Datenanalyse von Corona-Patienten Wie sicher ist der normale Schulbetrieb?

Nach den Sommerferien sollen die Schulen möglichst wieder wie gewohnt starten. Doch eine aktuelle Studie weckt Zweifel an dem Konzept: Jugendliche könnten noch ansteckender sein als Erwachsene.
Wiedereröffnung einer Schule nach der Corona-Zwangspause (im Mai in Schleswig-Holstein)

Wiedereröffnung einer Schule nach der Corona-Zwangspause (im Mai in Schleswig-Holstein)

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Carsten Rehder/ dpa

"Ich sag' Ihnen ganz offen, ich bin noch nicht so überzeugt, dass es einen ganz normalen Regelunterricht geben wird" - mit diesen Worten dämpfte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Sonntag im Sommerinterview mit dem ZDF die Hoffnung auf eine Rückkehr zum normalen Vor-Pandemie-Schulbetrieb. Ist die Angst übertrieben?

Mehrere Studien kamen zu dem Schluss, dass Kinder offenbar deutlich seltener an Covid-19 erkranken als Erwachsene. Aber sind sie auch weniger ansteckend? Diese Frage können Wissenschaftler noch nicht mit Sicherheit beantworten, einige Untersuchungen sprechen dafür - andere dagegen.

Laut einer der bisher größten Datenanalysen aus Südkorea  sind Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren möglicherweise sogar noch ansteckender als Erwachsene. Jüngere Kinder gaben das Virus dagegen nur selten weiter. Für die Untersuchung hatten Forscher zwischen Ende Januar und Ende März die Kontakte von etwa 5700 Corona-Patienten in Südkorea nachverfolgt – insgesamt mehr als 60.000 Menschen.

Die Forscher versuchten, die einzelnen Infektionsketten möglichst bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Als Indexpatienten zählten sie denjenigen, der innerhalb eines Clusters als Erster positiv auf das Coronavirus getestet worden war.

Die Analysen zeigen: Auch wenn vor allem ältere Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung sterben, sind Jüngere offenbar die Treiber der Pandemie. Fast ein Drittel der definierten Indexpatienten war zwischen 20 und 29 Jahren alt. Die Gruppe der 40- bis 60-Jährigen machte zusammen ein weiteres Drittel aus.

Auf Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren ließen sich dagegen nur wenige Infektionsketten zurückführen. Sie machten nur zwei Prozent der Indexpatienten aus. Das könnte laut den Forschern jedoch daran liegen, dass zu dem Zeitpunkt der Untersuchung Schulen bereits teilweise geschlossen waren. Geht der Schulbetrieb wieder los, könnte der Anteil der jugendlichen Indexpatienten steigen und die Pandemie beschleunigen.

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Schulöffnungen werden ständiges Taktieren bleiben

Denn selbst wenn Jugendliche seltener als Ausgangspunkt der Pandemie erkannt wurden, gaben sie das Virus laut den Analysen an mehr Menschen weiter. So steckten sich in Haushalten, in denen die Infektionskette wahrscheinlich von einem Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren ausging, 18,6 Prozent der Menschen an. Im gesamten Durchschnitt waren es dagegen nur 11,8 Prozent. Die Rate könnten sogar noch höher sein, weil nur Menschen mit Symptomen getestet wurden, wenn sie nicht zu einer Risikogruppe gehörten.

Die erhöhte Zahl könnte sich damit erklären lassen, dass Jugendliche genauso infektiös sind wie Erwachsene und zeitgleich engeren Kontakt zu Familienmitgliedern haben, was eine Ansteckung begünstigt. Auch ein Forschungsteam um den Virologen Christian Drosten berichtete, dass sich das Coronavirus im Rachen von Kindern ähnlich stark ausbreitet wie bei Erwachsenen, weshalb sie genauso infektiös sein könnten.

Daten aus China legen zudem nahe, dass der Anteil infizierter Kinder zum Anfang der Pandemie unterschätzt wurde, weil sie nur selten Symptome zeigten und deshalb weniger getestet wurden. So stieg der Anteil der nachweislich infizierten Kinder in Shenzhen laut einer Untersuchung von zwei auf 13 Prozent. Auch in Israel waren größere Ausbrüche an Schulen entdeckt worden, nachdem der Unterricht im Mai wieder losgegangen war. Sie könnten ein Grund dafür sein, dass die Fallzahlen in Israel erneut ansteigen.

Wäre die Rückkehr zum Regelbetrieb nach den Sommerferien also zu riskant? Welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus spielten, lässt sich nur schwer einschätzen, weil Kitas und Schulen lange geschlossen blieben. Zuverlässige Daten stammen aus der Frühphase der Pandemie, als der Regelbetrieb noch weitgehend normal lief. Zu dieser Zeit waren die Testkapazitäten jedoch deutlich niedriger.

Auch die aktuelle Untersuchung aus Südkorea ist mit Unsicherheiten verbunden, selbst wenn sie zu den bisher umfangreichsten dieser Art gehört. So basieren die Ergebnisse über die Ansteckung durch Jugendliche auf den Daten von nur 124 Indexpatienten zwischen zehn und 19 Jahren.

Bei der Entscheidung über Schulöffnungen spielen neben dem Infektionsrisiko auch weitere Faktoren eine Rolle, die sich nur schwer wissenschaftlich exakt bemessen lassen. Längst nicht jede Familie kann das Homeschooling dauerhaft stemmen. Durch die Schulschließungen droht die Leistungslücke bei Schulkindern weiter auseinanderzuklaffen. Auch der wirtschaftliche Schaden der Schulschließungen ist immens, wenn Mama und Papa, statt ihren regulären Jobs nachzugehen, unfreiwillig zu Lehrern und Erziehern werden.  

Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs wird wahrscheinlich ein ständiges Taktieren bleiben. Umfangreiche Tests, Hygienemaßnahmen und Notfallpläne in den einzelnen Bundesländern sollen das Infektionsrisiko minimieren (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Zudem sprechen längst nicht alle Untersuchungen dafür, dass der Schulunterricht zum Superspreading-Event werden könnte. Dänemark meldete nach der Wiedereröffnung beispielsweise keine größeren Ausbrüche an Schulen. Auch Sachsen gab jüngst in Sachen Schulen Entwarnung. Nur bei 0,6 Prozent von etwa 2000 untersuchten Schülern und Lehrern fanden sich Antikörper gegen das Coronavirus, obwohl sie viele soziale Kontakte hatten. Eine Untersuchung in Baden-Württemberg kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Nun muss sich zeigen, ob das nach den Sommerferien auch so bleibt.

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