Johnson & Johnson, Curevac und Co. Diese Impfstoffe sollen den Engpass beenden

Zwei Impfstoffe gegen das Coronavirus sind in Deutschland zugelassen – und sehr bald sollen weitere folgen. Manche der neuen haben deutliche Vorteile.
Welcher Impfstoff wird in diesen Fläschchen landen?

Welcher Impfstoff wird in diesen Fläschchen landen?

Foto: Bloomberg / Getty Images

Es mag angesichts verschobener Impftermine und Lieferengpässen überraschen, aber Deutschland hat eigentlich mehr als genug Corona-Impfstoff bestellt. Allein mit den aktuell abgeschlossenen Verträgen hat sich die Bundesrepublik mehr als 310 Millionen Dosen gesichert – schon knapp die Hälfte würde reichen, um alle Menschen im Land zu impfen.

Das Problem: Noch ist nur ein Bruchteil davon verfügbar – und selbst zugesagte Dosen konnten nicht wie geplant geliefert werden. Doch schon in den kommenden Wochen dürften weitere Impfstoffe zugelassen werden, die Engpässe abfedern und deutliche Vorteile mit sich bringen. Der Überblick:

Impfstoff AstraZeneca (AZD1222)

Noch in dieser Woche soll der Impfstoff von AstraZeneca und der Oxford University zugelassen werden. In Großbritannien, Argentinien, Indien, Mexiko, Brasilien, Ungarn und Pakistan ist er bereits verfügbar.

Der Impfstoff von AstraZeneca hat einen entscheidenden Vorteil: Er ist auch bei Kühlschranktemperaturen mehr als sechs Monate haltbar. Aufwendige Kühlketten bei bis zu 70 Grad minus entfallen dadurch. Auch niedergelassene Ärzte könnten die Impfungen übernehmen.

Anders als die bisher zugelassenen Produkte enthält AZD1222 – so die Abkürzung des Impfstoffs – nicht einen Teil des Erbguts des Coronavirus, das sehr instabil ist. Die Erbinformationen sind stattdessen in ein ungefährliches Virus verpackt. Dieses macht nicht krankt, trainiert aber das Immunsystem auf das echte Coronavirus und kann so eine Covid-19-Erkrankung verhindern. Laut dem Plan des Gesundheitsministeriums könnten schon im ersten Quartal sechs Millionen Dosen des Impfstoffs verfügbar sein. Damit ließen sich drei Millionen Menschen impfen.

Wahrscheinlich nur für U-65-Jährige

Der Impfstoff wird allerdings wahrscheinlich nur für unter 65-Jährige zugelassen werden. Die deutsche Impfkommission hat bereits eine entsprechende Empfehlung abgegeben. Der Grund: An der entscheidenden groß angelegten Studie mit Tausenden Probanden hatten nur wenige ältere Menschen teilgenommen. Aussagekräftige Ergebnisse waren für diese Altersgruppe deshalb nicht möglich. In Großbritannien ist der Impfstoff für alle Altersgruppen zugelassen.

Deutschland muss nun wahrscheinlich den Impfplan anpassen, laut dem Menschen ab 80 Jahren zuerst geimpft werden sollen. Denkbar ist, dass medizinisches Personal nun bevorzugt mit dem Mittel von AstraZeneca geimpft werden soll. Auch sie gehören in die Gruppe mit der höchsten Priorität. Alternativ könnten auch Menschen ab 60 Jahren die Impfung erhalten.

Laut veröffentlichten Studienergebnissen schützt der Impfstoff von AstraZeneca weniger zuverlässig vor einer Covid-19-Erkrankung als die zugelassenen Produkte von Biontech und Moderna. Im Schnitt konnte er 70 Prozent der Covid-19-Erkrankungen verhindern. Die Wirksamkeit schwankte allerdings, je nachdem, wie hoch die verabreichte Dosis war.

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Welche Dosis ist die richtige?

So hatte ein Teil der Probanden unbeabsichtigt bei der ersten Impfung nur eine halbe Dosis bekommen. Überraschenderweise zeigten sie später die bessere Immunantwort. Bei ihnen traten 90 Prozent weniger Covid-19-Erkrankungen auf als bei denen, die nur ein wirkungsloses Placebo bekommen hatten. Bei Probanden, die zwei volle Dosen bekamen, lag die Schutzwirkung im Schnitt bei 62 Prozent.

Woran das liegt, ist noch unklar. Womöglich war nicht die unterschiedliche Dosierung die Ursache, sondern die Tatsache, dass die Probanden mit der halben Dosis jünger waren und deshalb besser auf die Impfung reagierten. Ob in der EU zunächst eine halbe Dosis und später eine ganze verabreicht werden soll, wird sich im Laufe der Zulassung zeigen.

Auch wenn der Impfstoff von AstraZeneca in den bisher veröffentlichten Studienergebnissen eine niedrigere Wirksamkeit hatte, ist er noch immer effektiver, als viele erhofft hatten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt angesichts der Pandemie, auch einen Impfstoff mit einer Wirksamkeit von 50 Prozent zuzulassen.

Wie schnell der Impfstoff die Lücke bei der Versorgung schließen könnte, ist jedoch fraglich. AstraZeneca hatte zuletzt Lieferschwierigkeiten angemeldet, weil es technische Probleme in einem belgischen Werk gebe – sehr zum Ärger der EU-Kommission. Denn die hat nach eigener Aussage schon Hunderte Millionen Euro gezahlt, damit die Produktion vor der Zulassung anlaufen kann. Die EU hat nun sogar Inspekteure in das Werk geschickt, um die Aussagen zu überprüfen.

