Variante B.1.1.7 Ansteckender – oder nur länger ansteckend?

Die Infektionszahlen in Deutschland scheinen ein Plateau zu erreichen. Liegt das an der Mutante? Eine Analyse gibt Hinweise, warum sie zu mehr Infektionen führt.

Ausflügler in Berlin-Tegel: Die Infektionszahlen sind in Deutschland zuletzt nicht mehr so stark gesunken

Ausflügler in Berlin-Tegel: Die Infektionszahlen sind in Deutschland zuletzt nicht mehr so stark gesunken

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Forscherinnen und Forscher haben eine weitere Theorie, warum die Variante des Coronavirus mit der Abkürzung B.1.1.7 sich schneller ausbreitet. Demnach dauert die Infektion mit der Mutante länger – und vermutlich verlängert sich dadurch auch die Zeit, in der Infizierte das Virus an andere weitergeben können. Die Vermutung ist wichtig, weil sich die Variante auch in Deutschland ausbreitet und die Infektionszahlen erneut ansteigen lassen könnte.

Tatsächlich sinken die Infektionszahlen seit etwa einer Woche deutlich langsamer, die Kurve scheint ein Plateau zu erreichen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist bundesweit sogar leicht gestiegen auf aktuell 61. Experten warnen schon seit Längerem, dass die Infektionszahlen mit der Ausbreitung der ansteckenden Virusvariante steigen würden .

Ob dieser Trend nun eintritt, muss sich zeigen. Womöglich könnte es im Laufe der Woche Gewissheit geben, sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) vergangene Woche in einer Pressekonferenz. (Eine ausführliche Analyse des aktuellen Infektionsgeschehens lesen Sie hier .)

Vor allem zwei eindeutige Argumente überzeugen Forscher, dass die neue Variante ansteckender ist:

  • Sie dominiert innerhalb kurzer Zeit nahezu das gesamte Infektionsgeschehen. Während in Deutschland die Fallzahlen zuletzt insgesamt sanken, hat sich der Anteil der Coronavirus-Mutante pro Woche nahezu verdoppelt.

  • Breitet sich die Variante in einer Phase aus, in der weniger strenge Corona-Maßnahmen gelten, steigen die Infektionszahlen rasant. Das zeigte sich besonders in Großbritannien, wo die Variante zuerst nachgewiesen worden war, und in Portugal. Portugal hatte zwischenzeitlich die höchste Inzidenz weltweit, dem Gesundheitssystem drohte der Kollaps. Das Land bat international um Hilfe, auch die Bundeswehr schickte Ärzte und Pfleger nach Portugal.

Anteil der Mutante in Bayern besonders hoch

Fest steht: Die Variante breitet sich auch in Deutschland rasant aus. In der vergangenen Woche wiesen 22 Prozent der in Deutschland untersuchten Proben die Genveränderungen auf, die für B.1.1.7 typisch sind. Die nordostbayerischen Regionen Hof, Wunsiedel und Tirschenreuth meldeten einen Anteil der neuen Mutanten an den positiven Tests von 40 bis 70 Prozent. In der letzten Januarwoche lag ihr Anteil bundesweit laut Stichproben nur bei 5,6 Prozent.

Wie viel ansteckender die britische Virusvariante genau ist – die Einschätzung der Wissenschaft bewegt sich im Korridor von 30 bis 60 Prozent –, hat indes entscheidende Auswirkungen auf den Fortgang der Pandemie. Eine Modellrechnung des SPIEGEL zeigt , wie sich die Gesamtzahl der gemeldeten Neuinfektionen entwickeln könnte.

Dass sich einzelne Varianten durchsetzen, ist an sich nicht ungewöhnlich. Allerdings breitet sich B.1.1.7 rasant aus – und zwar weltweit. Ein klares Indiz, dass sie gegenüber anderen Varianten einen Vorteil haben muss. Forschende haben mehrere mögliche Erklärungen.

  • Einige der Genveränderungen betreffen das sogenannte Spike-Protein, mit dem das Virus an Zellen andockt. Nur dort können sie sich vermehren. Diese Veränderungen könnten es dem Virus leichter machen, Zellen zu infizieren.

