise auch andere Unterschiede gefunden.

Die Schlussfolgerung, dass Kinder genauso viel Virus im Rachen haben wie Erwachsene, sei aber durchaus gerechtfertigt. Die Forschergruppe habe die Daten erneut überprüft. Dabei sei ihnen eine statistische Verzerrung aufgefallen: In der Frühphase der Pandemie seien vor allem Proben von Kindern analysiert worden, die zwar infiziert waren, aber kaum Symptome hatten. Bei ihnen ist die Viruslast im Rachen hoch. In der späteren Phase hingegen stammten die Abstriche von Kindern, die schwer erkrankt waren und in der Klinik behandelt wurden. In der letzteren Gruppe sei die Viruslast im Rachen bereits wieder gesunken.

"Wenn wir das separat analysieren", sagte Drosten, "dann ist es überdeutlich, dass die Kinder die gleiche Viruskonzentration haben wie die anderen Altersgruppen auch, da gibt es nichts dran zu kritisieren." Ob das andere Forscher auch so sehen, wird sich zeigen, wenn die neue Analyse veröffentlicht ist. Auch das wäre kein Angriff oder Verriss, sondern eine wissenschaftliche Diskussion.

Selbst wenn sich zeigen sollte, dass die Virenlast bei Kindern geringer ist als bei Erwachsenen, könnte sie trotzdem ausreichen, um andere anzustecken. Und: Kindern dürfte es deutlich schwerer fallen sich an Abstandsregeln zu halten.

Dass das Forscherteam um Drosten die Auswertung absichtlich manipuliert haben könnte, wie die "Bild" suggeriert, glauben Forscher nicht. Als die Studie veröffentlicht wurde, waren Schulen und Kitas längst geschlossen. Einige Bundesländer hatten ihre Schulen sogar vor Veröffentlichung der Ergebnisse wieder teilweise geöffnet. Auch Drosten hatte sich zuletzt für die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas ausgesprochen.