Der Brexit macht den Streit noch brisanter. Denn die Lieferungen nach Großbritannien sollen wohl wie geplant weiterlaufen. Die EU fordert deshalb, auch in Großbritannien produzierte Impfstoffe müssten EU-Ländern zur Verfügung gestellt werden.

Impfstoff Johnson & Johnson (Ad26.COV2.S)

Ähnlich wie der Impfstoff von AstraZeneca hat auch das Produkt von Pharmakonzern Johnson & Johnson den Vorteil, dass es nicht so kühl gelagert werden muss. Und er hat noch ein weiteres Plus: Nach aktuellem Stand reicht eine Dosis aus, um den vollen Impfschutz zu bekommen. Termine für Zweitimpfungen fielen dann weg.

Um sicherzugehen, wird der Impfstoff in zwei großen Studien mit jeweils Zehntausenden Teilnehmern getestet. In der einen Studie wird eine Dosis verabreicht, in der anderen zwei Dosen. Dann wird sich zeigen, ob eine Dosis einen vergleichbaren Schutz bietet. Die Untersuchungen laufen in mehreren Ländern, auch in Deutschland.

Wie der Impfstoff von AstraZeneca nutzt Johnson & Johnson ein ungefährliches Virus, um Teile des Coronavirus-Bauplans in den Körper zu schleusen. Diese bereiten das Immunsystem auf den echten Erreger vor. Johnson & Johnson nutzt dieses System auch bei seinem Ebola-Impfstoff. Deutschland hat 37,25 Millionen Dosen bestellt. Läuft alles wie geplant, könnten allein damit fast die Hälfte der Menschen in Deutschland geimpft werden.

Noch ist allerdings nicht klar, wie gut die Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung schützt. Erste Ergebnisse aus den groß angelegten Studien der Phase III werden kommende Woche erwartet. Die Zulassung könnte dann zeitnah, möglicherweise innerhalb einiger Wochen, folgen. Die Ergebnisse werden von der Ema bereits laufend begutachtet.

Das Bundesgesundheitsministerium rechnete Anfang Januar damit, dass der Impfstoff ab dem zweiten Quartal verfügbar sein wird. Bis Anfang Juli wird dann mit zehn Millionen Impfdosen gerechnet. Wenn tatsächlich eine Impfdosis ausreichen wird, könnten damit zehn Millionen Menschen immunisiert werden. In den darauffolgenden drei Monaten sollen sogar 23 Millionen weitere Dosen geliefert werden.

Impfstoff CureVac (CVnCoV)

Der Impfstoff von CureVac ist der zweite mRNA-Impfstoff, der in Deutschland entwickelt wurde. Die Zentrale des Unternehmens ist in Tübingen. CureVac hat jüngst einen Kooperationsvertrag mit dem Pharmariesen Bayer für den Impfstoff geschlossen.

Wie das Produkt von Biontech enthält der Impfstoff die Bauanleitung für ein Eiweiß des Coronavirus, mit dem der Erreger in Körperzellen eindringt und sie so infiziert. Allein kann dieses Eiweiß keinen Schaden anrichten. Der Körper erkennt es jedoch als Eindringling und bringt Abwehrkräfte in Stellung. Diese können auch das echte Virus aufhalten.

Die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna haben sich in den für die Zulassung entscheidenden Studien als sehr wirksam erwiesen. Es gibt deshalb begründete Hoffnung, dass das auch bei dem Mittel von CureVac der Fall sein wird. Sicherheit wird es aber erst geben, wenn die Ergebnisse der groß angelegten Studie vorliegen, an der 35.000 Menschen in Europa und Lateinamerika teilnehmen.

Auch dieser Impfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von 28 Tagen verabreicht. Die Studie hat jedoch gerade erst begonnen. Damit hinkt das Tübinger Unternehmen den Mitbewerbern Biontech und Moderna mehr als ein halbes Jahr hinterher, die bereits im Juli die Studien der Phase III gestartet hatten. CureVac rechnet dennoch bereits im ersten Quartal, also bis spätestens Ende März, mit Ergebnissen.

Laut Plan des Gesundheitsministeriums könnten die ersten vier Millionen Dosen noch im ersten Quartal geliefert werden. Aktuell hat sich Deutschland bis zu 73 Millionen Dosen gesichert. Allerdings wird mit der Zulassung erst im Sommer gerechnet. Wenn der Impfstoff genauso effektiv ist wie die anderen mRNA-Vakzine, hätte er zusätzlich einen erheblichen Vorteil. Anders als bei Biontech muss der Impfstoff von CureVac laut Hersteller nicht so kühl gelagert werden. Demnach hält er sich auch bei fünf Grad über drei Monate hinweg.

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Impfstoffe von Sanofi

Auch der französische Pharmakonzern Sanofi gilt als mögliche große Hoffnung bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19. Der Konzern entwickelt gleich zwei Impfstoffe: Einer basiert ebenfalls auf der mRNA-Technologie. Allerdings wird er bisher noch nicht an Menschen getestet.

Ein weiterer Impfstoff basiert auf viralen Proteinen und funktioniert ähnlich wie der Grippe-Impfstoff Flublok. In Studien erwies er sich jedoch bei Älteren als nicht so effektiv wie erhofft, deshalb soll er nun angepasst werden. Falls das gelingt, könnte der Impfstoff frühestens Ende 2021 zugelassen werden. Für diesen Fall wären voraussichtlich schnell große Mengen verfügbar. Wegen der Verzögerung sind bei Sanofi nun Produktionskapazitäten frei. Der Konzern will deshalb 125 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs produzieren.