Corona-Studie aus den Niederlanden Die Kinderfrage

Welche Rolle spielen Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus? Sicher beantworten können Forscher diese Frage noch nicht. Eine Untersuchung aus den Niederlanden lässt jedoch hoffen.
Grundschüler in der Notbetreuung - Unterricht nur mit Abstand

Grundschüler in der Notbetreuung - Unterricht nur mit Abstand

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Patrick Pleul/ DPA

Nach und nach kehren Schülerinnen und Schüler in die Klassenräume zurück, Kindergärten und Kitas öffnen. Für viele Kinder und ihre Eltern ist dieser Schritt enorm wichtig. Dennoch ist bislang nicht abschließend geklärt, wie häufig sich Kinder - vielleicht auch unbemerkt - mit dem Coronavirus infizieren und welche Rolle sie bei der Verbreitung des Erregers spielen.

Eine aufwendige Studie aus den Niederlanden spricht jedoch dafür, dass Kinder das Virus nur selten weitergeben. In Auftrag gegeben wurde die Untersuchung vom niederländischen "Outbreak Management Team", das die Regierung unter anderem zu Maßnahmen wie Schulschließungen berät. Die Ergebnisse im Detail:

1. Wie häufig erkranken Kinder?

Für den ersten Teil der Untersuchungen besuchten die Forscher um Wim van der Hoek von der niederländischen Behörde für Gesundheit und Umweltschutz insgesamt 54 Familien, bei denen sich ein Mitglied mit dem Coronavirus infiziert hatte.

Nachdem die Infektion bekannt wurde, nahmen die Forscher zum ersten Mal Abstriche und Blutproben von allen Familienmitgliedern, zwei bis drei Wochen später sammelten sie ein zweites Mal Proben. Auf diese Weise gewannen sie die Daten von mehr als 170 Personen, darunter 67 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren und 107 Kinder, die im Durchschnitt zehn Jahre alt waren.

In den untersuchten Familien kam es zu knapp 50 weiteren Infektionen. Kinder unter zwölf Jahren steckten sich deutlich seltener mit dem Virus an als Teenager oder Erwachsene, berichten die Forscher in der "Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde" . Außerdem entwickelten sie - das galt aber auch für die älteren Kinder - deutlich seltener Beschwerden:

  • Während sich die Erkrankung bei den infizierten Erwachsenen bei 21 von 23 Personen bemerkbar machte,

  • entwickelten bei den Kindern nur 16 von 24 Infizierten Symptome.

Die Beobachtung stützt die Theorie, dass das Immunsystem von Kindern Sars-CoV-2 häufig besser bekämpfen kann als das von Erwachsenen. Dennoch ist laut der Studie nicht davon auszugehen, dass extrem viele Kinder infiziert sind, ohne dass jemand etwas davon bemerkt.

Auch in Deutschland sind deutlich weniger Infektionen unter Kindern bekannt als unter Erwachsenen. Die Zahl der bekannten Erkrankungen gibt allerdings naturgemäß keinen Aufschluss über eine mögliche Dunkelziffer.

2. Wie ansteckend sind Kinder?

Neben der Frage, wie groß das Risiko durch das Virus für die Kinder selbst ist, spielt noch eine zweite eine große Rolle: Wie häufig geben Kinder das Virus weiter, vor allem vor dem Hintergrund, dass sie ihre Infektion möglicherweise nicht mal bemerken?

In den Rachenabstrichen der infizierten Familienmitglieder fanden die Forscher keine großen Unterschiede zwischen der Virusmenge, die Kinder und Erwachsene ausschieden. Die Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen der viel diskutierten Studie des Corona-Experten Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, sie wurde diese Woche in der Endfassung veröffentlicht.

Die ähnlichen Virusmengen deuten darauf hin, dass Kinder auch ähnlich infektiös sein könnten wie Erwachsene. Allerdings handelt es sich ausschließlich um Labordaten, die nicht zeigen, ob die Kinder das Virus im echten Leben auch tatsächlich weitergeben.

Um das zu untersuchen, starteten die niederländischen Forscher eine zweite Analyse, dieses Mal eine Datenauswertung auf Basis von gemeldeten Infektionen. Anhand der Meldedaten identifizierten die Forscher mehr als 700 Paarungen, zwischen denen das Virus wahrscheinlich übertragen wurde.

Bei einem Großteil der Fälle handelte es sich um Erwachsene, die Gleichaltrige infiziert hatten.

  • Nur bei 31 der Paarungen wurde das Virus auf ein Kind übertragen. Ein Großteil infizierte sich den Daten zufolge zu Hause bei einer mehr als 20 Jahre älteren Person, wahrscheinlich bei den Eltern.

  • Nur bei elf der mehr als 700 identifizierten Fälle wurde das Virus von einem Kind oder jungen Erwachsenen (die Skala reichte bis zum Alter von 19 Jahren) weitergegeben. Fünf der elf Personen arbeiteten im Gesundheitswesen und waren mindestens 17 Jahre alt. Bei einem Fall handelte es sich außerdem um ein Neugeborenes, dessen Infektion kurz vor der seiner Mutter bekannt wurde. Wer wen infiziert hat, ist nicht abschließend geklärt.

Das Fazit der Forscher klingt klar: "Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder eine wichtige Rolle bei der Covid-19-Epidemie spielen", schreiben sie. Kinder könnten zwar infiziert werden, übertragen werde das Virus aber hauptsächlich zwischen gleichaltrigen Erwachsenen oder von erwachsenen Familienmitgliedern auf Kinder. In diesem Punkt scheine sich das Coronavirus etwa von der Grippe zu unterscheiden, bei der auch Übertragungen von Kindern auf Erwachsene gängig sind.

Unsicherheiten bleiben

Dennoch ist auch diese Studie nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer wissenschaftlich belastbaren Antwort auf die Frage, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen und wie stark der Erreger auch ihre Gesundheit gefährdet. Vorsicht ist vor allem geboten, weil die Daten zum größten Teil erhoben wurden, als Kitas und Schulen in den Niederlanden bereits geschlossen waren.

Aus diesem Grund planen die Forscher, nach den Öffnungen der Schulen weitere 50 Familien in die Studie miteinzubeziehen, Ausgangspunkt sollen dieses Mal nicht infizierte Erwachsene, sondern infizierte Kinder sein. Abgesehen davon liefen momentan auch viele weitere Untersuchungen, etwa Antikörperstudien, die einen besseren Einblick geben sollen, welche Rolle Kinder - ob in Schule, Kita oder zu Hause - bei der Übertragung von Sars-CoV-2 spielen. 

In Frankreich etwa berichten Medien aktuell über eine Untersuchung, laut der Kinder weniger ansteckend sind als bislang gedacht. Die Ergebnisse wurden jedoch noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht und sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten. Noch müssen Politik, Eltern, Lehrerinnen und Erzieher Geduld aufbringen, bis die Daten ausreichen, um ein Stück weit Entwarnung geben zu können.

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