  • Die Mutationen könnten dafür sorgen, dass sich mehr Viren ausbreiten. Die sogenannte Viruslast gilt als Indiz, wie ansteckend jemand ist. Denn je mehr Viren sich im Rachen oder in der Nase eines Infizierten tummeln, desto mehr werden beim Husten, Niesen, Sprechen oder Atmen freigesetzt. Dadurch steigt auch die Chance, dass einzelne Viren in einen neuen Wirt gelangen und sich dort ebenfalls ausbreiten.

Eine Analyse von US-Wissenschaftlern  mehrerer US-Elite-Universitäten, darunter Yale und Harvard, spricht für eine weitere mögliche Erklärung. Für die Analyse hatten die Forschenden 65 Infizierte jeden Tag mittels eines PCR-Tests untersucht. Dadurch konnte genau dokumentiert werden, wie sich die Infektion entwickelt.

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Infektion mit B.1.1.7 dauerte im Schnitt fünf Tage länger

Demnach dauerte eine Infektion mit der Variante B.1.1.7 im Schnitt fünf Tage länger, nämlich etwas mehr als 13 Tage. Infektionen mit anderen Virusvarianten klangen schon nach etwa acht Tagen ab. Die längere Infektion könnte dazu führen, dass Betroffene das Virus auch über längere Zeit weitergeben können, vermuten die Forscher. Die Proben enthielten auf dem Höhepunkt der Infektion jedoch einen ähnlich hohen Anteil an Viren wie die anderer Virustypen. Das spricht gegen die Theorie, die Mutationen könnten die Viruslast erhöhen.

Die Ergebnisse sind jedoch nur vorläufig, betonten die Wissenschaftler. So hatten sich nur sieben der 65 untersuchten Infizierten mit der Variante B.1.1.7 infiziert. Und die Stichprobe insgesamt war auch nicht repräsentativ. So arbeiteten alle 65 Probanden für die US-Basketball-Profiliga NBA – darunter waren Spieler, aber auch Mitarbeitende in den Stadien. 90 Prozent von ihnen waren Männer.

Quarantäne verlängern?

Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, mahnen die Forscher, könnte eine Quarantänezeit von zehn Tagen bei der neuen Variante nicht ausreichen, um Ansteckungen möglichst zu verhindern. Deutschland hat die Richtlinie für Verdachtsfälle wegen der sich ausbreitenden Virusvariante bereits vorsorglich angepasst.

Wer Kontakt zu einem Infizierten hatte, muss für 14 Tage in häusliche Quarantäne. Gerechnet wird ab dem Tag des Kontakts. Die Option bei einem negativen PCR-Test die Quarantäne schon nach zehn Tagen zu beenden, gibt es nicht mehr. Menschen, die mit einem Covid-19-Erkrankten zusammenleben, sollten ihre Kontakte möglichst sogar für 20 Tage einschränken.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder warnte am Montag mit Blick auf die sich ausbreitende Virusvariante vor einer möglichen dritten Welle. Die Pandemie sei in einer sehr sensiblen und schwierigen Phase angekommen, zwischen Hoffnungen auf Lockerungen und Sorgen vor den Mutationen, sagte Söder bei einer Sitzung des CSU-Vorstands.

Die Wirkung der bisherigen Maßnahmen zum Infektionsschutz ließ nach. »Es stagniert, und in einigen Bundesländern steigt die Inzidenz wieder an«, sagte Söder. Es bestehe daher die Gefahr, dass Deutschland in drei bis vier Wochen vor ähnlichen Herausforderungen stehe wie im vergangenen Dezember.

Montgomery warnt vor weiteren Lockerungen

Der Vorteil ist aktuell, dass sich die Variante während des bundesweit geltenden Lockdowns ausbreitet. Länder wie Großbritannien und Irland haben gezeigt, dass harte Maßnahmen auch die neue Variante in Schach halten können. Auch Dänemark hatte harte Beschränkungen wegen der sich rasch ausbreitenden Variante vorsorglich verlängert.

Nun öffnen in Deutschland jedoch vielerorts wieder Schulen und Kindergärten. Weitere Lockerungen werden diskutiert. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach sich für eine vorsichtige Lockerungsstrategie aus.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnte dringend vor weiteren Lockerungen. »Wer in Zeiten steigender R-Werte über Lockerungen spricht, handelt absolut unverantwortlich«, sagte der Mediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. »Der Inzidenzwert zeigt, wo wir aktuell stehen. Der R-Wert zeigt, wohin wir gerade gehen. Bei einem Wert klar über 1,0 droht wieder exponentielles Wachstum – und genau das ist jetzt der Fall.«

koe