Beispiele Frankreich, Italien, Österreich Welchen Weg nimmt die Corona-Achterbahn in Deutschland?

Deutschland steht an einem Scheideweg: Lassen Lockerungen und Mutante die Fallzahlen rasant steigen? Die Lage in anderen europäischen Ländern zeigt, wie es hier weitergehen könnte.
Paris: In Frankreich blieben die Infektionszahlen auch ohne Shutdown auf gleichem, aber hohem Niveau

Paris: In Frankreich blieben die Infektionszahlen auch ohne Shutdown auf gleichem, aber hohem Niveau

Foto: Christophe Petit Tesson / EPA

Erst 50, dann 35, jetzt 100: In den vergangenen Wochen haben Bund und Länder immer neue Grenzwerte festgelegt , bei denen Lockerungen möglich sein sollen. Die Virologin Isabelle Eckerle von der Universität Genf verglich das Hin und Her mit jemandem, der eigentlich abnehmen will, sich für jedes verlorene Pfund aber sofort mit einer Riesenpizza belohnt und sich dann wundert, dass es mit dem Abnehmen nicht klappt.

Sie ist nicht die einzige Expertin, die mit Sorge auf die kommenden Wochen blickt. Durch die vereinbarten schrittweisen Lockerungen und die sich ausbreitende Mutante B.1.1.7 dürfte die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland wieder steigen. Die entscheidende Frage wird nun sein, was Schnelltests und Impfungen dem entgegensetzen können.

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Zuletzt verzeichnete das Robert Koch-Institut (RKI) einen Anstieg der gemeldeten Neuinfektionen, aber einen Tiefstand bei den Todesfällen. Dass weniger Covid-19-Tote gemeldet werden, könnte bereits ein Erfolg der Impfungen sein. Die Inzidenz bei den über 80-Jährigen ist zuletzt zurückgegangen, wahrscheinlich weil viele Senioren mit der Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung geschützt sind.

Auf ein vermindertes Infektionsgeschehen lässt sich daraus aber nicht schließen – im Gegenteil. Wichtige Kennwerte geben deutliche Hinweise auf einen neuen Anstieg.

  • So wurden am Montag mit 5011 Corona-Neuinfektionen merklich mehr gemeldet als am Montag vergangener Woche (4732).

  • Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut RKI am Montag bundesweit bei 68 – und damit höher als am Vortag (66,1). Einen solchen Wert hatte es zuletzt am 10. Februar gegeben, also vor fast vier Wochen. Danach war die Inzidenz noch einige Tage gesunken, ein Tiefstand wurde mit 56,8 am 19. Februar erreicht. Seither geht es mit dem Wert in der Tendenz wieder merklich aufwärts.

  • Bestätigt wird der Trend von der Entwicklung der sogenannten Reproduktionszahl: Der im abendlichen Lagebericht des RKI angegebene bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag in den vergangenen zwei Wochen (seit 22. Februar) stets deutlich über 0,9 und an der Mehrzahl der Tage über 1. Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch mehr als 100 weitere Menschen anstecken – ein anhaltend über 1 liegender Wert gilt darum als Signal für eine Zunahme beim Infektionsgeschehen.

Geht der Trend weiter, könnte die Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit bereits in den kommenden ein bis drei Wochen die Grenze von 100 knacken. Dann müsste theoretisch die von Bund und Ländern vereinbarte Notbremse greifen – Lockerungen würden wieder zurückgenommen. Oder die Politik einigt sich auf neue Grenzwerte.

Ein Blick in die europäischen Nachbarländer zeigt, wie es nun weitergehen könnte. Denn auch der Rest Europas durchläuft eine Corona-Berg-und-Tal-Fahrt. Dort zeigen sich drei denkbare Szenarien:

  • Die Corona-Achterbahn gerät ins Stocken, weitere Lockerungen würden dadurch möglicherweise unerreichbar.

  • Die Achterbahn rauscht in immer wieder neue Shutdown-Loopings.

  • Oder sie rumpelt auf hohem Niveau in einem Dauer-Shutdown light voran.

Beispiel Österreich – weitere Öffnungen in Gefahr

Österreich hat schon vor knapp einem Monat ähnliche Lockerungen beschlossen wie Deutschland. Die Geschäfte sind seit Anfang Februar unter Auflagen wieder geöffnet, auch die Schule läuft vielerorts im Regelbetrieb. Andere Einschränkungen gelten dagegen weiterhin. Restaurants dürfen nur Essen zum Mitnehmen anbieten, private Treffen sind auf zwei Haushalte beschränkt, zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gelten anders als in Deutschland zusätzlich Ausgangsbeschränkungen. Allerdings darf man in dieser Zeit auch zum Spazierengehen raus.

Als Österreich die Lockerungen beschlossen hatte, lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei etwa 100, inzwischen steuert die Alpenrepublik auf eine Marke von 200 zu. Nach jüngsten Daten des Covid-Prognose-Konsortiums droht die Sieben-Tage-Inzidenz von jetzt rund 165 auf 228 nächste Woche zu steigen. Die Entwicklung sei regional voraussichtlich sehr unterschiedlich. Ein besonders hoher Wert von rund 320 sei im Bundesland Salzburg zu erwarten. »Das Ruder zeigt leider in die falsche Richtung«, sagte Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober.

Ein Grund für die steigenden Zahlen könnten auch zunehmende Tests sein. Das tägliche Aufkommen bei Antigen- und PCR-Tests hat sich in Österreich bei etwa 220.000 eingependelt. Das würde unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl etwa zwei Millionen täglichen Tests in Deutschland entsprechen.

Allerdings ist die Zahl der Tests zuletzt nicht signifikant gestiegen, und auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern steigt spürbar. Ein Indikator, dass sich das Virus tatsächlich wieder stärker ausbreitet. Eine Überlastung der Intensivstationen droht laut Behördenangaben aber nicht.

Laut dem österreichischen Covid-Prognose-Konsortium geht die Steigerung bei den neu gemeldeten Infektionen auf die aus Großbritannien bekannte Mutante B.1.1.7 zurück. Die Reproduktionszahl sei auf 1,14 gestiegen. Das heißt, dass 100 Erkrankte 114 weitere Menschen anstecken.

Inzwischen gibt es Zweifel, ob die Außenbereiche der Gastronomie in Österreich wie geplant am 15. März öffnen können.

Beispiel Italien – Lockerungen müssen zurückgenommen werden

Italien setzt seit dem Herbst auf ein Ampelsystem, das einzelne Gebiete in Risikozonen einteilt – je nachdem, wie stark sich das Virus dort verbreitet. Anfang Februar gab es auch in Italien erste Lockerungen. In gelben Zonen durften Restaurants bis 18 Uhr öffnen, auch Museumsbesuche sind seitdem wieder möglich. Zunächst schienen die Öffnungen die Infektionszahlen kaum nach oben zu treiben. Bis Ende Februar blieb die Inzidenz landesweit bei stabil um etwa 149.

Allerdings machen sich die Öffnungen verzögert bemerkbar, weil einige Zeit zwischen dem Tag der Ansteckung und positivem Testergebnis vergeht. Seit Ende Februar steigen die Zahlen wieder deutlich. Die Gesundheitsbehörden in Italien zählten am Sonntag fast 21.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden.

Italien hat deshalb in mehreren Regionen die Beschränkungen verschärft. Viele Schulen bleiben dort ab Montag wieder geschlossen, Restaurants in betroffenen Gebieten dürfen nicht mehr für Gäste öffnen. Die süditalienische Urlaubsregion Kampanien, zu der Neapel und die Amalfiküste gehören, ist nun als dritte Region eine rote Zone mit den schärfsten Corona-Sperren.

Bisher sind schon die Basilikata im Süden und die kleine Adria-Region Molise solche roten Zonen. In diesen Gebieten müssen Schulen schließen. Die Menschen sollen ihre Wohnungen möglichst selten verlassen. In ganz Italien gilt zudem weiter eine nächtliche Ausgangssperre ab 22.00 Uhr. Die Regionalgrenzen dürfen nur in Ausnahmefällen überschritten werden. Wegen der nach oben gehenden Corona-Kurve hatten Experten am Wochenende von der Regierung eine weitere Verschärfung der Schutzmaßnahmen gefordert.

Beispiel Frankreich – Seitwärtsbewegung

Anders als andere Länder setzte Frankreich nicht auf einen strengen nationalen Shutdown, stattdessen tastet sich das Land durch einen Dauer-Halb-Shutdown. Schulen und Geschäfte blieben geöffnet. Allerdings gilt weiterhin eine nächtliche Ausgangssperre, große Einkaufszentren und Restaurants bleiben geschlossen. Die Infektionskurve macht seitdem eine Seitwärtsbewegung.

Etwa seit Anfang des Jahres stagnieren die pro Tag gemeldeten Neuinfektionen auf hohem Niveau bei etwa 20.000. Die Inzidenz für ganz Frankreich lag zuletzt etwa bei 220, in Paris war sie mit 320 noch deutlich höher. Anders als Deutschland konzentriert sich Frankreich jedoch nicht mehr hauptsächlich auf die gemeldete Zahl der Neuinfektionen, sondern auf die Situation in den Krankenhäusern.

Wegen der steigenden Zahl von Covid-19-Patienten gelten in Nord- und Südfrankreich zusätzliche Wochenend-Lockdowns. Von Freitag 18 Uhr bis Montag sechs Uhr dürfen Anwohner ihre Häuser nur verlassen, wenn sie einen triftigen Grund dafür haben. Die Betroffenen sollen sich nur in einem Umkreis von fünf Kilometern bewegen.

Das an Deutschland grenzende französische Département Moselle gilt seit Anfang März als Risikogebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko, weil sich dort die ansteckendere Virusvariante rasant ausbreitet. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans forderte im SPIEGEL-Interview , mehr Impfstoffdosen in den saarländischen Grenzregionen zur Verfügung zu stellen, um die Ausbreitung der Virusvariante zu dämpfen.

Die Menschen in Frankreich müssten noch vier bis sechs Wochen durchhalten, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dann könnten Auswirkungen der Impfkampagne spürbare Lockerungen bringen. Sein Regierungssprecher stellte bis Mitte April eine »Rückkehr zu einem normalen Leben« in Aussicht. Im französischen Verteidigungsrat soll Macron gesagt haben: »Solange ihr Impfstoff im Kühlschrank liegen lasst, sperre ich die Leute nicht wieder ein.« Nun muss sich zeigen, ob der Präsident das Versprechen halten kann.

koe/dpa